Speyer „Man muss das Publikum packen“
Gypsyswing gibt es beim Speyerer Oldtime Jazz Festival mit dem Premier Swingtett am Samstag, 20. August, 19.30 Uhr, im Rathaushof. Bandleader ist der Gitarrist Ulrich Hoffmeier, der auch im Palastorchester von Max Raabe an allen möglichen Saiten zupft. Unsere Mitarbeiterin Olivia Kaiser hat vorab mit dem 59-Jährigen gesprochen.
Ich bin der Meinung, dass sich deutsche Komponisten nicht hinter amerikanischen zu verstecken brauchen. Jeder kennt das sogenannte „Great American Songbook“ von Komponisten wie Gershwin, Berlin, Porter oder Mancini. Es wird Zeit, dass auch das „German Songbook“ mit Komponisten wie Jurmann, Heymann, Weill oder Igelhoff genauso als Quelle für Jazzsongs von den Hörern wahrgenommen und von den Musikern gespielt wird. Der deutsche Jazz und Swing wurde leider von den Nationalsozialisten im Keim erstickt. Glauben Sie, ansonsten wäre jetzt Berlin die europäische Hauptstadt des Jazz? Berlin ist heute die Hauptstadt des europäischen Jazz – und hätte sich auch in den 30er Jahren dazu entwickeln können, wenn die Nazis nicht diese Entwicklung abrupt und mit Gewalt beendet hätten. Vielleicht hätte es dann auch Ausnahmemusiker in Berlin gegeben – so wie Django Reinhardt in Paris. Sie sind Gitarrist in Max Raabes Palastorchester. Was unterscheidet das Spiel in einem Orchester von dem in einer kleinen Band? Ich liebe das Spielen in Big Bands und Orchestern und natürlich ganz besonders das Spielen im Palastorchester. Es ist wunderbar komponierte Musik, fantastisch arrangiert und exzellent gespielt. Jeder Musiker hat seine ganz bestimmte Aufgabe, ist vielleicht nur ein kleines Rädchen im Gesamtgeschehen, aber in der Gesamtheit kann man so eine Kraft und eine Variabilität auf die Bühne bringen, die einmalig ist. Vielleicht nur vergleichbar mit einem Symphonieorchester. In kleinen Besetzungen jedoch ist man als Musiker viel mehr gefragt und kann sich natürlich noch mal ganz anders entwickeln. So komponiere und arrangiere ich zum Beispiel auch für mein Premier Swingtett, was viel Spaß macht. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Max Raabe, und wie ist es, Teil des Palastorchesters zu sein? Ich bin vor 20 Jahren anlässlich einer Kreuzfahrt ins Palastorchester eingestiegen und habe dann die Professionalisierung erlebt: Wir spielten in den ersten Jahren 225 Auftritte. Das war genauso anstrengend wie aufregend. Aber auch heute noch mit knapp unter 100 Auftritten ist der Reiz, mit einem solchen Ensemble weltweit unterwegs zu sein, nicht verschwunden. Sie sprechen gern vom „German Songbook“. Gibt es da denn genug Songs, die Sie verwenden können? Wir beschränken uns ja nicht nur auf die 20er und 30er Jahre. Es gibt auch brauchbare Songs aus den 50ern und 60ern. Auf unserer aktuellen CD haben wir den Gassenhauer „Über den Wolken“ von Reinhard Mey als Bossa nova eingespielt und wir schrecken auch nicht vor Johann Sebastian Bach zurück, dem ersten deutscher Jazzer. Das Premier Swingtett arrangiert gerne Klassiker um zum Gypsyswing. Wie würden Sie diesen Sound beschreiben? Der sogenannte Gypsyswing entwickelte sich in Paris der 30er Jahre. Dominierende Persönlichkeit war der „Wundergitarrist“ Django Reinhardt, der zusammen mit dem Ausnahmemusiker Stéphane Grapelly an der Geige diesen Stil kreierte. Typisch ist – neben einer bestimmten Harmonik – der besondere Rhythmus, den ein oder zwei Rhythmusgitarristen produzieren und den man „La Pompe“ nennt. Wie schafft man es, einem bekannten Schlager oder Jazzsong seinen Stempel aufzudrücken und dem Lied trotzdem treuzubleiben? Man braucht eine überzeugende, ich würde fast sagen: zwingende, Idee für das Arrangement. Das kann ein besonderer Rhythmus sein wie zum Beispiel eine Rumba, das kann ein Intro sein, ein Riff, ein Shout- oder Ensemblechorus. Wir haben eher das Problem, zu viele Ideen zu haben als zu wenige. Sie verballhornen auch gerne mal ein Lied, Stichwort „Bei mir bist Du schejn“. Ist Humor auf der Bühne für Sie wichtig? Unbedingt. Die Zuhörer wollen unterhalten werden, und ich glaube, das auch zu können. Selbst wenn wir jetzt mit Brad Brose aus Los Angeles einen der schnellsten Gitarristen der Welt mit dabei haben, ist es doch für die meisten im Auditorium völlig egal, wie viele Noten er pro Minute spielen kann. Man muss das Publikum packen und ihm auch die Gelegenheit geben, mit einzusteigen, sei es ein Wippen mit den Beinen, ein Träumen mit einer langsamen Melodie, ein Schnipsen mit den Fingern oder ein Mitsingen im Scatstil. Todernst wird man mich bei Musik nur bei meiner eigenen Beerdigung sehen. In der Region Mannheim/Heidelberg findet regelmäßig die „Nuit Bohème“ statt, eine Elektroswingparty im 20er-Jahre-Flair, die von vielen jungen Leuten besucht wird. Ist das ein Trend, der Ihnen gefällt, oder mögen Sie es lieber puristisch? Wir selbst haben auf der „Bohème Sauvage“ in Hamburg gespielt, und die Verquickung von neuen Bands und altem Material finde ich toll. Wir leben doch nicht mehr in den 20er oder 30er Jahren. Natürlich hat sich der Sound verändert. Vorverkauf Eintrittskarten gibt es beim RHEINPFALZ-Ticketservice unter der Telefonnummer 0631 37016618 und der Internet-Adresse www.rheinpfalz.de/ticket. |iak