Speyer
Lange vergessen: Pfälzer Flugzeug war Pionier in Afrika
Es ist eine unwirkliche und zugleich wunderschöne Gegend. Dort, wo die rote Namib-Wüste nahtlos in den Atlantik übergeht. Dort, wo die mächtigen Sanddünen in den Wellen des Ozeans verschwinden. Dort startete vor 110 Jahren ein Pfälzer Flugzeug den ersten Flug der namibischen Geschichte. Der abenteuerliche Weg des Flugzeugs begann 1913 in Speyer und endete schon 1916, in einen Zugmotor umgebaut, im heutigen Tansania.
Doch um die Bedeutung dieses Flugzeuges für die Pfalz und für die Saga der technischen Entwicklung der Luftfahrt zu verstehen, bietet sich ein kleiner Blick in die Geschichte an. Der Wüstenflug von 1914 ist darin ein Kapitel für sich.
Wie die Luftfahrt in die Pfalz kam
Keine zehn Jahre waren seit dem ersten motorisierten Flug der Geschichte durch die Gebrüder Wright in den USA vergangen, als die Gebrüder Eversbusch 1913 die Pfalz-Flugzeugwerke gründeten, heute die PFW Aerospace. Wenig später begann die Produktion in Speyer, wo der Stadtrat kostenlos ein Gelände für die noch heute bestehende Flugbahn bereitgestellt hatte.
„Es ist bestätigt, dass die Pfalz-Flugzeugwerke im Ersten Weltkrieg die drittgrößte Flugzeugfabrik in Deutschland war“, schildert Peter Seelinger, Autor und Mitglied im Verein zur Förderung der Luftfahrthistorie der Pfalz. Die Stadt am Rhein gehörte damals zum Königreich Bayern und so waren es insbesondere Verbindungen zu einer Flugzeugfabrik in der bayerischen Hauptstadt München, die den Startschuss für den Flugzeugbau in der Pfalz gaben.
„Das erste Flugzeug, das damals in Speyer zusammengeschraubt wurde, war ein Doppeldecker des Typs ’Otto B’“, erzählt Seelinger. Benannt und erfunden worden war es von Gustav Otto, dem Sohn des legendären Autoerfinders Nicolaus August Otto, nach dem der Otto-Motor benannt wurde. Otto junior hatte bereits 1909 in München die erste Akademie für Aviastik (Fliegerei) und eine Fabrik für Flugmaschinenbau gegründet, von der aus er die Lizenz für den Bau seines Doppeldeckers auch nach Speyer verkaufte.
Ein Pfälzer Flugzeug auf dem Weg nach Afrika
Das allererste Pfälzer „Otto“-Flugzeug sei 1913 gebaut worden und zunächst als Werbeflugzeug für den Berliner Kleidungshändler Rudolf Hertzog über Tübingen geflogen, erzählt Peter Seelinger. Bis es im April 1914 wieder auseinandergebaut worden sei. „Der Doppeldecker wurde dann in Kisten verpackt und nach Swakopmund im heutigen Namibia verschifft“, so Seelinger. Auch dort unterhielt der Kleidungshändler Hertzog ein Kaufhaus und auch dort sollte das Flugzeug Werbung machen.
Mit dabei auf der abenteuerlichen Fahrt von Speyer in die Stadt am Rande der Namib-Wüste: der Luftfahrtpionier Bruno Büchner. „Büchner hatte im Jahr zuvor im Balkan-Krieg ein Kriegsflugzeug geflogen. Der Transport eines Flugzeuges nach Deutsch-Südwestafrika (heutiges Namibia: Anmerkung d. Redaktion) im Frühjahr 1914 stand sicherlich in direktem Zusammenhang mit der deutschen Kriegsvorbereitung auf den Ersten Weltkrieg“, schätzt Seelinger die Bedeutung des Flugzeugtransportes ein.
Auf dem Gebiet des heutigen Namibia im Südwesten Afrikas hatte das Deutsche Reich die Kolonie Deutsch-Südwest-Afrika errichtet. Hier lebten Deutsche und herrschten über das Land, sie bauten Straßen und Schienen für den eigenen Nutzen und gingen mit äußerster Brutalität gegen die Einwohner des Landes vor. So begingen deutsche Kolonialtruppen ab 1904 den Völkermord an den Herero und Nama.
