Speyer Paddeln ohne „nervende Jungs“

An die Paddel, fertig, los: Mit vereinten Kräften werden die Kanus zu Wasser gelassen.
An die Paddel, fertig, los: Mit vereinten Kräften werden die Kanus zu Wasser gelassen.

„Jungs nerven manchmal“, meint die neun Jahre alte Tina. Dass jemand blöde Kommentare liefert, musste sie am Mittwochnachmittag nicht fürchten: Tina und 14 andere Mädchen blieben unter sich – abgesehen von einer Handvoll Erwachsener, die die Gruppe betreuten. Auf dem Programm der Mädchenwoche im Kreis Germersheim stand Paddeln auf dem Lingenfelder Badesee.

Die Mädchen haben Lust auf das Abenteuer. Manche wie Jana (9) waren schon mal in solch kleinen Booten unterwegs. Angelika (11) gehört zu den Einsteigern, wollte Paddeln aber schon immer mal ausprobieren. Deshalb ist sie über das Germersheimer Jugendzentrum „Hufeisen“ an den Badesee gekommen. Der andere Teil der Mädchengruppe kommt aus dem Umfeld des Germersheimer Stadtteilladens Kleine Au. Werner Kopf ist der Mann mit den Paddelbooten und dem dazugehörigen Wissen. Er selbst ist diplomierter Sportlehrer, Jugendpfleger in Dannstadt-Schauernheim und bot bis vor Kurzem gewerblich Kanu-Touren an. Das Gewerbe ist jetzt Geschichte, aber Kanadier und Kajaks besitzt Werner Kopf noch. Vor der Praxis kommt die Theorie. „Jetzt bass obacht!“ und „Habt ihr’s kapiert?“, ruft der Kanu-Fachmann den Mädchen an diesem Nachmittag oft zu. Er erklärt, aus welchen Teilen ein Paddel besteht, wie man es richtig greift und wie es richtig durchs Wasser bewegt wird. Das ist alles wichtig, um das Boot nicht nur in Fahrt zu bringen, sondern auch zu manövrieren. Kopf bittet zu Trockenübungen und fragt alles ab. „Ein paar Begriffe müssen sitzen“, erklärt er. Die Mädchen sollen später wissen, was zu tun ist, wenn er ihnen etwas zuruft. Und falls wirklich ein Boot kentert, lautet Kopfs Ratschlag: „Keine Panik!“ Die Boote gehen nicht unter, man kann sich an ihnen festhalten oder sie wieder umdrehen und einsteigen. So einfach ist das. Nach der rund einstündigen Einweisung heißt es: Jacken und Hosen aus, Schwimmwesten und Paddelschuhe an. Bei unbeständigem, windigem Wetter stehen die neun bis 14 Jahre alten Mädchen jetzt bibbernd am Ufer. Als die Teams eingeteilt und auf die bunten Kanadier verteilt sind, fängt es sogar kurz an zu regnen. Aber die dicken Wolken ziehen schnell weiter und es kann richtig losgehen. Das Paddeln ist eine Aktion der 13. Mädchenwoche im Kreis Germersheim. Dabei ziehen Schulen und Träger von Jugendhilfe an einem Strang und stellen ein umfangreiches Programm auf die Beine. Das umfasst dieses Jahr rund 30 Angebote, von Selbstbehauptungstraining über Cocktails mixen und Muffins backen oder professionelles Stylen bis hin zu Sport wie Wasserski-Fahren, Zumba oder eben Paddeln. Ziel der Aktionswoche: Mädchen sollen Neues kennenlernen, sich ausprobieren und erfahren, wo ihre eigenen Grenzen liegen – ohne daran zu denken, was Jungs dazu meinen. „Ohne Jungs haben die Mädchen Freiraum, sich selbst auszuprobieren“, erläutert Renate Seibert-Memmer vom Stadtteilladen Kleine Au, warum es wichtig ist, auch mal ganz unter sich zu sein. Zudem, meint sie, sei Wassersport für manche Mädchen schambesetzt. Die Mädchen fühlten sich ohne Blicke von Jungs wohler. Das betreffe nicht nur Musliminnen. Das Paddeln klappt gut, am Ende trauen sich ein paar wagemutige Mädchen sogar jeweils allein in einem Kajak aufs Wasser. Ins Wasser gehen auch einige – aber freiwillig, nicht, weil sie mit dem Boot gekentert sind. „Es war ein sehr schöner Nachmittag“, fasst Renate Seibert-Memmer zusammen. Der Ausflug dauerte am Ende sogar etwas länger als geplant. Übrigens: Die Jungs haben nach den Sommerferien wieder ihre eigene Aktionswoche.

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