Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Mit 81 Jahren noch Schnitzen gelernt: Besuch in der Speyerer Hobbywerkstatt

Schnitzen und Schleifen: (von links) Jürgen Feder, Burghard Elster, Günther Fleischmann und Hermann Schmid in der Hobbywerkstatt
Schnitzen und Schleifen: (von links) Jürgen Feder, Burghard Elster, Günther Fleischmann und Hermann Schmid in der Hobbywerkstatt.

Mit anderen gemeinsam werkeln, sich austauschen, Tipps bekommen oder gar eine neue handwerkliche Fertigkeit lernen – die Hobbywerkstatt für Senioren in der Mönchsgasse macht es möglich. Neue Mitstreiter sind stets gern gesehen. Denn zu tun gibt es immer etwas.

„Ein Freund hat mir erzählt, dass es nur zwei Hobbywerkstätten in Deutschland gibt“, sagt Günther Fleischmann (70), Vorsitzender der Speyerer Hobbywerkstatt. Damit diese offenbar fast einzigartige Einrichtung der Domstadt erhalten bleibt, werden Mitstreiter gesucht. Und natürlich auch Mitstreiterinnen. Die derzeit einzige Frau der Werkel-Runde ist zwar gerade nicht da, dafür sind es ihre Schnitzereien, die in der Werkstatt stehen. „Renate Schmitz ist Schnitzerin und Holzbildhauerin“, erzählt Fleischmann. Er zeigt auf ein verzweigtes Holzstück: „Daraus will sie eventuell eine Medusa schnitzen, wenn sie wieder da ist.“

Wolfgang Reinhardts Leidenschaft sieht man sofort: Er fertigt große Schiffe, die wie Modellbauschiffe aussehen, aber keine sind. „Das Schiff hat er aus einem einzigen Holzblock geschnitzt“, erklärt Fleischmann. Reinhardts Hobby hat etwas mit seinem Beruf zu tun, denn er ist früher als Angehöriger der Marine zur See gefahren. Fleischmann selbst hat als Verwaltungsbeamter bei der BASF gearbeitet. Er liebt das Gesellige. Und dass das gepflegt wird, ist ihm in der Hobbywerkstatt wichtig.

Neugierig auf neue Fertigkeiten

Fleischmann hatte noch im Berufsleben versucht, zu schnitzen. Das war nicht wirklich erfolgreich. In der Hobbywerkstatt fand er Mitstreiter, die ihn die Fertigkeit gelehrt haben. Im Sommer will er einen Schnitzkurs im Bayrischen Wald besuchen: „Ich will das Schnitzen richtig lernen, damit ich es weitergeben kann.“

Fleischmann arbeitet gern mit Holz. „Holz lebt davon, dass man es fühlt“, meint er. So entstehen zum Beispiel kleine Pilze, Hunde oder Herzen als Schlüsselanhänger. Größere Figuren lässt er sich als Rohlinge liefern, die er fertigschnitzt. Oder er schnitzt angefangene Figuren von Vorgängern zu Ende. Auch deshalb will er den Kurs besuchen, um zu lernen, wie man Rohlinge herausschneidet. Die fertige Werke werden auch auf dem Speyerer Weihnachtsmarkt verkauft, um neues Material für die Werkstatt anschaffen zu können.

Mit 81 Jahren noch Schnitzen gelernt

Der Älteste im Bunde ist der Speyerer Hermann Schmid (91). Er reiste beruflich viel für die BASF und wurde nach seiner Pensionierung zunächst Reiseleiter, bevor er sich mit 81 Jahren der Schnitzerei und Holzbildhauerei zuwendete. Der Sohn eines Schreiners nutzt gern die Geräte der Hobbywerkstatt für seine Werke und hat erkannt, dass ihm das Arbeiten mit Holz im Blut liegt.

Der gelernte Werkzeugmacher Jürgen Feder (66) aus Speyer wollte gern etwas mit den Händen machen, am liebsten mit Holz, einem lebenden Werkstoff. In der Werkstatt bekam er ein Buch aus dem Jahr 1967 in die Hand gedrückt, in welchem Vorlagen für Holzwerke sind. So entstand die Skulptur „Vertrauen“: ein Mann und eine Frau, die sich anschauen. Oder zwei Schmuckschalen mit Ausbuchtungen. „Für die erste habe ich hartes Holz verwendet, aber das war viel Arbeit.“ Deshalb entsteht die zweite Schale jetzt aus weichem Holz.

Spielzeug und Kunstobjekte

Der Speyerer Burghard Elster (87) fertigt Skulpturen aus Antikholz. Nach der Entkernung einer Scheune nutzte er das 350 Jahre alte Bauholz aus Eiche. Holz mit Geschichte: Es erlebte den 30-jährigen Krieg, den Westfälischen Frieden, die Hexenverbrennung. Als seine Enkel auf die Welt kamen, wollte Elster kein Plastikspielzeug für sie, sondern welches aus Holz. Also fing er an zu schnitzen. Um neues Material zu kaufen, fertigt er saisonal Osterhasen und Engel und verkauft sie. Herzensprojekte sind aber die eigenen Skulpturen, wie der Torso einer Frau: „Bei allem anderen ist das Kunst, aber hier muss die Anatomie stimmen.“ Dagegen ist seine „Welle“ Kunst mit Interpretationspotenzial. Die Idee kam ihm beim Segeln. Er malte er eine Welle, fertigte sie aus Ton und schließlich aus Holz. Das Ergebnis: „Meine Frau meinte ,Ach wie schön! Mutter und Kind!’“

Zur Sache

Hobbywerkstatt für Senioren aus Speyer und Umgebung, Mönchsgasse 12, hinter dem großen Hoftor. Öffnungszeiten: Schnitz-Werkstatt dienstags und donnerstags von 8 bis 11 Uhr, Töpferei donnerstags 14 bis 17 Uhr, Schreinerei montags, mittwochs und freitags von 8.15 bis 11.15 Uhr. Anfänger willkommen. Informationen und Kontakt: Günther Fleischmann unter Telefon 06232 74399 oder Email: guenther.fleischmann@gmx.de.

Geschichte der Hobbywerkstatt

Ein Abstellraum unter dem alten Stadtsaal mit gespendeten Werkzeugen und Maschinen diente ab 1971 Senioren als erste Hobbywerkstatt. Ältere Menschen sollten sich nach Auffassung des damaligen Bürgermeister Stefan Scherf nach Kindererziehung und Erwerbsleben sinnvoll beschäftigen können. 1990 siedelte die Hobbywerkstatt in die Mönchsgasse 12 um. Die Einrichtung des Seniorenbüros setzt auf den Selbsthilfegedanken: Ältere aus der Isolation zu führen, ihre Kreativität, Interessen und Schaffenskraft zu erhalten und ihre reichhaltige Erfahrung an andere weiterzugeben. Töpfern, Schustern, Schreinern, Schnitzen kann man aktuell in den verschiedenen Werkstätten. Allerdings ist die Schusterei momentan verwaist. Die meisten Hobbywerker bringen sich das gewünschte Handwerk selbst bei. Man unterstützt sich jedoch gegenseitig.

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