Mitte Mai 1914 kam das Werbeflugzeug auf dem Schiff „Winfried“ in Swakopmund an. Neben der Aufschrift „Pfalz-Flugwerke GmbH Speyer a. Rh.“ trugen die Unterseiten der Tragflächen auch Reklameschriftzüge der Firma Hertzog. So zugetextet schrieb der kleine Doppeldecker Geschichte. Der gelernte Techniker Büchner baute in einem Zelt das Flugzeug aus seinen Einzelteilen wieder zusammen und brachte es am 14. Mai 1914 in Position.
Historischer Jungfernflug durch die Wüste
„Es lag noch dichter Nebel über der Fläche [...]. Morgens gegen 8.30 Uhr hörte man das enorme Geknatter des angelassenen Motors, der mit 108 PS den Propeller in sausende Bewegung versetzt und dann den schweren Vogel in die Lüfte zieht“, weiß ein anonym gebliebener Journalist zwei Tage später in der Deutsch-Südwestafrikanischen Zeitung zu berichten. Und weiter unten: „Nach kurzem Anlauf stieg der Doppeldecker leicht und schön anzuschauen auf eine Höhe von 50 bis 60 Meter und zog seine Kreise über der Stadt.“
Doch es blieb in der Zeitungsberichterstattung damals nicht bei der bloßen Beschreibung des Fluges. Der Artikel vom 16. Mai 1914 endet mit dem Satz: „Unsere Eingeborenen beobachteten mit Grauen, Staunen und Neugier das Schauspiel mit dunklen Ahnungen von der grossen Überlegenheit der weissen Rasse...“. Das ist auch deswegen ein inkorrekter Satz, weil das Flugzeug, wie auf Fotos aus der damaligen Zeit zu sehen ist, von schwarzen Schmieden zusammengebaut wurde.
„Es kann sein, dass die schwarzen Konstrukteure freiwillig und als ausgebildete Schmiede arbeiteten. Möglicherweise waren sie aber auch in einer Art Frondienst dazu rekrutiert worden“, ordnet Eva Bischoff von der Universität Trier diesen kleinen Abschnitt in die Kolonialgeschichte ein.
Der Jungfernflug sollte nicht der einzige Flug für das Speyrer Flugzeug bleiben. Auf vielen alten Fotos aus der Zeit ist zu sehen, wie es im Wüstensand, umringt von dutzenden Schaulustigen, steht und auf seinen nächsten Einsatz wartet.
Die Reise führt nach Sansibar
Auf dem Höhepunkt seiner Luftodyssee wurde der „Otto“-Flieger wieder auseinandergeschraubt und erneut in Kisten verpackt. „Am 4. Juli 1914 begann der Seeweg auf dem Schiff ’Khalif’ in das heutige Tansania in Ostafrika, weil Südafrika wegen des drohenden Krieges einen Überflug verboten hatte“, erzählt Peter Seelinger. Tansania gehörte damals unter dem Namen Deutsch-Ostafrika zum Kolonialreich Deutschlands. Hier sollte der Luftfahrtpionier Bruno Büchner ein Flug-Verkehrsnetz für die Tropen aufbauen und weiter das Werbeflugzeug fliegen.
Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges in Europa machte dem Vorhaben jedoch einen Strich durch die Rechnung: Als Büchner und sein „Otto“-Flieger auf dem Weg in die deutsche Kolonialhauptstadt Daressalam (heute in Tansania) in der britischen Kolonie Sansibar Halt machten, waren sie plötzlich im Feindesland. Denn Großbritannien hatte Deutschland den Krieg erklärt. Rasch fuhr der Dampfer weiter und erreichte im August 1914 die heutige tansanische Küste.
Kriegseinsatz für den Speyrer „Otto“-Flieger
An Land erkannten die deutschen Kolonialtruppen den Vorteil, den der Einsatz des Doppeldeckers aus der Pfalz haben könnte. Denn auch in Afrika wurde im Ersten Weltkrieg gekämpft. So beschlagnahmte der deutsche Generalmajor von Lettow-Vorbeck das Flugzeug und teilte seinen kriegserfahrenen Piloten Bruno Büchner ein, Erkundungsflüge zu starten. In Kurasini, südlich von Daressalam wurde dafür laut Wikipedia das erste Flugfeld des Landes eröffnet.
Für von Lettow-Vorbeck scheint dieses Ereignis jedoch nicht besonders wichtig gewesen zu sein. In seiner 1920 erschienenen, propagandistischen Autobiografie „Heia Safari! – Deutschlands Kampf in Ostafrika“ verliert er kein Wort über den Pfälzer Doppeldecker.
