Speyer Musikalischer Brückenbauer

Von der Pike auf gelernt: Gerhard Kief ist seit seiner Kindheit ein begeisterter Akkordeonspieler.
Von der Pike auf gelernt: Gerhard Kief ist seit seiner Kindheit ein begeisterter Akkordeonspieler.

„Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an“, hat Udo Jürgens gesungen. Für Gerhard Kief gilt die Liedzeile nicht. Dieser 66-Jährige steht mitten im Leben. Er denkt weder ans Aufhören noch ans Anfangen. Für philosophische Betrachtungen fehlt ihm die Zeit. Außerdem, so sagt er: „Ich nehme mich nicht so wichtig.“ Um so wichtiger ist der Speyerer für viele RHEINPFALZ-Leser, Musikliebhaber und die, die neu in Speyer sind.

Um 4.15 Uhr klingelt Kiefs Wecker. Seit 29 Jahren. So lange trägt er die RHEINPFALZ aus. Einsatzort: Das Erlich-Gebiet, in dem er zu Hause ist. Um 6 Uhr ist Feierabend. Er erfahre viel Wertschätzung der Leser für seine Arbeit zu nachtschlafender Zeit, betont er. Aber: „Die meisten kennen mich gar nicht. Sie schlafen, wenn ich die Zeitung bringe.“ Der Job halte ihn jung und trage zur positiven Lebenseinstellung bei, ist er überzeugt. Mit 53 musste Kief seinen Job bei der Deutschen Bahn aufgeben. 2005 begann sein Leben als Frühpensionär. Im gleichen Jahr sei seine Enkelin zur Welt gekommen: „Der Übergang zum Tagesopa war nahtlos.“ Inzwischen ist noch ein Enkel hinzugekommen. Dreimal wöchentlich versorgt er die Kinder seiner Tochter gemeinsam mit Ehefrau Monika. Vor sieben Jahren wurde Kief Vorlese- und Musik-Opa in der Kita St. Christophorus. Auch das hat er nicht aufgegeben. Jeden Dienstag spielt er Akkordeon und singt mit den Kindern. Ohne das Instrument ist Kief nur selten anzutreffen. Eine seiner frühesten Erinnerungen seien die samstäglichen Singstunden im elterlichen Wohnzimmer. Zwei Jahre alt sei er gewesen, als ein Onkel sein Bandoneon mitgebracht habe. „Sofort ist zwischen mir und dem Instrument der Funke übergesprungen“, so Kief. Als Zehnjähriger habe er das Akkordeonspiel bei Walter Sogno von der Pike auf gelernt. Beim Wandern – einer weiteren Leidenschaft von Kief – hat er in einer Hütte mitten im Pfälzerwald zwei Musikanten kennengelernt und kurzerhand aus dem Duo ein Trio gemacht. Inzwischen ist er Mitglied von „HGH“ (Heinz, Gerhard, Hannes), spielt und singt mit den Freunden Pfälzer Lieder, Tango und „was gefällt und Stimmung macht“. „Musik inspiriert mich“, erklärt Kief. Eigentlich waren seine Tage ausgefüllt. Dennoch hat der Pensionär 2015 die Kleiderkammer des Roten Kreuzes in der Aufnahmestelle für Asylbegehrende (AfA) in der früheren Kaserne mit aufgebaut. „Zunächst war es Neugier, schnell ist Flüchtlingshilfe zur Herzenssache geworden“, sagt er. Die Dankbarkeit der Geflüchteten für jedes freundliche Wort berührt ihn. Auch in der AfA habe er oft spontan musiziert, erzählt Kief. „Das hat den Bewohnern den Alltag etwas erleichtert.“ Nach dem Auszug des DRK 2017 aus der AfA habe ihm der Austausch mit Flüchtlingen und Mitstreitern gefehlt, erklärt Kief seinen neusten Einsatz dienstagsabends im Kulturzentrum „Eckpunkt“ bei dem von früheren AfA-Helfern eingerichteten Treff für Speyerer und Zugewanderte. „Helfen tut mir gut“, sagt Kief. „Es macht mein Leben reicher.“ Sein Einsatz gegen rechte Tendenzen, Falschmeldungen im Netz und Hetzparolen auch bei Wochenend-Demonstrationen ist für den Speyerer selbstverständlich. Ja, schlafen passe irgendwie auch noch in den Tag, lacht Kief. „22 Uhr ist für mich Zapfenstreich. Manchmal ist sogar noch ein Mittagsschlaf drin.“ Wenn er nicht gerade wieder kurz die Welt retten muss ...

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