Speyer Musiktage auf der Zielgeraden
Am Montag, 3. Oktober, um 17 Uhr gehen die Internationalen Musiktage Dom zu Speyer mit der Aufführung von Händels Oratorium „Joshua“ zu Ende. Es singt der Domchor, es spielt das Barockorchester L’arpa festante. Am Pult steht Domkantor Joachim Weller. Mit James Gilchrist singt ein Weltstar der Barockmusik die Titelpartie. Der englische Tenor, der auch als Arzt tätig war, ist auch Liedsänger renommiert und hat viele CDs eingespielt, nicht zuletzt mit Sir John Eliot Gardiner, Masaaki Suzuki oder Harry Christophers. Als Interpret der Tenorpartien in Bachs und Händels Vokalmusik gehört er heute zu den allerersten Sängern. Gilchrist hat unter Peter Neumann auch den „Joshua“ auf CD eingespielt. In dieser Aufnahme aus Köln singt Konstantin Wolff den Caleb, wie am Montag beim Konzert in Speyer. Joowon Chung, Sopran, die gerade erst mit dem Ensemble Polyharmonique im Dom war, ist Achsah, der Countertenor und Musikwissenschaftler David Erler singt den Othniel beim Konzert in St. Joseph.
Die das Oratorium erzählende Geschichte um Josua, den Nachfolger Mose an der Spitze der Israeliten auf dem Weg in das gelobte Land, steht im Alten Testament – und doch werden die Besucherinnen und Besucher an einer Stelle in dem Werk an Weihnachten erinnert. Lange nach Händels Tod hat nämlich Friedrich Heinrich Ranke (1798–1876) seinen Text zu dem Advents- oder Weihnachtslied „Tochter Zion, freue dich“ mit der Melodie des „Joshua“-Chores „See, the conqu“ring hero comes!“ verknüpft. Dass diese Musik einmal ein Hit wird, wusste schon Händel selbst, der den Chor auch für spätere Aufführungen seines „Judas Maccabäus“ verwendet hat. Noch einen anderen Hit gibt es in „Joshua“: die Jubelarie der Achsah „Oh! had I Jubal’s lyre“. Genial ist, wie Händel hier in Musik die Mauern von Jericho einstürzen lässt und Sonne und Mond auf Josuas Befehl auf ihren Bahnen zum Stillstand bringt.
Wiedergefundenes „Gloria“
Mit „Joshua“ endet das Händel-Fest der Musiktage. Vorletzter Programmpunkt war hier in der Klosterkirche St. Magdalena das zweite Nachtkonzert mit der mutmaßlichen Speyerer Erstaufführung des um 2000 wiedergefundenen „Gloria“ für Sopran, zwei Violinen und Generalbass. Aparterweise zitiert Händel auch hier Motive aus seiner Psalmvertonung „Laudate pueri“, so wie später in der „Joshua“-Partitur. Am Beginn des Nachtkonzerts stand Kammermusik mit der Triosonate g-moll HWV 390a, die Christine Rox und Hans-Joachim Berg, Violine, Ute Petersilge, Violoncello, sowie Martin Erhard an der Orgel rhetorisch sehr beredt, dazu ebenso gesanglich in den entsprechenden Teilen wie munter konzertierend in den raschen Passagen spielten.
Das Gloria sang die junge Sopranistin Annemarie Pfahler mit viel Beweglichkeit, Stimmglanz und freudiger Emphase, so dass der Reiz dieser zum Glück wieder in Händels Werkkanon verorteten Komposition bestens zur Wirkung kam. Dass sie keine Nummer im Händel-Werkeverzeichnis (HWV) hat, liegt übrigens daran, dass dieses schon 1986 abgeschlossen wurde und dessen Autor Bernd Baselt leider schon gestorben ist.
Lunchtime-Konzert mit Schütz
Schon am Mittag vor ihrem abendlichen Auftritt sang Annemarie Pfahler bei den Musiktagen: im Lunchtime-Konzert in der gut besuchten Krypta. Im vierten und letzten Konzert des Schütz-Schwerpunkt standen die vierstimmige Version des Deutschen Magnificats und Stücke aus den „Cantiones sacrae“ von Schütz auf dem Programm. 40 vierstimmige Sätze umfasst diese 1625 herausgegebene Sammlung, in der Schütz mal im alten Stil der „klassischen Vokalpolyphonie“, mal in neuerer barocker Tonsprache geistliche Texte unterschiedlicher Art vertont. Neben Annemarie Pfahler sangen Matthias Lucht, Jarno Lehtola und Michael Marz. Johannes Vogt, Chitarrone, und Domorganist Markus Eichenlaub, Orgel, spielten den auf Wunsch von Schützens Verleger hinzugefügten Generalbass. Wie eine Woche zuvor, gelangen wieder sehr sprachkräftige und ausdrucksvolle Wiedergaben, die Wohllaut und sinnfällig durchleuchtetet Mehrstimmigkeit mit musikalischer Poetik in bestechender Weise vereinten.
Schola Cantorum Saliensis
1995 wurde am Dom die Schola Cantorum Saliensis gegründet, die sich der Pflege des gregorianischen Chorals verschrieben hat, jener geistlichen Musik, die wie keine andere in den Dom gehört. Corona wegen konnte das Jubiläum des 25-jährigen Bestehens des Ensembles erst jetzt würdig gefeiert werden, mit einem Musiktage-Konzert in der Krypta unter dem Titel „Jubilate Deo“. Der gregorianischen Choral hat viele Facetten und ungeachtet seiner theologischen und liturgischen Bedeutung auch eine starke sinnliche Wirkung. Vor 15 Jahren stürmten die Mönche aus Heiligenkreuz damit die Charts. Die von Mitgründer und Leiter Christoph Keggenhoff angeführte Schola Cantorum Saliensis hatte ihr gut einstündiges Programm ganz spirituell als Weg durch das Kirchenjahr konzipiert. Die acht Sänger zeigten sich dabei als stilsicher in der besonderen Vortrags-weise dieser zunächst einstimmigen Musik, aus der allein sich dann aber nach und nach die abendländische Musiktradition entwickelte. Sehr schön war im zweiten Teil der Vortrag von drei Gesängen aus dem seinerzeit sehr berühmten Speyerer Gesangbuch von 1599. Natürlich durfte in Speyer danach als Zugabe das gregorianische Salve Regina nicht fehlen.
Orgel 3.0
Auch bei der zweiten nachmittäglichen halben Stunde Orgelmusik war der Dom sehr gut besucht. Der Zweite Domorganist Christoph Keggenhoff hatte ein angenehm buntes Programm zusammengestellt, bei dem er viele Farben der Orgel wirkungsvoll ausnutzte. Es reichte von Buxtehude – der deutsche Barockmeister zwischen Schütz und Bach – und Beethoven bis zu dem César-Franck-Schüler Henri Leotcart, ehe der Organist Johann Wilhelm Häßlers „Fürs volle Werk“ mit demselben spielte.
Termin
Am Montag, 3. Oktober, 17 Uhr, ist das Schlusskonzert mit Händels „Joshua“ in St. Joseph. Karten gibt es in der Dom-Info, der Tourist-Info und unter www.rheinpfalz.de/ticket.