So erhoben sich die Beiden über dem azurblauen Indischen Ozean in die Lüfte, um die Gegend nach feindlichen Truppen auszukundschaften. Bei einem dieser Flüge wurde der Doppeldecker von britischen Truppen entdeckt und beschossen. Auch Bruno Büchner wurde bei diesem Einsatz verwundet, konnte aber auf einem behelfsmäßigem Flugplatz nahe Daressalam landen.
Büchner fiel somit für vorerst weitere Flüge aus. Zum Leidwesen des „Otto“-Doppelflüglers übernahm der gebürtige Germersheimer Oberleutnant Henneberg sein Steuer. Mit ihm sackte es im November 1914 bei einem Erkundungsflug zum Kilimandscharo ab, stieß gegen eine Palme und überschlug sich. Oberleutnant Henneberg war sofort tot.
Der „Otto“ wird zu einer Eisenbahn
Doch sein alter Pilot Bruno Büchner hatte sich inzwischen erholt und die Reste seines Doppeldeckers wurden wieder zusammengebaut. An dem Radfahrwerk wurden zwei Schwimmerkufen angebracht. So konstruierten sie ein Wasserflugzeug, das dem deutschen Kriegsschiff „Königsberg“ helfen sollte, die britische Marine zu beobachten. Doch der Dienst im Flussdelta des Rufiji dauerte nicht lange, da bald der Treibstoff zur Neige ging.
Die Odyssee des „Otto“-Doppeldeckers endete deswegen noch lange nicht. „Das Wasserflugzeug wurde erneut auseinandergebaut und sein Motor in einen Bahnwagen eingebaut. Er leitete die Drehung der Kurbelwelle vermutlich über einen Riemenantrieb auf die Radachse weiter“, erklärt der Luftfahrtexperte Peter Seelinger die technischen Hintergründe des Umbaus. Dieses abenteuerliche Gefährt, das später als „Schienen-Zeppelin“ in die Geschichte eingehen sollte, kam während der Kriegsjahre auf zwei großen Fahrten zwischen Daressalam und dem Inland der Kolonie zum Einsatz.
1918 siegten schließlich die britischen und südafrikanischen Truppen und Tansania wurde in das britische Weltreich eingegliedert. Bruno Büchner geriet in eine kurze Kriegsgefangenschaft und kehrte 1920 nach Deutschland zurück.
Hier pflegte er eine Nähe zum rechts-nationalen Lager, gewährte 1925 sogar dem jungen Adolf Hitler Unterschlupf und trat 1932 der NSDAP bei. All das nützte ihm jedoch nichts und der NS-Staat verdrängte ihn aus seiner neuen Heimat am Obersalzberg (Landkreis Berchtesgadener Land). 1936 wurde er aus der NSDAP ausgeschlossen, 1943 starb er in Österreich an einem Herzinfarkt.
Diesem letzten Kapitel seines Lebens haben die Journalisten Ulrich Chaussy und Christoph Püschner 2005 einen Teil ihres Buches „Nachbar Hitler: Führerkult und Heimatzerstörung am Obersalzberg“ gewidmet.
Wo ist „Otto“ heute?
„Südafrika hat den Sieg über das Deutsche Reich in Tansania für sich beansprucht. Es war dem Land danach sehr wichtig, dass dies anerkannt wird. Die Akten und alle beschlagnahmen Materialien gingen daher vermutlich nicht nach England, sondern nach Südafrika“, erklärt Eva Bischoff von der Universität Trier. Gut ein Dutzend Rechercheanfragen an südafrikanische Archive haben jedoch keine Erkenntnisse über den Verbleib des Schienen-Zeppelins und der Flugzeugreste ergeben.
Außerdem sei die Quellenlage über den Ersten Weltkrieg in Tansania ohnehin schwierig, da die deutschen Truppen in einen Guerillakrieg getreten seien und vieles geheim ablief, meint Bischoff. Die südafrikanische Historikerin Anne Samson geht davon aus, dass die Deutschen selber alle Schienenfahrzeuge und somit den Schienen-Zeppelin, zerstört haben. So sollten sie nicht unter die Kontrolle der alliierten Truppen gelangen.
So verliert sich die Spur des ersten Pfälzer Flugzeugs in den afrikanisch-europäischen Kriegswirren. Der Aufbewahrungsort möglicher Reststücke ist im Dunkeln der Geschichte vergessen.