Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Jubiläum im Stadtteil mit dem besonderen Bürgersinn

Tiefbauarbeiten nördlich des Russenweihers: Material für die Kanäle liegt bereit und wird auch schon in die Erde gebracht.
Tiefbauarbeiten nördlich des Russenweihers: Material für die Kanäle liegt bereit und wird auch schon in die Erde gebracht.

Die Erschließung des Neubaugebiets am Russenweiher läuft in einem Jubiläumsjahr: Genau 100 Jahre zuvor sind am anderen Ufer des Gewässers die ersten Häuser der Neuland-Siedlung entstanden. Eine Parallele: Auf dem angespannten Wohnungsmarkt heute würden wohl viele Bauwillige ähnliche Entbehrungen auf sich nehmen wie seinerzeit die Gründerväter.

Es war eine Bauarbeitergemeinschaft, die im Selbsthilfe-Prinzip Stein auf Stein setzte. Zehn Familien standen dahinter, die sich wohl 1921 zusammenfanden. Im Oktober 2022 wurde das erste von fünf Doppelhäusern bezogen. Es trug die Adresse Im Lenhart 7 und war noch nicht ganz fertig. Die Stadtverwaltung half den Familien Bummel, Bankhardt, Brecht, zweimal Brech, Niedermann, Träutlein, Maffenbeier, Mattner und Lutz bei der Planung und Finanzierung.

Die Gründerväter des Neulands hatten sämtlich so praktische Berufe wie Maurer, Schlosser, Plattenleger oder Zimmermann und konnten damit selbst Hand anlegen. Sie arbeiteten meist nach Feierabend mit notdürftiger Beleuchtung, sodass sie die „Nachtlichtler“ genannt wurden.

Bebaut wurde eine landwirtschaftliche Gewanne im Süden der Stadt, in der schon in römischer Zeit Gutshöfe gestanden haben sollen. Der 1911 geborene Fritz Bankhardt hat alles miterlebt. Im Stadtarchiv Speyer liegen die Aufnahmen seiner 1960 auf Tonband aufgenommenen Erinnerungen vor. Die Entwicklung der Siedlung nahm demnach kurz nach Gründung der Flugzeugwerke ihren Ausgang. Diese produzierten seit 1913. Im Ersten Weltkrieg wurde unter Einsatz von Kriegsgefangenen mit dem Aushub des Russenweihers begonnen. „Man schürfte dort nach Kies, der für Betonbauarbeiten bei den Flugzeughallen und Pisten benötigt wurde“, erinnerte sich Bankhardt. Der Weiher sei zum Bade- und Sportparadies geworden – das Herz der Siedlung.

Straßen selbst gebaut

600 Quadratmeter standen für jedes der Doppelhäuser zur Verfügung. Die zunächst genannten 11.000 Rentenmark als Baupreis vervielfachten sich in der Inflationszeit. Das Wachstum der Siedlung hielt dies nicht auf. 1925 bis 1930 kam ein Bauabschnitt zwei hinzu. Heimstätten- und Neulandstraße sowie Am Schöneck füllten sich. Die Straßen wurden erst nach und nach befestigt und an Ver- und Entsorgung angeschlossen. Oberbürgermeister Paulus Skopp spendierte 70 Liter Bier, nachdem die Siedler 1953 höchstpersönlich die Straßen Am Schöneck und Renngraben ausgebaut hatten. Die Materialkosten gab’s aus dem Rathaus zum Gerstensaft dazu, aber 9000 Arbeitsstunden mussten die 33 Freiwilligen schon selbst leisten – natürlich nach Feierabend.

Historische Wirren hatte das Neuland in den drei Jahrzehnten bis dahin genügend erlebt. Dazu gehörten die Verfolgung von Separatisten und später im Nationalsozialismus der kommunistischen Familie Schultheis, an deren Mitglieder heute „Stolpersteine“ Im Lenhart erinnern. „Politisch waren die echten Neuländer als Arbeiterklasse natürlich links gestanden“, so Bankhardt. Die Wahlergebnissen erinnern heute noch daran.

Bankhardt schwärmte von rauschenden Festen im „Augarten“, bedauerte aber, dass in späteren Jahren vieles den Bach hinuntergegangen sei – auch der Russenweiher: Er sei zum Kanalüberlaufbecken geworden. Der Senior klagte über dessen „faulendes Wasser“, vermisste den früheren Gemeinsinn im Neuland mit Sportfesten und Fasnachtsfeiern, weil „die Leute stumm aneinander vorbeigehen“.

„Mit Fahnen vors Stadthaus“

1973 waren die Zustände zum Gegenstand einer Bürgerinitiative geworden, die den Stadtteil als von der Stadt vernachlässigt sah. Der Kanal sei zu klein dimensioniert, die Umgebung ungepflegt. Sprecher Max Kief in der RHEINPFALZ: „Wir sehen nicht ein, dass in anderen Stadtteilen für Millionen Mark Kanal und Straßen gebaut werden, während sich im Neuland nichts tut, und das schon seit Jahren.“ Die Drohung folgte: „Sonst gehen wir auf die Barrikaden und ziehen mit Fahnen vor das Stadthaus.“

Das Viertel ist heute längst mit zeitgemäßer Infrastruktur ausgestattet und an den Rändern weiter gewachsen. Rund um den Russenweiher liegen begehrte Wohnlagen. Es geht ruhiger zu als in anderen Vierteln. Auch deshalb kamen immer wieder aus dem Neuland Beschwerden, wenn der Betrieb auf den nahen Flugplatz allzu deutlich vernehmbar war.

Zur Sache: Erschließung läuft Baugebiet Russenweiher

Im Oktober 2021 war Spatenstich für den seit Jahren erwarteten Erschließungsbeginn am Russenweiher, an dessen nördlichem Ufer ein Bebauungsgebiet mit 120 Wohneinheiten entstehen soll – quasi ein neues Stück Neuland auf der anderen Seite des Weihers. Auch im frostigen Januar ist Personal der Firma Reif Bauunternehmen GmbH & Co. aus Rastatt vor Ort. „Die Bauarbeiten laufen plangemäß“, teilt die Stadtverwaltung auf Anfrage mit. Derzeit fänden Schmutzwasser-, Regenwasserkanalarbeiten statt, und die künftigen Hausanschlüsse würden vorbereitet. Es gebe keine Verzögerungen, sodass der Zeitplan, zwischen Januar und März 2023 mit dem Hochbau beginnen zu können, gelte. 1200 Meter Kanal, 1450 Kubikmeter Asphalt und 3800 Kubikmeter Beton werden früheren Angaben zufolge benötigt.

Aus der Luft: die Siedlung am Südufer des Russenweihers.
Aus der Luft: die Siedlung am Südufer des Russenweihers.
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