Speyer Provokation inbegriffen
Fussgönheim. „Von Braun zu Braun – Auf den Spuren des Zweiten Weltkriegs“ heißt die Ausstellung, die seit Kurzem in der Museumsscheune Fußgönheim läuft. Federführender Gestalter ist Matthias Marnet. Er möchte Denkanstöße geben und die Besucher zur Auseinandersetzung mit der Geschichte anregen. Dass er dabei manchmal provoziert, ist Absicht. „An dem Titel der Ausstellung haben sich schon die Ersten gestoßen“, erzählt Marnet beim Vorab-Besuch der RHEINPFALZ. Auch die Eröffnung selbst, die das Motto erläutert, hätten manche Leute aus dem Heimat- und Kulturkreis zuerst skeptisch aufgenommen. Aber Marnet kann erklären, was er sich dabei gedacht hat. An einer Vitrine will er den Besuchern sein Konzept verdeutlichen. „Zuerst enthülle ich die Seite, auf der Insignien, Abzeichen und die heroische Selbstdarstellung der Nazis gezeigt werden. Braun war die Farbe ihrer Uniformen“, erklärt Marnet. „Eisen für den Sieg“ zitiert die Vitrine einen Nazi-Spruch und zeigt ein blankes Bajonett. In der zweiten Hälfte gibt es ein verrostetes Bajonett, Eisensplitter, Waffenreste und weitere Überbleibsel zu sehen, die Marnet im Boden gefunden hat. „Braun ist jetzt die Farbe der Überreste“, erklärt er. „Vom ,Eisen für den Sieg‘ bleibt nur Rost.“ Marnet sammelt seit 20 Jahren Überbleibsel aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Seine Funde stammen allesamt aus der Pfalz, berichtet der 37-Jährige. Er arbeitet an einem Buch mit dem Arbeitstitel „Die Erben der Verlierer“, zu dem er auch Zeitzeugen der Kriegstage befragt. Geschichte bewahren, das ist sein Ziel. „Noch habe ich die Gelegenheit, mit Leuten zu reden, die aus erster Hand berichten können“, sagt er. Sein Interesse an Geschichte sei schon früh geweckt worden. Als Zwölfjähriger habe er beim Familienurlaub in Kroatien gehört, wie vom Schatz des Hunnenkönigs Attila gesprochen wurde. Später konzentrierte er sich auf die Geschichte „vor der Haustür“. Schließlich sei unsere Gegend seit der Zeit der Kelten immer wieder Schauplatz von Krieg und Vertreibung gewesen. Marnets Vorfahren etwa waren Hugenotten, die im 16. Jahrhundert aus dem katholischen Frankreich fliehen mussten. Zusammen mit seinem Bruder Daniel geht er durch die Pfälzer Landschaft, und manche Funde sind verblüffend offensichtlich. „Bei Frankenstein haben wir am Straßenrand ein Autowrack gesehen, das von Brombeeren überwachsen war. Das stellte sich als ein Opel Blitz der Wehrmacht heraus“, erzählt Marnet. Für den gelernten Einzelhandelskaufmann ist Geschichte ein Hobby – aber eines, das er sehr ernsthaft betreibt. „Ich gucke nicht nur Steine an, ich drehe sie um und gucke darunter“, beschreibt er sein Vorgehen. Er sammelt auch nicht für Profit. Den Handel mit Nazi- und Kriegsmemorabilia lehnt er ab. „Es geht um unsere eigene Geschichte, und mit der müssen wir uns auseinandersetzen“, ist er überzeugt. Ideologische Vorgaben oder politische Erwünschtheit spielen dabei für ihn eine Nebenrolle. „Die Leute sollen sich selbst eine Meinung bilden“, sagt Marnet. Dass es auch Menschen gibt, die lieber Glanz und Gloria der Nazi-Selbstinszenierung sehen als die schrecklichen Folgen dieser Ideologie, ist Marnet bewusst: „Sollte mir das hier auffallen, werde ich das Gespräch mit ihnen suchen.“ Mit falschen Legenden will der 37-Jährige zwar aufräumen, verweist aber auch auf Dinge, die bis heute Bestand haben. „Dass Hitler die Autobahn erfunden hat, ist Unsinn“, sagt er. Dass in der Nazizeit Fanta – die Limonade – erfunden wurde, wisse hingegen kaum jemand. Und dass es die Nazis waren, die den Ersten Mai zum gesetzlichen Feiertag machten, werde auch gern vergessen. Marnet arbeitet mit dem Vermisstenforscher Uwe Benkel zusammen und hat sich für die Ausstellung mit Mitarbeitern des Landesamts für Denkmalpflege beraten.