Speyer Musik, die aus dem Herzen kommt
Der jüngste „Kontrapunkte“-Abend von Stephan Rahns Konzertreihe für zeitgenössische Musik bot am Sonntag seinem Publikum im Historischen Ratssaal eine bewegende Ausdrucksfülle. Die in der Pfalz heimisch gewordene Pianistin Birgitta Lutz gruppierte mit dem mitreißenden Bariton Falko Hönisch eigene Werke um Beethovens Liederzyklus „An die ferne Geliebte“ und um Rilke-Gedichte.
Die von Kirchheim an der Weinstraße aus wirkende Pianistin Birgitta Lutz lässt sich von Meisterwerken der Vergangenheit gerne harmonisch erweiternd und figurativ ausschmückend zu neuen Klängen motivieren. Das müssen nicht unbedingt atonale oder klangtechnisch ausgepichte Stücke werden, wie sie auf die Frage von Stephan Rahn im Ratssaal bekannte. Im Fall des Beethoven’schen Liederzyklus „An die ferne Geliebte“ ließ sie sich unter dem Titel „Nostalgia“ zu Verwandlungen im nostalgisch-klavieristischen Stil der Romantik inspirieren. Einen Rezitationsabend mit Rilke-Gedichten füllte sie einst mit Klavier-Zwischenspielen aus, die sie später mit einer Singstimme zu zwei Rilke-Liederzyklen versah. Ihre Musik fußt also nicht auf Zwölftönigkeit oder Minimalismus, sondern folgt dem, was „aus dem Herzen kommt“. Zu Herzen gingen zwei recht tonmalerische Liedfolgen der Wahlpfälzerin auf Gedichte Rilkes. Der substanzreiche Bariton Falko Hönisch drang beredt in diese bilderreichen Zyklen nach Rilke ein. Mit Nachdruck übertrug er den Gehalt der oft um Vergänglichkeit kreisenden Rilke-Vertonungen auf die aufmerksame Hörerschaft. Mit seinem weiten, in allen Lagen gut ansprechenden Tonumfang verfolgte Hönisch die wechselnden Bewegungen des „Panthers“ bis zur lauernden Stille. Beseligende Ruhe strahlte Hönischs beherrschte Stimmführung beim „Einschlafen“ aus. Exaltierte Stimmungen und eine freudige Emphase entdeckte der Sänger im ersten Rilke-Durchgang im „Frühlingslied“. Feine Klangsymbolik sprach auch aus Brigitta Lutz` zweitem Rilke-Zyklus mit eher philosophischen Zeilen von Lebenssinn und Verhaltensbeobachtung. Vielfach fand Hönisch hier melancholisch abgeklärte und feinsinnig meditative Töne zu den schmückenden Arabesken im Klavier. Die in gedrucktem Programm und Darbietung unterschiedliche Reihenfolge der Zyklen musste das Publikum erst einmal erkennen. Ihre große spielfertige Kompetenz am Flügel bewies Brigitta Lutz in ihrem am Klavierstil Schumanns, Chopins und Liszts orientierten Klavierzyklus „Nostalgia“ auf zwei Themen aus Beethovens „An die ferne Geliebte“. Hönisch lotete danach das Original mit Leidenschaft, frenetischen Impulsen und dramatischen Ausbrüchen, aber auch mit ruhigen Abschwüngen in voller Bandbreite und empfindsamer Tiefe aus. Beethovens für den reichen Beifall zugegebenes „Mailied“ rundete den Abend ab. Termin Im vierten Konzert am Sonntag, 12. Mai, um 18 Uhr im Historischen Ratssaal musizieren Kathrin Christians, Flöte, das Eliot Quartett und Jon Diven, Kontrabass, Musik von Michael Nyman, Ernest Bloch, Anderson Thomas Jefferson und Sergei Prokofjew.