Speyer
Nidro-Suchtberatung wirbt für bessere Finanzierung
„Es ist nicht so, dass wir sagen würden: ,Stadt, ihr macht zu wenig’“, betont der für Speyer zuständige Nidro-Abteilungsleiter Martin Hügel. Der Träger sei dankbar, dass sich die Stadt Speyer sowie der Rhein-Pfalz-Kreis großzügig und verlässlich an der Finanzierung der Arbeit beteiligten. Trotzdem vergrößere sich das strukturelle Problem: Die Beratungsstelle arbeite immer „am Rand des Defizits“. Die Zuweisungen stagnierten, die Kosten stiegen. Angebote, bei denen Beratung refinanziert werden kann, etwa im Bereich der Nachsorge nach Therapien, würden von den Klienten teilweise nicht angenommen. So müssten für die Beratungsstellen in Speyer und Germersheim etwa 80.000 Euro pro Jahr selbst erwirtschaftet werden. Das sei schon aufgrund der dünnen Personaldecke nicht zu stemmen.
Folge: Es geht laut Hügel nicht ohne Quersubventionierung innerhalb des Therapieverbunds, im konkreten Fall mit Mitteln aus der ambulanten Therapie, wie Hügel und Bereichsleiterin Anke Ehrenfeld berichten. Dass die Evangelische Heimstiftung der Pfalz mit Sitz in Speyer ihre Neustadter Suchtberatungsstelle aufgibt, komme nicht von ungefähr. Nidro traut sich deren Betrieb trotz der Widrigkeiten zu und hat den Zuschlag erhalten, sodass ab 2021 ein dritter Beratungsstellen-Standort entsteht. 4,5 Nidro-Personalstellen sind laut Hügel heute in Speyer angesiedelt, 3,5 in Germersheim, und über die fünf Neustadter Stellen werde aktuell verhandelt.
Aktionstag schafft Aufmerksamkeit
Am Domstadt-Standort in der Heydenreichstraße 6 machte der Anbieter am Mittwoch klar, was ohne ihn fehlen würde: Anlässlich des bundesweiten Aktionstags „Suchtberatung – kommunal wertvoll“ hatte er am Gebäude und in der Hofeinfahrt 75 Luftballons verteilt. An vielen davon hingen Zettel, die die Ängste der Klienten schilderten. Ein großes Transparent an der Hausfassade erwähnte Zahlen: 755 Klienten seien in 2238 Gesprächen unterstützt worden. Die Klienten sind dabei aufgeteilt in 551 Personen mit eigener Problematik sowie 204 betreute Bezugspersonen. Zudem habe die Beratungsstelle sich an 96 Präventionsaktionen beteiligt.
Dass der bundesweite Aktionstag in den zweiten Lockdown fiel, bewertete Hügel als unglücklich. So war es dem Therapiezentrum erschwert, öffentliche Aufmerksamkeit für seine Anliegen zu finden. Der in Germersheim geplante und auch schon genehmigte Infostand war am Freitag untersagt worden. In Speyer war Nidro bis Dienstag, 15.30 Uhr, zuversichtlich, vor dem Historischen Rathaus Position beziehen zu dürfen. Dann wurde die Genehmigung für Mittwoch von der Stadtverwaltung zurückgenommen. Begründung hier wie dort: Am Stand könne es zu einer Menschenansammlung kommen, die momentan Corona-bedingt nicht erlaubt sei.
Zur Sache: Corona-Krise sorgt für Zulauf
Nidro
In Corona-Zeiten wächst der Bedarf an Suchtberatung. Das hat der Therapieverbund Ludwigsmühle (Landau), der in Speyer die Nidro-Beratungsstelle betreibt, schon im ersten Lockdown im Frühjahr erfahren. „Wir haben uns die Köpfe heißtelefoniert“, berichtet Abteilungsleiter Martin Hügel von vielen Kontakten. Auch jetzt sind persönliche Treffen wieder erschwert und die Nachfrage groß.
„Corona ist etwas, das Angst macht und einschränkt“, erklärt Hügel. Für Suchtkranke erhöhe das die Gefahr: „Sie kennen aus ihrer Sucht ein Mittel, um diese Angst loszuwerden.“ Andererseits sei momentan ein Lokalbesuch oder eine Verabredung zum Kino oder Sport ausgeschlossen – damit fehle eine in vielen Fällen wichtige Möglichkeit, um sich von der Sucht abzulenken. Hügel erinnert sich an 80 bis 90 Erstgespräche bei Nidro im ersten Lockdown und erwartet jetzt eine ähnliche Tendenz. Ein Ansatz der Berater von damals solle diesmal auch wieder zum Einsatz kommen: häufigere und kürzere Telefonate statt seltener, aber dafür längerer Treffen.
Bistum
Laut Thomas Stephan, Abteilungsleiter für Schulseelsorge im Bischöflichen Ordinariat Speyer, Trauerbegleiter und Notfallseelsorger, müssen die Hilfsangebote auf die neue Situation angepasst werden: „Normalerweise betreuen wir die Leute erst, wenn sie sich sicher fühlen. Motto ist dann: Äußere Sicherheit gibt innere Sicherheit.“ Das sei in der beispiellosen Pandemie anders: „Diese Krise ist sehr langanhaltend und aktuell kein Ende absehbar.“ Die dynamische Lage erfordere eine dynamische Krisenbewältigung. Es müssten Systeme gefunden werden, die innere Sicherheit geben, ohne dass äußere besteht.
Stephan ist optimistisch, dass das in Speyer möglich ist, denn hier gebe es viele fachkundige Akteure, die zusammenarbeiten müssten. Eine gute Gelegenheit, sich auch unter Corona-Bedingungen zu vernetzen seien deshalb die „Tage der seelischen Gesundheit“ der Stadt. Dazu war am 17. November ein Treffen mit Stephan als Referent unter dem Motto „Wenn die Krise zum Normalfall wird“ vorgesehen. Dieses muss jetzt virtuell stattfinden. Stephans Vortrag soll jedoch aufgezeichnet und am 30. November online gestellt werden, berichtet er.
Diakonisches Werk
Auch die evangelische Seite berichtet von großem Beratungsbedarf, den das Diakonische Werk der Pfalz in Speyer abdecken hilft. „Die Corona-Krise bringt viele Menschen in finanzielle Schwierigkeiten. Das bekommen die Schuldnerberatungsstellen bereits zu spüren und rechnen mit einem deutlichen Anstieg Hilfesuchender im Herbst und Winter“, so Tanja Gambino, Leiterin des Referats Offene Sozialarbeit im Diakonischen Werk.
Es seien viele Jobs verloren gegangen. Viele Familien hätten Mietschulden, könnten keinen „Notgroschen“ etwa für Neuanschaffungen defekter Haushaltsgeräte sparen und zum Beispiel auch keinen Drucker für das Homeschooling der Kinder erwerben. Gambino fordert eine deutlichere Erhöhung der Hartz-IV-Sätze, kann der Krise aber auch etwas Gutes abgewinnen: Die Stigmatisierung von Hartz-IV-Beziehern sei zurückgegangen, da nun viele merkten, „wie schnell es auch ohne eigenes Verschulden finanziell bergab gehen kann“.