Speyer
Neue Friedhofsmitarbeiter sind wild auf Arbeit
Die schulischen Karrieren der jungen Leute waren holprig. „Ich habe eine Lernschwäche“, berichtet Nino Carotenuto (21) aus Speyer. Er war an der Pestalozzischule im Förderunterricht, bevor er im Berufsvorbereitungsjahr an der Berufsbildenden Schule auf einen Hauptschul- oder Realschulabschluss hingearbeitet hat. Es hat nur zum Abgangszeugnis ohne Abschluss gereicht, doch dann erhielt er nach einer Weiterbildung die Chance auf dem städtischen Friedhof. Carotenuto durfte ein längeres Praktikum absolvieren, nachdem er zuvor schon einmal pro Woche mitgearbeitet hatte.
„Von 3. August 2019 bis 28. Juni 2020.“ Er kennt die Daten ganz genau. In diesem Praktikumszeitraum überzeugte er die Kollegen von seinen Fähigkeiten und erhielt deshalb im Anschluss wie vier weitere Männer und eine junge Frau einen unbefristeten Vertrag im Inklusionsbetrieb. Seine liebsten Tätigkeiten: „das Bepflanzen von Blumenbeeten, das Beschneiden von Hecken und die Arbeit mit dem Laubbläser im Herbst“. Sozialpädagogin Heike Bregler, die die neuen Mitarbeiter zusammen mit Andy Englert betreut, nennt einen weiteren Vorzug des in Heidelberg geborenen, 2014 nach Speyer gezogenen Carotenuto: „Er war schon in der Schule Streitschlichter, und er ist es auch hier.“
Alles macht Spaß
Seine Kollegen schmunzeln. Sie wissen, was die Chefin meint. Marc Heid hat die Ausbildung zum Garten- und Landschaftsbauer beim Jugendwerk Queichheim nicht abschließen können und ist deshalb richtig froh um die Chance in Speyer: „Mir macht hier alles Spaß. Es gibt keine Aufgabe, die mir mehr Freude bereitet als andere“, so der 21-jährige Lustadter.
Heid blickt zu Stefan Stranz. „Mit ihm hat alles angefangen“, sagt Vorarbeiter Englert über den 22-jährigen Stranz. Der Speyerer war Schüler der Erlich-Schule und kam sechs Jahre lang wöchentlich zu Praktikumseinsätzen auf den Friedhof. Er war so gut, dass das Team ihn unbedingt halten wollte und die Idee der „Arbeitsgruppe Friedhof“, wie in Worms einen Inklusionsbetrieb einzurichten, gerade recht kam. „Rasenmähen, Hacken, ich mache alles hier“, betont Stranz. „Mir ist auch egal, ob es kalt oder heiß ist.“ Er kenne inzwischen jeden Weg auf dem 19 Hektar großen Gelände.
Hohe Verwaltungshürden
„Was Worms kann, kann Speyer schon lange“ – so erklärt der für den Friedhof zuständige Standesamtsleiter Hartmut Jossé die Motivation für den Inklusionsbetrieb. Sechs der heute 25 Mitarbeiter haben Beeinträchtigungen und sind deshalb mit Landesförderung eingestellt worden. Sie besetzen vier Stellen und sind täglich in zwei gemischten Grünpflege-Trupps unterwegs. Die Verwaltungshürden im Vorfeld seien sehr hoch gewesen, so Oberbürgermeisterin Stefanie Seiler (SPD) bei der Eröffnung. Sie warb für ein vereinfachtes Verfahren, damit die öffentliche Hand ihrer Vorbildfunktion gerecht werden könne und es nicht bei nur drei Inklusionsbetrieben im Bundesland bleibe.
„Wir schaffen Barrieren ab, wir wollen ein selbstbestimmtes Leben für alle“, sagte Beigeordnete Irmgard Münch-Weinmann (Grüne) über den neuen Betrieb. Andy Englert, von Seiler als Mann gelobt, der das alles möglich gemacht hat, zog eine positive Zwischenbilanz: „Der Pflegezustand des Friedhofs wird besser, die Reklamationen nehmen ab.“ Arbeit gebe es „auf Jahre hinaus“, neben den normalen Pflegediensten als Nächstes den Bau von Insektenhotels, Hochbeeten und Nistkästen. „Sie sind so wild auf die Arbeit, dass wir sie zum Teil bremsen müssen“, erzählte Jossé über die Neuen, zu denen auch Kristin Seiler, Max Seibel und René Blenz gehören.