Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Kaufhof: Konzentration aufs Tagesgeschäft

Ende 2019: Mitarbeiter demonstrieren vor der Speyerer Kaufhof-Filiale, die für einige Stunden geschlossen bleiben musste.
Ende 2019: Mitarbeiter demonstrieren vor der Speyerer Kaufhof-Filiale, die für einige Stunden geschlossen bleiben musste.

Das Aufatmen war mindestens bis zum Dom zu hören, als am 19. Juni verkündet wurde, dass die Speyerer Filiale von Galeria Karstadt Kaufhof nicht auf der Schließungsliste des Warenhauskonzerns steht. 62 von 172 Standorten umfasste diese, mittlerweile ist sie auf rund 50 verkürzt. Landau ist betroffen, auch eines der zwei Mannheimer Häuser. Speyer darf weiterarbeiten. Wie ist heute die Stimmung in der Belegschaft?

„Die Stimmung ist relativ gut, bis auf die Alltagssorgen“, sagt Niki Blum. Er ist einer der noch gut 60 Beschäftigten im Speyerer 6500-Quadratmeter-Haus an der Maximilianstraße, das vor 61 Jahren als „Anker“-Kaufstätte eröffnet worden war. Neben seinem Dienst in der Sportabteilung und anderen Bereichen der zweiten Etage steht Gewerkschafter Blum dem fünfköpfigen Betriebsrat der Filiale vor. Die Anspannung sei groß gewesen, als die Schließungspläne für zahlreiche Häuser des klammen Konzerns erklärt, aber noch nicht mit Stadt- und Filialnamen hinterlegt gewesen seien, berichtet Blum. Diese Phase habe fast das ganze Frühjahr umfasst.

Die Erleichterung sei groß in der „guten Truppe“, die Motivation ebenso, betont Blum. Den zum 30. September geplanten nächsten Schritt im Insolvenzverfahren über den Konzern könnten die Mitarbeiter nur aus der Ferne beobachten. Die Entscheidungen fielen in Nordrhein-Westfalen. Das Speyerer Personal sei Ungewissheiten gewohnt. „Es ist schwieriger geworden“, sagt Blum. Zuletzt habe die Fusion mit Karstadt 2019 nochmals einiges verändert. Ein Eindruck bei altgedienten Kaufhof-Leuten, von denen es in Speyer etliche gebe: Im Vergleich mit den „Blauen“ von Karstadt hätten die „Grünen“ aus der Kaufhof-Sparte Federn gelassen.

Corona kommt zur Unzeit

Im Dezember 2019 waren die Speyerer Beschäftigten mit Unterstützung des Gewerkschaftsbunds auf der Straße. In einem Warnstreik ging es um die Konditionen im „Sanierungstarifvertrag“, der ihnen abverlangt worden ist. Als an dieser Front etwas Ruhe eingekehrt war, kam die Corona-Pandemie. Das Haus war fast sechs Wochen lang geschlossen. Bis heute sei kein Normalzustand erreicht, berichtet Blum und deutet auf seine Schutzmaske: Sie sei für ihn ein Symbol der Kaufzurückhaltung, die die Leute bislang übten. „Es läuft schleppend wieder an“, sagt er über den aktuellen Kundenzuspruch. Allein fünf Prozent Umsatzrückgang hätten schlicht mit den Masken zu tun, vermutet er.

Insgesamt sei Speyer immer ein gutes Haus mit gutem Sortiment gewesen. Im Vergleich zu anderen „ein bisschen tourismuslastig“ – aber auch das trage zu guten Umsätzen bei. Experten hätten dem Handel ein „Tal der Tränen“ bis 2022 prophezeit, sagt der Funktionär. In Speyer komme die ebenfalls bis in dieses Jahr geplante Sperrung der Salierbrücke hinzu: Viele Stammkunden aus den nahen badischen Orten kämen heute längst nicht mehr in der Häufigkeit wie vor 2019 nach Speyer. „Wir können nur hoffen, dass das alles wieder sein früheres Niveau erreicht“, kommentiert Blum.

Ludwigshafener Last

Er sei eigentlich stets optimistisch gewesen, dass Speyer nicht auf der Schließungsliste steht, sagt der 48-Jährige. Als diese dann bekannt wurde, habe er fast nachträglich gezittert, da sie die Namen vieler erfolgreicher Filialen enthalten habe. Eine Erfahrung wie in Ludwigshafen, wo er 1989 beim damaligen Horten in der Bismarckstraße einstieg und Betriebsratschef war, als das Kaufhof-Nachfolgehaus 2010 seine Pforten schließen müsste, wolle er nicht noch einmal erleben: „Diese Sorgen kann hier wohl keiner besser nachfühlen als ich.“ Es seien schwere Zeiten gewesen. Die 15 bis 16 Monate, die sich die Auflösung der Filiale letztlich hinzog, hätten „viel Kraft gekostet“.

Trotzdem hat sich der Einzelhandelskaufmann 2014 auch an seiner neuen Dienststelle als Arbeitnehmervertreter in die Verantwortung nehmen lassen. „Wir können es nicht jedem Recht machen, und wir wollen auch kein Botschafter für schlechte Nachrichten sein“, ordnet er die Rolle des Betriebsrats ein. Für ihn gehe es vielmehr darum, „die Stimmung aufrechtzuerhalten“ sowie den Kollegen die Konzentration aufs Tagesgeschäft zu ermöglichen. Aktuell gelinge das. „Aber wir wissen nie, was passiert.“ Das habe nicht erst Corona gezeigt.

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