Speyer
Orgelkonzert im Dom
Mit mitreißenden und impulsreichen Orgelvorträgen von auf die Orgel übertragenen Orchesterwerken von Händel und Mussorgsky beschloß der international renommierte Organist und Dirigent Hansjörg Albrecht am Samstagabend den diesjährigen Internationalen Orgelzyklus „Dom zu Speyer“. Der fast zwei Jahrzehnte in München als Bach-Chor- und -Orchester-Nachfolger Karl Richter tätige Albrecht vermittelte der barocken „Feuerwerksmusik“ Händels festliche Wucht und Mussorgskys „Bildern einer Ausstellung“ im nochmals gut besuchten Dom kräftige zeichnerische Kontur.
Die Noten-Odyssee
Manchmal braucht es zum guten Ende mehrerer Anläufe. Für den jetzigen Abschluss-Abend des diesjährigen Internationalen Orgelzyklus im Dom zu Speyer war zunächst der Brüsseler Bart Jacobs mit einem gemischten Programm als Kontrast zu den fünf vorangegangenen Bruckner-Sinfonien in Orgelversionen vorgesehen. Jacobs musste krankheitsbedingt absagen. Der Dirigent und Organist Hansjörg Albrecht wollte die Lücke mit einer Orgelfassung vom Gustav Holsts spätromantischer Orchestersuite „Die Planeten“ schließen. Diese Suite ist mit ihrem motorischen Eingang von Kriegsgott Mars Allgemeingut. Doch auf der Bahnfahrt einen Tag vor dem Speyerer Konzert nach Mannheim wurde Albrechts Gepäck mit den von ihm überarbeiteten „Planeten“-Noten im Zug gestohlen. Ersatz war nicht zu beschaffen, weil Peter Sykes Orgelfassung der „Planeten“ in den beiden Sätzen „Jupiter“ und „Neptun“ vierhändig zwei Spieler vorsah, die Albrecht für sich in seinen entwendeten, eigenen Noten auf zwei Hände für sich selbst reduziert hatte. Ausweg war eine abermalige Programm-Änderung des Orgelzyklus-Finales mit den vom Hause Albrecht zur Dommusik elektronisch überspielten Orgel-Noten für die Ersatzstücke: Händels „Feuerwerksmusik“ und Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“. Die Drähte also glühten zwischen dem Haus Albrecht in Hamburg und dem Dom-Management und der Dom-Musik von Friederike Walter und Greta Konradt.
Mauern klingen mit
Der 52jährige Albrecht erwies sich schon im Vorgespräch vor der ob der zweimaligen Umplanung erstaunlich verständnisvollen Hörerschaft als echter Mann der Attacke: So prompt und präzise, wie er auf die Fragen von Moderator Klaus Gaßner und Domorganist Markus Eichenlaub einging. Die Transkriptionen aus dem Orchester lassen ihn „in ein neues Fahrwasser kommen, das ich vor dem Orchester nicht erreiche“. Gleichwohl ergäben sich im Orchester „Wellen“, die die Orgel allein nicht erzeugt. Darum betreibt der Bach, Rachmaninow und Messiaen zu seinen Favoriten zählende ehemalige Kreuzchor-Sänger beide Berufe als Dirigent und Organist „mit schnellem Umschalten“. Die derzeitig geschriebene moderne Orgelmusik hält er für „verkopft“, weil die Komponisten nicht nah genug bei den Menschen sind. Die Speyerer Dom-Orgel hat Albrecht „total beseelt“. Sie ruht richtig im Raum. Die Orgelbauer hätten dafür gesorgt, dass das Gemäuer von den Stimmen der Orgel durchdrungen mitschwinge. „Das ist für mich wie eine große Wanne“, meinte Albrecht.
Schlagfertige Dialoge
In der danach etwas basslastig anhebenden „Feuerwerksmusik“ spürte man etwas von dieser Verbundenheit der Orgelstimmen mit dem Gemäuer, auf das Albrecht hier vor allem in der Ouvertüre setzte. Schlagfertig packte er die Dialoge zwischen den Bläser-Stimmen an. Erzielte so effektvolle Echowirkungen und reizte den Raumklang mit rasanten Wechslen zwischen Haupt- und Chor-Orgeln aus. Flüssiges Flötenregister-Spiel erfreute in der Bourrée, während die Zier-Triller im wiegenden Siciliano-Metrum des Friedens-Largos zum Aachener Erbfolge-Kriegsende al fresco aufgingen. Spitze Trompeten-Regsiter ließen im Réjouissance-Allegro aufhorchen.
Pausenloser Zugriff
Plastisch und expressiv schloss Albrecht als Mann des prompten Zugriffs ohne Zäsur die „Bilder einer Ausstellung“ an. Bei den zwischen geschalteten Promenaden der am Ende zum „Großen Tor von Kiew“ aufgewerteten Fortgänge hörte man die hohe klangliche Differenzierungs-Kunst Albrechts bereits heraus. Die zeitigte kraftvolle und aparte Einzel-Erlebnisse. Zungen-Register vermittelten Eindrücke von Kraft und Wucht. So walzte der „Gnom“ schwergewichtig durch den Raum; und wurde der Besuch in den „Katakomben“ zum inne haltenden Memento. Impressionistische Farbfülle ließ Albrecht mit Celesta und Vox humana in den „Tuilerien“ und dem „Tanz der Kücken“ aufgleissen. Zarte Bläser-Register holte Albrecht mit öffnenden Raumklang-Effekten für das „Alte Schloss“ in den Dom. Den Kontrast der beiden Juden milderte der Solist von der denunziatorischen Karikatur zum gleichgeordneten Dialog zweier Individuen um. Das Finale mit dem Kiewer Tor türmte Albrecht nach verhaltenen Zwischenspielen in schillernden Klang-Ebenen hoch. Die Begeisterung der Hörer verebbte erst nach der Mozart-Zugabe.