Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Kreis Germersheim: Sparkasse kündigt 2300 Sparverträge

Sieht sich rechtlich auf der sicheren Seite: die Sparkasse Germersheim-Kandel, hier die Hauptstelle in Kandel.
Sieht sich rechtlich auf der sicheren Seite: die Sparkasse Germersheim-Kandel, hier die Hauptstelle in Kandel. Foto: Van

Bundesweit ist eine hohe sechsstellige Anzahl an Sparern betroffen. Im Kreis Germersheim sind es ungefähr 2300, denen ihr unbefristeter Prämiensparvertrag gekündigt wurde. Die Sparkasse versucht sich an einer Erklärung. Besser sieht es für Kunden der Sparkasse Vorderpfalz aus.

Es ist das typisch deutsche Zins-Geschäftsmodell, das weggebrochen ist, erklärt der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Germersheim-Kandel, Siegmar Müller, die Misere nicht nur seines Hauses. Mit der Differenz zwischen eingenommenen Zinsen für Kredite und ausgegebenen Zinsen für Sparverträge lässt sich nicht mehr leben, seit die Europäische Zentralbank (EZB) die Null-Zins-Politik verfolgt. Für das Geld der Sparer, das die Sparkasse mangels Nachfrage nicht selbst verleihen kann, müsse mittlerweile bei der EZB Aufbewahrungsgebühr bezahlt werden, sagt Müller. Diese sogenannten Negativzinsen direkt an die Sparbuch-Kunden weiterzugeben, sei wohl auch keine Lösung. Große Einlagen allerdings kosten Geld. Bisher galt das bei der Sparkasse Germersheim-Kandel ab einer Million Euro, in Zukunft soll es ab 500.000 Euro gelten.

Einige Institute seien wegen der Verwahrgebühr bei der EZB sogar dazu übergegangen, das Geld in eigenen Tresoren zu horten. „Das kommt für uns nicht infrage“, sagt Müller, die Versicherungsprämien dafür seien teilweise höher als die Aufbewahrungsgebühr.

Dividende auf Aktien der „neue Zins“

Den gekündigten Sparern legt die Sparkasse nahe, auf Aktienfonds mit Dividendenausschüttung umzusteigen. Ob auch Gold oder Immobilien als Alternative infrage kommen, hängt laut dem Vertriebsdirektor der Sparkasse Germersheim-Kandel, Frank Pfirmann, von der Risikobereitschaft der Anleger und der geplanten Laufzeit der Anlage ab. „Aus unserer Sicht gibt es derzeit kaum Alternativen zu Fondslösungen“, schreibt Pfirmann in der Antwort auf eine RHEINPFALZ-Anfrage.

Die gekündigten Verträge stammen laut Sparkasse aus den Jahren 1996 bis 2002, als mit unbefristeten Laufzeiten und Zusatzprämien um Spareinlagen geworben wurde. „Im Nachhinein keine gute Idee“, stöhnt Vorstandssprecher Müller. Die Sparkassen in Deutschland halten die Kündigung dieser Verträge ohne Laufzeitbegrenzung für gerechtfertigt und berufen sich dabei auf ein Urteil des Bundesgerichtshofes. Der hat klargestellt, dass unbefristete Verträge (erst) gekündigt werden dürfen, wenn die höchste Prämienstufe bereits erreicht wurde.

Verbraucherschützer raten dazu, das nicht einfach hinzunehmen, sondern zu prüfen, beziehungsweise prüfen zu lassen. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung berichtet beispielsweise von Sparkassen, die auch Verträge mit 99 Jahren Laufzeit als unbefristet und damit kündbar ansehen.

Vertragskündigung als eine Art Notwehr

Müller und Pfirmann halten die Kündigungen der Sparkasse Germersheim-Kandel rechtlich für wasserdicht. Auch die vor dem Oberlandesgericht Sachsen in Dresden laufende Musterfeststellungsklage wegen falsch berechneter Zinsen zugunsten der Sparkassen betreffe ihr Haus nicht. Das sei alles in der Vergangenheit bereits bereinigt worden.

Letztlich sei die Kündigung eine Art Notwehr, weil das Geschäftsmodell der Sparkasse, an der Zinsdifferenz zu verdienen, komplett weggebrochen sei. Müller: „Wir stehen aktuell noch einigermaßen gut da, aber der Trend zeigt nach unten.“ Er nennt ein Beispiel, dass die Situation seiner Meinung nach gut beschreibt. Im Sommer habe eine Gemeinde aus dem Kreis nach einem Kassenkredit über sechs Millionen Euro gefragt. Der sei der Gemeinde zum Nulltarif, sprich null Zinsen, angeboten worden. Dann hätte man wenigstens die Verwahrgebühr bei der EZB gespart. Das „Geschäft“ wurde nichts, ein Mitbewerber legte sogar noch was drauf.

