Speyer
Patricks Woche: Weltfrieden für die Speyerer Kitas
Welchen Garten kann man nicht gießen? Den Kindergarten natürlich! Sehr lustig – aber wie so oft mit ernstem Hintergrund: In Speyer wird nämlich inzwischen in mehr als einem Kindergarten eine Art Dünger gesucht, der die Anzahl der Kinder wachsen lässt. In dieser Woche wurde über die bevorstehende Schließung der Kita Mariä Himmelfahrt informiert, deren Kinder in die Kita Don Bosco wechseln können, denn beide Einrichtungen haben Plätze frei. Auch in der Kita St. Markus (Personalmangel) und in der Kita Wola werden laut aktualisierter Bedarfsplanung Plätze reduziert.
Diese Entwicklung könnte sich fortsetzen und sogar noch verschärfen. Die Geburtenrate ist in Speyer wie bundesweit rückläufig. Eine städtische Statistik weist im aktuellen Kindergartenjahr eine errechnete Versorgungsquote von 98 Prozent für die Zwei- bis Sechsjährigen aus. In drei Jahren läge sie demnach schon bei durchschnittlich fast 109 Prozent, in Speyer-Nord als Ausreißer sogar bei 127 Prozent. Es ist zu erwarten, dass weitere Kita-Standorte wegfallen. Ein konkreter Anlass für eine solche Entscheidung könnte zum Beispiel teurer Sanierungsbedarf am Gebäude sein, wie jetzt bei Mariä Himmelfahrt.
Falsche Prognosen
Noch vor wenigen Jahren sah das ganz anders aus. Die Stadt hat etwa die Kitas Farbklecks und Pünktchen neueröffnet und kirchliche Träger bei der Erweiterung von Einrichtungen unterstützt. Anlass war vor allem die vergrößerte Zielgruppe durch den in Rheinland-Pfalz eingeführten Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab zwei Jahren. 25 Kitas gibt es insgesamt, und bis vor Kurzem sollte die Anzahl der Plätze weiter ausgebaut werden: Die Stadt plante eine zusätzliche Einrichtung am Russenweiher, will mit dieser aber nun andere Kitas ersetzen. Das Abenteuerland könnte zu Speyers erster Ü6-Kita umfunktioniert werden. Bei den Katholiken ist Don Bosco – noch ohne Mariä Himmelfahrt – in den vier Jahren seit der Eröffnung nie so groß geworden wie prognostiziert.
Das Bild von fehlenden Kita-Plätzen, das vielfach noch vorherrscht, ist in Speyer nicht zutreffend. Das ist anders als etwa in Ludwigshafen, wo eine vierstellige Anzahl an Plätzen fehlt – auch wenn die demografische Entwicklung diesen Wert schon verringert hat. Die gute Versorgung hat damit zu tun, dass die Kita-Planung in Speyer schon immer sehr vorausschauend war. Als 2021 mit dem neuen Kita-Gesetz vielfach Ganztags- statt Halbtagsplätze plus Mittagessen angeboten werden mussten, war das im modernen und gut ausgebauten Bestand in der Domstadt problemlos möglich. Anderswo wird heute noch den Anforderungen hinterhergehechelt. Die Stadt ist als Träger weitsichtig, und auch die Kirchen wollen am Sitz von Bischof und Kirchenpräsidentin nicht schlecht dastehen.
So positiv das ist, so bedauerlich ist ein anderer Erklärungsansatz, nämlich die Sozialstruktur: Der Anteil junger Familien ist in Speyer vergleichsweise überschaubar. Es gab in den vergangenen Jahren wenige Neubaugebiete, und diese lagen oft auch noch im eher hochpreisigen Bereich. Die Tendenz, dass Junge ins Umland abwandern, gibt es schon lange. Die Auswirkungen merkt man jetzt unter anderem in den Kitas. Grundsätzlich umkehren wird sich der Trend in absehbarer Zeit eher nicht. Auch im Umland wurden aber schon Kita-Neubaupläne gestoppt, zum Beispiel in Römerberg.
Schwierige Planung
Bei den Katholiken, die ihre Kita-Standorte in Speyer reduzieren, geht die Ursachensuche noch tiefer. Verantwortliche führen unter anderem die Weltlage als möglichen Grund für die Zurückhaltung beim Kinderkriegen an. In den Jahren nach dem russischen Angriff auf die Ukraine hätten sich zunehmend Löcher in der Kita-Belegung aufgetan. Die Planung des Betreuungsangebots ist dabei ungleich schwerer als etwa die Ausgestaltung der Schullandschaft, denn ab der Geburt eines neuen Erdenbürgers bleiben meist allenfalls ein oder zwei Jahre, bevor dessen Eltern auf einen Kita-Platz für ihn angewiesen sind. Trotz der hohen Verantwortung, die eine Kommune also bei den entsprechenden Weichenstellungen trägt, kann sie wegen zunehmend knapper Kassen aber nicht dauerhaft über 100 Prozent Versorgungsquote gehen.
Am besten nicht nur für Speyer wäre es, wenn die Geburtenrate wieder nach oben ginge. Sie lag zuletzt bundesweit nur noch bei 1,35 Kindern pro Frau und damit spürbar unter dem Zwischenhoch von 1,59 im Jahr 2019, aber weit unter den 2,1, die erforderlich wären, um die Bevölkerungszahl ohne Zuwanderung stabil zu halten. Zum Vergleich: Im Babyboom-Jahr 1964 lag der Wert noch bei 2,53. Hinter all dem stehen höchst individuelle Entscheidungen, weshalb die Hoffnung, dass die Lust aufs Kinderkriegen wieder zunimmt, nur ganz allgemein geäußert werden kann. Die Gesellschaft kann jedoch für passende Rahmenbedingungen sorgen. Mit Weltfrieden etwa. Und mit einem guten Betreuungsangebot. Wobei dann – passend zum Thema Geburt – im übertragenen Sinn zu fragen wäre: Was war zuerst da, die Henne oder das Ei?