Speyer
Neues Gedenkprojekt mit Nachfahren von Speyerer Holocaust-Opfern
Hinter dem neuen Gedenkprojekt steckt Sabrina Albers, unter anderem bekannt als Mitinitiatorin des Stadtrundgangs „Jüdisches Leben in Speyer“. Sie ist auch im Bündnis für Demokratie und Zivilcourage und im Rosa-Luxemburg-Club Speyer aktiv und hat in den vergangenen Jahren beim 9.-November-Gedenken des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) die Biografien jüdischer Mitbürger verlesen, die im Umfeld der Übergriffe von 1938 Opfer der Nationalsozialisten geworden sind. Viele davon haben Familienangehörige, die sehr interessiert an Speyer sind. Das haben unter anderem die ersten Stolperstein-Verlegungen in den vergangenen drei Jahren gezeigt, an deren Organisation sich Albers ebenfalls beteiligt hat.
Texte und Videos geplant
Ihr neues Projekt sei deshalb ein Gemeinschaftsprojekt mit diesen Angehörigen: „Teilweise leben sie noch und haben selbst etwas zu sagen“, erläutert Albers die Idee. Zwei Statements hat sie dafür aus Israel schriftlich erhalten, ein Videointerview mit Nofi Katz, deren Großvater Lazarus Scharff 1940 aus Speyer deportiert wurde, ist für die nächsten Tage angekündigt. Von ihrem Enkel Stav Elias Katz stammt einer der zwei bisherigen Texte. Er passt gut zu Albers’ Intention, „nicht über Familien und ihr Schicksal zu sprechen, sondern die betroffenen Personen selbst zu Wort kommen zu lassen und uns an ihrem Blick auf Antisemitismus in der Vergangenheit und der Gegenwart teilhaben zu lassen“. Der andere Text stammt von Ori Millo, Enkel von Franz Mühlhauser (später Efraim Millo), dem die Flucht aus Speyer gelang. Er ist unter „Zitiert“ dokumentiert.
Im Text von Stav Elias Katz, der sich viel mit dem Staat Israel beschäftigt, heißt es unter anderem: „Wir werden uns noch ewig daran erinnern, aber die Enkelsöhne und Enkeltöchter der Überlebenden, die Nachgeborenen, halten dem deutschen Volk diese Verbrechen nicht vor – darin werden mir die meisten von uns zustimmen.“ Albers hat die Texte selbst aus dem Englischen übersetzt und veröffentlicht auf der Projekt-Homepage sabrinaalbers.com/Zachor jeweils beide Versionen. Den Auftakt machten Familien, mit denen sie seit der Stolperstein-Verlegung persönlich Kontakt hält. Darauf soll sich das Projekt aber nicht beschränken: „Weitere Statements werden nach und nach folgen und online veröffentlicht werden.“
Zitiert: Text von Ori Millo
Speyer ist meine Heimatstadt. Obwohl ich hier weder geboren noch aufgewachsen bin oder hier gelebt habe. Mein Großvater hat es getan. Franz Mühlhauser, Efraim Millo.
In einer besseren Welt wäre mein Großvater in Speyer geblieben und hätte hier seine Familie gründen können, mich eingeschlossen. Das ist jedoch nicht geschehen. Mein Großvater musste, wie viele Juden in Speyer und im übrigen Deutschland, aus seiner Heimat fliehen, seine Freunde und das Leben, das er sich in Speyer aufgebaut hatte, zurücklassen. Efraim floh Anfang November 1938 und kam wenige Tage vor dem 9. November, der sogenannten Kristallnacht, dem Novemberpogrom, nach Israel.
Die zeitliche Nähe zum Novemberpogrom macht das Datum der Flucht meines Großvaters in die Freiheit, etwas einzigartig – zwischen dem erleichterten Gefühl, dass er sicher war, und der katastrophalen Tatsache, dass die Menschlichkeit innehielt und das organisierte Böse seinen Platz einnahm. Wann immer ich über diese Ereignisse nachdenke, werfen sie die Frage auf: „Was wäre wenn?“
• „Was wäre, wenn mein Großvater noch ein paar Tage gewartet hätte?“
• „Was wäre, wenn seine Familie mit ihm gegangen wäre?“
Die Familie meines Großvaters ist nicht mit ihm geflohen. Seine Eltern Marie und Albert sowie seine 22-jährige Schwester Klara blieben in Speyer, in der Hoffnung, später wieder vereint zu werden. Marie war Teil der Familie Dreyfuss, einer Familie, die sehr stark am Stadtleben beteiligt war. Albert, der im schwäbischen Krumbach geboren und aufgewachsen war, integrierte sich schnell. Er war sehr engagiert, wurde zum Vorsitzenden des Synagogenvorstandes gewählt. Der Synagoge, auf deren Ruinen wir jetzt stehen. Maries Vater Sigmund Dreyfuss gehörte einer großen und alteingesessenen Familie in Speyer an und führte in der Maximilianstraße 38 das erfolgreiche Textilgeschäft „M. Dreyfuss & Söhne“. Am 22. Oktober 1940 wurden Marie, Albert und Klara aus Speyer deportiert. Maries Schwester Hedwig und ihr Mann Jacob wurden ebenfalls (...) deportiert. Zuerst ins Lager Gurs; im August 1942 wurden sie in Auschwitz ermordet. Sigmund gelang in der Nacht des Novemberpogroms die Flucht aus Speyer. Mit 83 Jahren fand er sich alleine in Wiesbaden wieder. Sigmund nahm sich am Tag vor seiner geplanten Deportation in das Lager Theresienstadt das Leben.
Wir leben in einer Zeit, in der die vergangenen Ereignisse weit weg scheinen, fast so, als ob sie sich nicht auf uns beziehen oder uns betreffen. Das Gegenteil ist der Fall! Die gegenwärtige Ära der Sozialen Medien macht es einfacher denn je Hass, Rassismus und Antisemitismus zu verbreiten und wir sehen, dass dies leider auch zu Taten führt. Es ist die Pflicht und Verantwortung jedes Einzelnen, Rassismus und Antisemitismus aktiv entgegenzutreten, sei es, indem man entsprechende Beiträge in Sozialen Medien meldet, Quellen und Fakten veröffentlicht und Menschen um einen herum aufgeklärt.
Die Stadt Speyer unternimmt bemerkenswerte Anstrengungen, um an den Holocaust und an die Leben, die er genommen hat, zu erinnern, einschließlich des Lebens meiner Familie. (...) Wir durften die erste Familie in Speyer sein, für die Stolpersteine am Eingang des Hauses von Marie, Albert und Klara in der Hartmannstraße 26, heute Schraudolphstraße, verlegt wurden. Das gestattet Speyer eine gesunde Gesellschaft zu schaffen, in der meine Familie und ich uns als Teil fühlen können. Denkt daran, das Gute gewinnt immer. Dieses Mal müssen wir sicherstellen, dass die Menschheit auf ihrem Weg keinen Preis dafür zahlen muss! Lasst uns sicherstellen, dass zukünftige Generationen sich nicht mit der Frage „Was wäre wenn?“ auseinandersetzen müssen.
Zur Person