Sparen und neue Angebote machen

Auf die Negativzinsen der EZB reagiert die Sparkasse Germersheim-Kandel außer mit genannten Sparvertragskündigungen mit einem Sparprogramm, dem mittelfristig auch etwa 50 Stellen zum Opfer fallen sollen. Die Mitarbeiterzahl soll sich dann bei etwa 350 einpendeln. Kunden müssen ab dem nächsten Jahr mit höheren Gebühren rechnen, auch die Schließung von Geschäftsstellen werde im Verwaltungsrat diskutiert werden. Das umso mehr, da viele Dienstleistungen bereits über das zentrale Service Center abgewickelt werden und einige Geschäftsstellen schon stark reduzierte Öffnungszeiten haben.

Auf etwa demselben Niveau wie bisher bleibt das Sponsoring-Budget für das kommende Jahr. „Aber wir werden genauer hinschauen“, heißt es in der Antwort auf die RHEINPFALZ-Anfrage. Es gehe dabei nicht vorrangig darum, Geld einzusparen, sondern um den Blick für den Aufwand zu schärfen. Klartext: Für die Ausgaben muss eine adäquate Werbeleistung erkennbar sein.

Auf der „Einnahmen-Seite“ wolle sich das Haus auf das konzentrieren, was man am besten könne: Bankdienstleistungen. Pfirmann: „Was Kunden in der aktuellen Situation mehr denn je brauchen, ist eine qualitativ hochwertige und individuelle Beratung. Darauf konzentrieren wir uns.“ Themenfelder dabei seien unter anderem Wertpapiere, Versicherungen, Immobilien, Stiftungslösungen, Erb- und Nachfolgeregelungen, E-Commerce, digitale Vermögensverwaltung und Internet-Banking. Gerade im letztgenannten Bereich sieht Pfirmann Beratungspotenzial, schließlich habe jeder schon einmal Erfahrung mit schlecht zu erreichenden und unterqualifierten Hotlines im Internet gemacht.

Synergieeffekte ja, Fusion nein

Als Fusionskandidaten sehen Müller und Pfirmann ihr Haus mit knapp zwei Milliarden Euro Bilanzsumme und Platz 214 der knapp 400 deutschen Sparkassen nicht. Aber Zusammenarbeit im sogenannten Backoffice-Bereich werde es wohl geben. Schließlich müsse sich auch das kleinste Institut mit der „überbordenden Regulatorik“ auseinandersetzen und benötige dafür Spezialisten. Da ließen sich sicherlich Synergieeffekte schöpfen, meinen Müller und Pfirmann.

Auch Sparkasse Vorderpfalz unter Druck

Derzeit nicht mit massenhaft Kündigungen von Sparverträgen rechnen müssen offenbar Kunden der Sparkasse Vorderpfalz, deren Verbreitungsgebiet neben der Stadt Ludwigshafen auch Speyer und den Rhein-Pfalz-Kreis umfasst. „Wir beabsichtigen derzeit nicht, uns an Kündigungswellen zu beteiligen und Prämiensparverträge unserer Kunden massenhaft zu kündigen, sondern werden uns an die geltende Rechtslage halten“, sagt Thomas Traue, Vorstandsvorsitzender des Hauses.

Dass die aktuelle Lage auch der Sparkasse Vorderpfalz zu schaffen macht, verhehlt er nicht: „Die anhaltende Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank belastet seit über zehn Jahren die Ertragslage aller Banken und Sparkassen“, beklagt Traue. Eine Quersubventionierung von Bankdienstleistungen durch Zinsüberschüsse wie sie in der Vergangenheit möglich war, sei bei Banken und Sparkassen in der Niedrigzinsphase mit einem Zinsniveau von null oder darunter betriebswirtschaftlich nicht möglich. „Darunter leidet auch die Sparkasse Vorderpfalz“, sagt der Vorstandsvorsitzende. „Denn auch wir können uns nicht dauerhaft betriebswirtschaftlichen Zwängen entziehen und müssen auf veränderte wirtschaftliche Bedingungen angemessen reagieren.“ Seit Jahren unternehme sein Haus beispielsweise Anstrengungen, um die Weitergabe der EZB-Negativzinsen an Privatkunden zu begrenzen oder ganz zu verhindern. „Wir sparen Kosten ein, überprüfen in regelmäßigen Zeitabständen beispielsweise die Wirtschaftlichkeit unsere Standorte, das Beratungs- und Serviceangebote für unsere Kunden und die Preise für unsere Dienstleistungen“, erläutert Traue.

Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Germersheim-Kandel: Siegmar Müller.
Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Germersheim-Kandel: Siegmar Müller. Foto: Sparkasse
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