Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Nach 44 Jahren in der Praxis: Frauenarzt Gerhard Jakob hört auf

Glücksmoment: Werdende Mütter zu begleiten gehört für Gerhard Jakob zu den schönsten Aufgaben eines Frauenarztes. Es ergeben sic
Glücksmoment: Werdende Mütter zu begleiten gehört für Gerhard Jakob zu den schönsten Aufgaben eines Frauenarztes. Es ergeben sich jedoch auch leidvolle Situationen.

Seit 44 Jahren praktiziert Gerhard Jakob als Frauenarzt in Speyer. Doch am 20. Dezember ist Schluss: Der 78-Jährige verabschiedet sich in den Unruhestand. Mit Martin Schmitt hat er über Freud und Leid eines Gynäkologen gesprochen. Und darüber, warum er zu einer aussterbenden Spezies gehört.

Herr Jakob, seit 44 Jahren sind Sie als Gynäkologe in Speyer tätig. Wie schwer fällt Ihnen jetzt mit 78 Jahren der Abschied?
Sehr schwer. Ich arbeite sehr gern. Und ich nehme gern Anteil an den Menschen. Mir ist es immer darum gegangen, zu helfen so gut ich kann. Deshalb habe ich ja auch so lange durchgehalten. Ich hätte sogar noch weitergemacht, weil mir meine Patientinnen am Herzen liegen. Manche kenne ich ja schon seit ihrer Geburt. (lacht) Aber irgendwann muss man einsehen, dass man in dieses System nicht mehr passt.

Wie meinen Sie das?
Ich bin gewissermaßen ein Saurier. Als ich 1981 als Oberarzt im Diakonissen-Krankenhaus angefangen habe, waren Zwölf-Stunden-Tage normal. Jede zweite Nacht hatte ich Bereitschaft, auch jedes zweite Wochenende. Das Arbeitspensum wurde nicht geringer, als ich mich 1986 in meiner gynäkologischen Praxis selbstständig gemacht habe. Das ging nur, weil sich zugleich meine Frau um unsere beiden Söhne kümmerte. Heutzutage hat sich das gewandelt.

Zunehmend übernehmen beide Eltern die Kinderbetreuung, die Rolle des Alleinverdieners ist auf dem Rückzug.
Ja. Aber wenn die Aufgaben geteilt werden, schließt das ewig lange Tage in der Praxis aus. Auch deshalb ist das Modell der Kassenarztpraxis am Aussterben. Zum einen werden Arbeitstiere von den Krankenkassen regelrecht bestraft. Zum anderen will kaum noch ein Arzt so viel arbeiten. Die Jüngeren möchten das Familienleben mehr pflegen, mehr Work-Life-Balance, wie es so schön heißt.

Das klingt, als würden Sie diese Entwicklung nicht gutheißen.
Nein, ich sehe das wertfrei und maße mir nicht an, über Lebensentwürfe zu urteilen. Ich stelle nur fest, dass sich die gesellschaftlichen Einstellungen ändern. Darum sehe ich in Medizinischen Versorgungszentren, wie sie überall entstehen, auch keine Bedrohung, sondern die Zukunft.

In Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) arbeiten Ärzte als Angestellte, eine größere Einheit im Hintergrund wickelt den Verwaltungskram und die Organisation ab.
Dieses System bietet in meinen Augen gegenüber dem niedergelassenen Einzelkämpfer viele Vorteile, gerade im Hinblick auf Arbeitszeit und Bürokratie. Daher habe ich nicht lange überlegen müssen, als im Jahr 2022 die Diakonissen mit dem Vorschlag an mich herantraten, meine Praxis in ein gemeinsames MVZ zu überführen. Diesen Übergang habe ich noch eine Weile begleitet, aber nun ist am 20. Dezember mein letzter Arbeitstag. Jeden Tag verabschiede ich mich von Patientinnen. Das ist oft emotional.

Weil Sie sie so lange begleitet haben?
Ich habe mal durchgezählt: Im Lauf der Jahre waren rund 80.000 Patientinnen in meiner Praxis. Mittlerweile kommen die Töchter, teilweise die Enkelinnen von Frauen, die Anfang der 1980er bei mir im Diakonissen-Krankenhaus geboren wurden. Wenn man sich so lange begleitet, entwickelt man ein besonderes Vertrauensverhältnis. Man teilt vieles miteinander. Freud und Leid liegen in der Medizin oft nah beieinander. Wobei es in der Gynäkologie ganz viel Freude gibt, es geht ja oft um Schwangerschaft und Geburt. Jedes Quartal waren bei mir mehr als 150 Schwangere.

Haben Sie in dieser Zeit Geburten erlebt, etwa den Klassiker im Taxi?
Das nicht, aber in meiner Praxis wurden immerhin drei Kinder geboren. Sehr gut in Erinnerung geblieben ist mir ein Fall aus meiner Klinikzeit. Da erschien eine 16-Jährige, die Schmerzen hatte, in Begleitung ihrer Mutter. Nach zwei Stunden war ein gesundes Kind auf der Welt. Die Mutter des Teenagers hatte keine Ahnung von der Schwangerschaft gehabt, aber als das Baby da war, schmolz sie vor Rührung dahin. Solche Erlebnisse bleiben nicht ohne Wirkung auf einen Gynäkologen. Und sie motivieren, weiter das Beste zu geben.

