Speyer Kleine Zentren jüdischen Lebens

Verwittert: Die Infschriften auf vielen Grabsteinen sind nur noch schlecht zu lesen.
Verwittert: Die Infschriften auf vielen Grabsteinen sind nur noch schlecht zu lesen.

«OTTERSTADT.»Vor 50 Jahren hat Otto Berthold sein Haus in der Huttenstraße gebaut, von dessen Terrasse aus er auf den jüdischen Friedhof blicken kann. Schon alleine deshalb hat der Vorsitzende des Vereins für Heimatpflege und Naturschutz (VHNO) ein besonderes Interesse an dem Gelände entwickelt. „Als kleiner Junge bin ich schon über die Mauern geklettert“, erinnert sich Berthold an die Faszination, die der Friedhof von jeher auf ihn ausgeübt hat. In seinem Geburtsjahr 1939 war es gerade ein Jahr her, dass die letzte Jüdin – Lenchen Freundlich aus Rheingönheim – dort bestattet worden war. Es war das vorläufige Ende jüdischer Geschichte in Otterstadt, das sich bereits vor der Machtergreifung der Nazis abgezeichnet hatte. Mitte des 19. Jahrhunderts war Otterstadt noch ein Zentrum jüdischen Lebens vor den Toren Speyers gewesen: Fast 80 Menschen jüdischen Glaubens lebten Mitte des 19. Jahrhunderts laut Forschungen des Historikers Bernhard Kukatzki in Otterstadt – und das in einer Zeit, im Dorf gerade einmal gut 1000 Einwohner hatte. Über sechs Prozent der Bevölkerung machten die Juden in Otterstadt zeitweise aus. Von diesen Zeiten zeugt auch der Friedhof. Manchmal bekommt Otto Berthold Besuch von Nachfahren der Menschen, die dort begraben sind. „Meistens sind es Amerikaner“, berichtet er. Mit seinem Schlüssel verschafft er ihnen Zutritt zu dem knapp 1000 Quadratmeter großen Gelände, das von einer 126 Meter langen Ziegelmauer umgeben ist. „Viele legen dann einen Stein als Zeichen des Gedenkens auf eines der Gräber“, sagt er. Zu den erfolgreichsten jüdischen Otterstadtern, die in die USA auswanderten, gehörten die Brüger Emil, Hermann und Isidor Weil, die in Alabama einen der größten Baumwollkonzerne Nordamerikas aufbauten. Die Otterstadter Juden bildeten ab 1856 eine gemeinsame Gemeinde mit Waldsee, wo es deutlich weniger Menschen jüdischen Glaubens gab. Es gab eine Synagoge, eine jüdische Schule und eben den Friedhof, dessen Fläche 1869 verdoppelt wurde. Anfang des 20. Jahrhunderts jedoch ging die Zahl der jüdischen Einwohner in Otterstadt zurück. Viele zogen in größere Städte oder emigrierten. Zudem legten auch andere Gemeinden wie Schifferstadt und Neuhofen jüdische Friedhöfe an, sodass Beerdigungen in Otterstadt seltener wurden. Die 1845 erbaute Synagoge in der heutigen Mannheimer Straße war dem Verfall preisgegeben und wurde 1927 abgebrochen. Von den drei Juden, die 1933 noch in Otterstadt lebten, wurden zwei in Konzentrationslager deportiert, wo sie 1942 umkamen. Der dritte war bereits 1936 verstorben. Dementsprechend wenige Gräber jüngeren Datums finden sich auf dem Friedhof: Genau 100 Jahre ist es her, dass eine Helga Fischer aus Rheingönheim – auch von dort wurden Juden in Otterstadt beerdigt – im Alter von nur fünf Jahren gestorben ist. Eine Lina Rosenbaum aus Waldsee wurde im Jahr 1928 bestattet. Die meisten Grabsteine sind älter. Der Sandstein ist verwittert und die Inschriften – häufig hebräisch auf der Vorder- und deutsch auf der Rückseite – sind nur noch schwer zu entziffern. Die Erosion lässt sich kaum verhindern. „Es ist halt der Zahn der Zeit, der an ihnen nagt“, sagt Otto Berthold, der mit dem VHNO auch immer wieder mal Veranstaltungen zur jüdischen Geschichte Otterstadts organisiert. Er berichtet aber auch, dass der Friedhof heutzutage in einem deutlich besseren Zustand ist als noch vor einigen Jahrzehnten. Vandalismus oder antisemitische Schmierereien habe es zum Glück noch nicht gegeben. Während der Nazizeit sei der Friedhof zwar nicht zerstört, aber vernachlässigt worden, berichtet Berthold. Erst in den 1960er Jahren habe man das Gelände hergerichtet – wobei allerdings manche Grabsteine versetzt wurden. 1993 wurde der Friedhof unter Denkmalschutz gestellt, 1996 die Mauer saniert. Vor einigen Jahren habe man den Friedhof verschieben wollen, um die Verbindung von Römerstraße und Schlittweg zu schaffen, erinnert sich Otto Berthold. Weil dies nicht mit der jüdischen Begräbnistradition vereinbar war, scheiterten die Pläne. Stattdessen musste eine Ecke des christlichen Friedhofs weichen. Die Straße hat an der Stelle heute einen Knick – und Otto Berthold blieb der gewohnte Blick auf den Friedhof, der ihm so wichtig ist, erhalten.

Erinnerung: In Schwegenheim erinnert eine Gedenktafel an die Synagoge, die es früher im Ort gab.
Erinnerung: In Schwegenheim erinnert eine Gedenktafel an die Synagoge, die es früher im Ort gab.
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