Porträt RHEINPFALZ Plus Artikel Leichtathletik ist für Lothar Fischer das „Lebenselixier“

Lothar Fischer beim Weit- und Dreisprungtraining in der Leichtathletikhalle in Ludwigshafen.
Lothar Fischer beim Weit- und Dreisprungtraining in der Leichtathletikhalle in Ludwigshafen.

Für Lothar Fischer aus Waldsee sind die Leichtathletikhalle und das Stadion in Ludwigshafen fast wie seine zweite Heimat. Dort trainiert der Weit- und Dreispringer für seine Wettkämpfe. Am Mittwoch lässt er das Training ausnahmsweise ausfallen: Er wird 87 Jahre alt. Danach geht es weiter, denn Ziele hat Fischer noch vor Augen.

Lothar Fischer gesteht, warum er am liebsten alleine ist. „Da brauche ich mich nach niemandem zu richten. Ich bin kontaktarm, suche viel Ruhe“, sagt er und bekennt: „In der Ruhe liegt die Kraft.“ Aber es gibt natürlich Momente, in denen er auflebt, viel lacht und erzählt. Zum Beispiel, wenn er dreimal in der Woche morgens von seinem Aussiedlerhof in Waldsee in den Ludwigshafener Sportpark fährt. Die Leichtathletikhalle und das Stadion sind seine zweite Heimat. Dort frönt der Weit- und Dreispringer seinem Hobby, trainiert ehrgeizig und trifft alte Kumpels. Immer auch mittwochs. Nur am Mittwoch nicht, denn an diesem 15. März feiert er seinen 87. Geburtstag.

Vor kurzem war er mal wieder über sich hinaus gewachsen. Schon lange hatte er die Hallen-Weltbestleistung für die Seniorenklasse M85, die 3,61 Meter im Weitsprung, vor Augen. In Linz in Österreich, wohin er die 560 Kilometer mit dem sehr guten Seniorensportler Hans Kuhn vom ABC Ludwigshafen gefahren war, scheiterte er noch, aber eine Woche später in Mannheim klappte es. Endlich. „Da bin ich in die Vollen gegangen“, sagt er, fasst sich an den Oberschenkel und verzieht das Gesicht: „Leichte Zerrung, ist nicht schlimm.“ An Training ist gerade nicht zu denken, zu den Weltmeisterschaften in zehn Tagen in Torun/Polen fährt er nicht. Auch deshalb nicht, weil er sich eine solche Reise alleine nicht zutraut.

Großer Ehrgeiz

Trotzdem: Weiter geht’s. Immer weiter. „Die Leichtathletik ist mein Lebenselixier. Ich bin unzufrieden, weil ich immer noch mehr will“, blitzt Fischers Ehrgeiz auf. Er lässt aber auch Sätze fallen wie diesen: „Die Luft wird immer dünner.“ Ja, Fischer ist ein Leben lang Leichtathlet. Es gab da einen Konkurrenten namens Kurt Zickgraf, der auf dem Waldseer Sportplatz mit einer 20 Meter langen Weitsprungbahn und einer Hochsprunganlage mit drei Schippen Sand schneller war und weiter und höher sprang als er. „Ich wollte immer so gut sein wie er, irgendwann hatte ich ihn“, sagt er. 1960 war das.

Arbeit als Landwirt

Mit viel Arbeit und viel Energie hatte er es geschafft, wie er es auch von seinem Beruf kannte, dem er schon lange nachging und der ihn prägte. 1950 aus der Schule gekommen, musste er schon bald den landwirtschaftlichen Betrieb der Eltern übernehmen, einen von damals 160 in Waldsee, weil sein Vater mit einem Oberschenkeldurchschuss vom Krieg gezeichnet war. „Wir hatten Frühkartoffeln, Getreide, Rüben angebaut – und Tabak, das war am einträglichsten. Es gab keine Maschine, alles war mit der Hand zu erledigen“, erinnert sich Fischer: „Man brauchte wirklich viel Energie.“ Er lebte schon damals mit Vorsätzen wie „Ich will, ich kann, ich muss“ oder „Geht net, gibt’s net“.

Die Schulabschlussfahrt nach München konnte und durfte er nicht mitmachen, er dachte damals, „dorthin komme ich in meinem Leben nicht mehr hin“. Und siehe: Fischer schaffte es noch viel, viel weiter in die Welt, nach Australien oder Südafrika zum Beispiel. Die Reisen zu den Welt- und Europameisterschaften, die waren und sind sein Hobby. „Ich bin sparsam erzogen worden, aber dafür habe ich Geld ausgegeben. Ich selbst hätte den Wettkampf gemacht und wäre gleich heimgefahren, aber meine Frau, die vor vier Jahren gestorben ist, die sagte, nein, das machen wir nicht, wir schauen uns das Land noch an“, erzählt er. Bis 1994 waren die Fischers Landwirte, dann verlieh ihm der Sport seine Freude machende Weltoffenheit. „Als Selbstständiger war ich immer kontaktarm, konnte und wollte mich ungern unterordnen. Meine Frau hat das ausgeglichen, die hat gut reden könnte“, sagt Lothar Fischer, der auch im Sport nur auf sich selbst hörte: Er hatte noch nie einen Trainer.

Nächstes Ziel ist EM

Buch über seine Reisen und Wettkämpfe führt er nicht. „Wann? Wo? Wie?“ – das ist für ihn nicht entscheidend. Aber das Warum. Fischer braucht immer ein Ziel. Als er die beiden letzten seiner vielen WM-Titel holte, im vorigen Jahr in Tampere im Weit- und Dreisprung, sprang er gegen sieben Konkurrenten 3,74 Meter – und siegte. Jetzt will er sich noch die Weltbestleistung im Freien der M85-Klasse (3,77 Meter) holen. Sein nächstes großes Ziel: die Europameisterschaften im August in Pescara. Wieder will ihn, so ist der Plan, seine Tochter Petra begleiten, wie schon im vergangenen Juli nach Finnland.

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