Stadtgeschichte(n) RHEINPFALZ Plus Artikel Papst öffnet Portemonnaie für Speyer

Seppelskasten: 2021 Abriss von einem Teil des Traditionsgebäudes.
Seppelskasten: 2021 Abriss von einem Teil des Traditionsgebäudes.

Bewegte Zeiten für den „Seppelskasten“: Das frühere Bistumshaus St. Josef wurde vor wenigen Wochen als Wohnprojekt mit 36 Einheiten eingeweiht und feierte 100 Jahre in kirchlicher Hand. Das Jubiläum lohnt einen Blick zurück. Warum hat sich das Bistum 1923/24 in wirtschaftlich unsicheren Zeiten das Gebäude gesichert?

Es war ein soziales Werk. Das Bistum Speyer ermöglichte es im Mai 1924 mit der Gründung eines Schülerwohnheims vielen (männlichen) Jugendlichen aus ländlichen Gebieten, in Speyer das Abitur zu machen. Von ihren eigentlichen Wohnorten aus, etwa in der Nord- und Westpfalz, war es damals nicht möglich, täglich ein Gymnasium zu erreichen. Das Gebäude sicherte sich der Bischöfliche Stuhl dabei ausgerechnet im Jahr der Hyperinflation 1923. Es hatte seine baulichen Wurzeln 1879 und war lange eine Zigarrenfabrik gewesen. Deren Betreiber, die Brüder Strothoff, wohnten in Bremen, die Fabrik stand leer.

Nikolaus Lauer war einer der ersten Direktoren des katholischen Wohnheims. Der Priester und Religionslehrer zeichnete später auch für die Bistumszeitung „Der Pilger“ verantwortlich und hat die Umstände dokumentiert. Mit der von Tag zu Tag mehr abgewerteten Mark konnten Immobiliengeschäfte 1923 kaum noch abgewickelt werden, sodass der Preis in Holländischen Gulden aufgerufen wurde. 25.000 Gulden sollten fließen, nach einer Umwechslung über US-Dollar wurden letztlich 37.092.500 Millionen Papier-Mark gezahlt, berichtet Lauer. Das sei ein finanzieller Kraftakt für die Kirche gewesen, den ein „Inflationsgewinn“ erleichtert habe.

Lire, Gulden und US-Dollar statt Mark

Hilfe kam aber auch von ganz anderer Stelle. 60.000 Italienische Lire steuerte den Überlieferungen zufolge aus Rom der damalige Papst Pius XI. bei. Politiker, kirchliche Gruppen und Gläubige spendeten fleißig und, so Lauer, „einen großen Teil der Mittel stellte der Caritasverband der Diözese Speyer zur Verfügung“. Umbaukosten – zur Hälfte aus bischöflichen Mitteln, zur Hälfte kreditfinanziert – kamen hinzu, denn das dreistöckige Objekt an der heutigen Kreuzung von Oberer Langgasse und Bahnhofstraße war nur für Zwecke der Fabrik eingerichtet. „Eine Beheizungs- und Beleuchtungsanlage fehlte, ebenso Bad und Abortgelegenheiten“, so Lauer.

Als eine Warmwasser-Zentralheizung vom Eisenwerk Kaiserslautern eingebaut und der Betrieb ins Laufen gekommen war, wurde in der Bahnhofstraße 31 ein weiteres Anwesen hinzugekauft, um einen Spielplatz für das Josefsheim sowie das Lehrlingsheim St. Philipp von Zell einzurichten. Der Speyerer Caritasverband verwaltete seit Ostern 1925 die beiden Anstalten gemeinsam und bezog auch einzelne Büros. Das straffe Regiment an der Pforte und in der Küche hatten Herxheimer Paulusschwestern; dazu kamen der Direktor, der Präfekt und ältere Schüler, die die jüngeren im Blick hatten. Das 1931 in Verantwortung des bedeutenden Kirchenarchitekten Albert Boßlet modernisierte und 1962 erweiterte Josefsheim hatte eine Kapazität von 150 Plätzen.

Einzelzimmer unrealistisch

Die Zwölf- bis 20-Jährigen belegten keine Einzelzimmer, sondern wurden in Gruppen von bis zu 20 jungen Leuten in die Schlaf- und Studiersäle eingeteilt. Einer der Seminaristen war Richard Antoni aus Rodalben, der seine Erinnerungen zu Papier gebracht hat. Er schreibt von spartanischen Zeiten, die prägend gewesen seien. In der Freizeit hätten die Bewohner des „Kaschde“ auf dem Sportplatz am Eselsdamm Fußball gespielt oder die zwei Tischtennisplatten im Haus genutzt. Nur alle vier Wochen durften die Schüler demnach ein Wochenende zu Hause verbringen. Der Montag war dann frei, damit die Mütter Zeit hatten, die Wäsche zu waschen.

„Die soziale Frage bleibt immer“, zog Bischof Wiesemann eine Parallele vom damaligen Zweck zur heutigen Wohnnutzung. Er erinnerte auch an seine Vorgänger, die im Seppelskasten ihre Spuren hinterlassen haben, allen voran Joseph Wendel, einer der frühen Direktoren, später Caritaschef und Bischof in Speyer sowie Kardinal in München. Mathias Köller von Bistumsarchiv, früher selbst Seminarist, legt auf Anfrage eine komplette Liste der Direktoren vor, die Bistums- und auch Stadtgeschichte widerspiegeln, darunter Eberhard Körbling, aus der Arztvilla nur wenige Häuser weiter stammender Priester, oder Herbert Slach, der sich auch als Vorsitzender des Speyerer Kanuclubs engagierte und 1972 bei einer Wildwasserfahrt in den Alpen tödlich verunglückte.

„Soziale Großtat“

„Mit der Gründung des Studentenheimes war besonders im Hinblick auf die Zeitverhältnisse der Jahreswende 1923/24 eine soziale Großtat vollzogen worden“, urteilt Chronist Lauer. Aber die Verhältnisse änderten sich. Die Schullandschaft in der Pfalz und Saarpfalz wurde vielfältiger, immer weniger Internatsschüler kamen, Mitte der 1970er Jahre schloss das Wohnheim. In kirchlicher Hand blieb das „Bistumshaus St. Josef“ als Sitz des Caritasverbands und des Kirchenmusikalischen Instituts, für die der erneut die Jahre gekommene „Kasten“ später auch nicht mehr ausreichte: Sie bekamen vor einigen Jahren im Hasenpfuhl und in der Nikolaus-von-Weis-Straße neue Quartiere.

2017 war Auszug, dann gab es wiederum Leerstand, bis 2021 Bauarbeiten des Gemeinnützigen Siedlungswerks (GSW) begannen: Eine Umwandlung in Wohnraum war als zukunftsweisende Variante ausgewählt worden. Auch wenn die Diözese und der Caritasverband die beiden Gesellschafter der GSW sind, gibt die Kirche mit Abschluss des 16-Millionen-Euro-Projekts nun die Fäden weitgehend aus der Hand, denn 27 Wohnungen sind verkauft worden. Vermieter bleibt das Unternehmen für sechs Mietwohnungen sowie Gruppen des katholischen Jugendwerks St. Josef.

Mai 2024: Einweihung mit neuem Innenhof.
Mai 2024: Einweihung mit neuem Innenhof.
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