Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Meinung: Wie in Speyer mehr WM-Stimmung aufkommen könnte

Schöne Zeit: Public Viewing bei der WM 2014 in der Halle 101.
Schöne Zeit: Public Viewing bei der WM 2014 in der Halle 101.

Seit Donnerstag läuft die Fußball-Weltmeisterschaft. Die WM-Stimmung hierzulande ist bisher eher verhalten. In Speyer gibt’s immerhin weltmeisterliche Anzeichen.

„Schürrle. Der kommt an. Mach ihn! Mach ihn! Er macht ihn! Mario Götze!“ Die Worte von ARD-Kommentator Tom Bartels während dem entscheidenden Tor unserer Nationalmannschaft zum WM-Titel in Brasilien hallen auch zwölf Jahre später noch nach. Ein Land war elektrisiert, auch in Speyer lagen sich wildfremde Menschen in den Armen. Die Stimmung beim Public Viewing in der Halle 101 an diesem lauen Sommerabend war so phänomenal wie an zig anderen Orten in der Republik. Die Welt war irgendwie in Ordnung.

Eine allzu verklärende Sicht? Womöglich. Zwei dieser Turniere und ein paar Enttäuschungen später sieht die Sache gefühlt jedenfalls anders aus. So richtig mag bisher keine WM-Stimmung aufkommen. Nicht vor dem Start der Weltmeisterschaft in Kanada, Mexiko und den USA und auch nicht, nachdem am Donnerstag der erste Ball rollte. Das mag viele Gründe haben, neben dem sportlichen Abschneiden spielt sicher auch die weltpolitische Lage ab und an ein grobes Foul. Die Stimmung steht sozusagen im Abseits. Kein Videoschiedsrichter nötig, um das zu bestätigen. Sie ist nicht zu vergleichen mit 2014 und sowieso nicht mit 2006, als die Welt beim Turnier im eigenen Land zu Gast bei Freunden war und Deutschland Dritter wurde. So zumindest mein Eindruck. Schlagzeilen wie die, dass einem somalischen Schiedsrichter wegen angeblicher Verbindungen zu einer Terrororganisation die Einreise in die USA verweigert wird, passen da irgendwie ins Bild. Hinzufliegen und die Nationalelf vor Ort anzufeuern, scheint sowieso wenig einladend. Am Rande: Wer alle Spiele der deutschen Mannschaft in den Stadien bis zu einem möglichen Finaleinzug sehen wollen würde, müsste im günstigsten Fall fast 6000 Euro zahlen – nur für die Tickets. Na dann gut Kick.

Nun wollen wir die Sache aber auch nicht von vornerein verderben. In den Biergärten und Wohnzimmern der Region werden viele Zuschauer wieder mitfiebern. Die Stimmung kann also noch besser werden – und da spielt die sportliche Leistung der DFB-Elf wohl doch die Schlüsselrolle. Fußball bleibt für viele bei all den Querelen und bei all dem Kommerz die schönste Nebensache der Welt. Es ist ja nicht so, dass die Weltmeisterschaft unsichtbar bleibt und bleiben wird. Der schön geschmückte Flaggenmast am Rhein und das nicht weniger schöne Haus in der Schwerdstraße mit den Flaggen teilnehmender Länder machen einiges her und haben schon zurecht Anerkennung geerntet. Die Mühe war diesmal mit 48 statt 32 Teilnehmern ungleich größer. Sogar mit einem WM-Song kann sich die Region brüsten. Der Waldseer Daniel Christmann hat ihn geschrieben und nimmt darin auch Bezug auf die angespannte Weltlage sowie gesellschaftliche Verwerfungen, aber auch auf nostalgisch schöne Erinnerungen an früher: „Komm, wir tanzen durch den Regen, als wär’s 2006“. Wie viele andere Landsleute erinnert er sich an Auto-Korsos und eine positive Grundstimmung. Christmann will den Menschen mit seinem Song eine unbeschwerte Zeit schenken, und das ist aller Ehren wert. Vor 20 Jahren sei auch nicht alles rosig gewesen, sagt er zurecht. Vielleicht war unser Umgang mit Problemen damals ein anderer, vielleicht kam aber auch alles nicht so geballt wie nun zwei Jahrzehnte später.

Nun sei die Frage, ob Hupkonzerte und Blechlawinen rund um Postplatz und Co wirklich die Stimmung nachhaltig heben, mal dahingestellt. Vielleicht geht’s auch eine Nummer kleiner. Reicht für einen hoffentlich souveränen Auftaktsieg am Sonntagabend nicht auch ein Fahrrad-Korso, und für jedes deutsche Tor wird einmal geklingelt? Ich weiß ja nicht. Ein Zeichen der Verbundenheit braucht’s jedenfalls, für das auch die Speyerer Politik sorgen könnte. Wenn CDU, SPD und FDP sich für einen Antrag zusammentäten, ginge das rein farblich schon in die schwarz-rot-goldene Richtung und wäre trotz zweier konkurrierender OB-Kandidaten doch mal eine Aussage. Dann beschließen sie eine Runde Freibier aus dem Stadtsäckel, und die WM bliebe in Erinnerung.

Timo Konrad
Timo Konrad
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