Das ist Ihnen immer gelungen?
Das ist sehr schwer zu beantworten. Es gab immer wieder Situationen, in denen ich an mir zweifelte und wo mich fragte, ob ich hätte anders handeln sollen, oder ob ich beispielsweise einen Tumor in der Brust hätte früher feststellen können. Das Erkennen der eigenen Grenzen und therapeutischen Möglichkeiten macht demütig. Hinter jeder Patientenakte steht eben ein Mensch und sein Schicksal.

Was hat sich über die Jahrzehnte an Ihrer ärztlichen Tätigkeit verändert?
Die gesundheitlichen Fragestellungen sind im Grunde dieselben geblieben. Heutzutage wird vielleicht ein stärkeres Augenmerk auf Pränataldiagnostik gelegt. Neu ist, dass sich vor allem jüngere Patientinnen weniger sagen lassen, weil sie zuerst Dr. Google um Rat gefragt haben.

Haben Sie es als Nachteil empfunden, sich als Mann mit Frauenheilkunde zu beschäftigen?
Nein, nie. Im Gegenteil. Klar kann man sagen, dass eine Ärztin manche gesundheitlichen Probleme von Patientinnen besser nachvollziehen kann, weil sie diese vielleicht selbst kennt. Aber daraus kann sich auch eine gewisse Verengung des Blickwinkels ergeben. Meine Erfahrung ist, dass Männer pragmatischer an die Sache herangehen und unvoreingenommener sind, was mögliche Therapien betrifft. Aber es ist verständlich, wenn Mädchen und junge Frauen, die noch unerfahren sind mit Gynäkologen, sich lieber von einer Frau untersuchen lassen. In bestimmten Kulturkreisen ist es ohnehin sehr schwer, sich als Mann einer Frau zu nähern, vor allem auf eine so intime Weise.

Würden Sie als Mediziner erneut die Gynäkologie wählen oder wären Sie lieber, sagen wir, Chirurg?
Ich kam auf die Frauenheilkunde eher zufällig, als ich meine Doktorarbeit in der Frauenklinik der Heidelberger Uni-Medizin schrieb. Das Fach hat mich fasziniert, weil es so vielfältig ist. Ich empfand meine Arbeit stets als erfüllend und voller schöner Momente, gerade durch die Geburten. Ich weiß noch, wie wir Anfang der 1980er-Jahre die ersten Führungen durch die Kreißsäle angeboten haben und dabei Geburtszangen und Saugglocken vorstellten. Nicht wenige Männer sind dabei blass geworden oder sogar kollabiert. Später wurden die Geburtsstationen zu Abenteuerspielplätzen mit Seilen, Bällen und Badewannen. Damit wurde viel Werbung gemacht.

Das ist nicht so Ihr Ding, höre ich da heraus.
Badewannen im Kreißsaal kann ich bis heute nichts abgewinnen. Hätte die Natur gewollt, dass Kinder unter Wasser geboren werden, hätte sie uns Flossen gegeben.

Heutzutage wird der Natur gern nachgeholfen, Stichwort Kaiserschnitt. Im Jahr 2022 lag die Kaiserschnittrate in Rheinland-Pfalz bei fast einem Drittel, in Speyer ist der Wert noch höher.
Das sehe ich sehr kritisch. Medizinisch notwendig ist dieser Eingriff schätzungsweise bei zehn Prozent der Geburten. Was darüber hinausgeht, hat andere Gründe. Da geht es mehr um die Einhaltung von medizinischen Leitlinien oder um bessere Planbarkeit.

Das werden einige Berufskollegen nicht gern hören.
Das mag sein. Aber ich habe mit meiner Meinung nie hinter dem Berg gehalten. Außerdem wird sie immer noch geschätzt. Ich wurde schon gefragt, ob ich Praxisvertretungen übernehme oder im privatärztlichen Bereich mitarbeite. Das ist in Planung.

So wirklich aufhören wollen Sie nicht?
So lange ich mich fit genug fühle, nein. Wobei die größte Herausforderung sein wird, jetzt Struktur in meinen Alltag zu bekommen. Meine Frau spielt sehr gut Golf. Das werde ich jetzt forcieren müssen, um da noch mitzuhalten.

Zur Person

Gerhard Jakob (78) praktiziert seit 1981 als Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe in Speyer, zunächst als Oberarzt im Diakonissen-Krankenhaus, ab 1986 in der Bahnhofstraße in seiner eigenen Praxis, bevor sie 2022 im Medizinischen Versorgungszentrum Rhein-Haardt der Diakonissen aufgeht. Jakobs Platz nimmt künftig eine Kollegin ein. Jakob stammt aus Franken, studierte erst in Würzburg Medizin, später in Heidelberg, wo er sein Examen ablegte. Der begeisterte Läufer hat zwei Söhne. Einer davon ist ebenfalls Gynäkologe. Jakob lebt im Neustadter Ortsteil Hambach.

Hat 44 Jahre lang in Speyer praktiziert: Gerhard Jakob.
Hat 44 Jahre lang in Speyer praktiziert: Gerhard Jakob.
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