Speyer
Pierre Pané-Farré in der Winkeldruckerey
Er steht unter Zeitdruck beim Drucken, weil der angekündigte Generalstreik der Deutschen Bahn seinen Aufenthalt in Speyer um einen Tag verkürzt hat: Wäre er am Sonntag Nachmittag nicht in den Zug gestiegen, hätte er am Dienstag seinen Lehrverpflichtungen an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) in Hamburg nicht mehr nachkommen können. Dort hält er eine Professur für „Type Design“ und beschäftigt sich darüber hinaus mit historischen Drucktechniken und mit Schriftarten. Wie anmutend und farbenfroh die Arbeit mit diesen Drucktechniken ausfallen kann, zeigen Pané-Farrés leuchtend farbige Blätter, die am letzten Druckerwochenende der Wintersaison 2022/23 in der Winkeldruckerey entstanden sind.
Bunte Explosionen
Mitgebracht nach Speyer hat er Druckformen, die er für seine Diplomarbeit 2012 hergestellt hatte. Man merkt, dass ihm diese Druckformen sehr ans Herz gewachsen sind. Er nutzt das Wochenende in der Winkeldruckerey, um sie in immer neuen Konstellationen aufs Papier zu bringen. Eine selbstklebende Folie auf dem Druckstock erlaubt ihm, die gewählten Formen flexibel auszutauschen. Daraus kann er mehrere unterschiedliche Drucke aufbauen, so dass am Ende nicht ein einziger Druck entsteht, sondern viele Varianten davon. Vier bis fünf Farbschichten werden dabei übereinander gedruckt. Wichtig sind ihm die Farbverläufe und immer wieder neue Farben auf der Druckwalze, die weiche Übergänge ermöglichen. So entsteht eine wahre Explosion an Farben und an Formen an diesem Wochenende in der Winkeldruckerey.
Die polychrome Druckerei, das Thema des Farbendrucks, beschäftigt Pané-Farré schon seit einer ganzen Reihe von Jahren. Dabei ist er in vielen Welten unterwegs, als Grafik-Designer, Buch- und Schriftgestalter. Das betrifft nicht nur seine Arbeit an der Hochschule in Hamburg oder die Einführung neuer, von ihm entwickelter Schriften, sondern auch die Erforschung und Dokumentierung historischer Schriften. Zusammen mit Stephan Müller und Reymund Schröder hat er das Label „Forgotten Shapes“ begründet, das sich der digitalen Rekonstruktion historischer Schriften widmet.
Mehr prämierte Arbeiten
Das „Machen“ und „Gestalten“ an der Druckerpresse ist ihm allerdings nach wie vor wichtig, wobei Theorie und Geschichte der Drucktechniken immer mitgedacht werden. „Das bedingt sich gegenseitig“, formuliert er überzeugt. Die Auseinandersetzung mit den historischen Techniken nutzt er konsequent - nicht um sie visuell zu reproduzieren oder gar zu imitieren. Er sieht darin eine Art Wissenspool, den man im veränderten Kontext auch neu nutzbar machen kann: Historische Drucktechniken und Schriften als „Denkschule“. Sie können damit auch eine neue ästhetische Wirkung entfalten, sagt Pané-Farré. Die in Speyer entstandenen Blätter belegen diese methodisch durchdachte Arbeitsweise eindrucksvoll.
Pierre Pané-Farré, 1984 in Greifswald geboren, studierte von 2005 bis 2012 Type-Design an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) in Leipzig bei Stephan Müller und Fred Smeijers. Von 2013 bis 2016 war er Meisterschüler bei Fred Smeijers. Pané-Farrés Arbeiten wurden mehrfach prämiert: Gold Medaille im Wettbewerb Best book design from all over the world 2018, Walter-Tiemann-Preis 2018, 2. Preis, Type Directors Club Tokyo, Type Directors Club New York, Festival d“affiche Chaumont, 100 beste Plakate. Seit 2021 hält er eine Professur für Type Design an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg (HAW). Der typographische Gestalter wohnt in Leipzig.