Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Impfpflicht in der Pflege: Nur wenige lassen es darauf ankommen

Altenzentrum St. Martha: Leiterin Gudrun Wolter, Heimbeirat Hans Schwind und Pflegefachkraft Andrea Nord (von links) wollen die
Altenzentrum St. Martha: Leiterin Gudrun Wolter, Heimbeirat Hans Schwind und Pflegefachkraft Andrea Nord (von links) wollen die noch nicht Geimpften überzeugen.

Ob die Impfpflicht gegen Corona für alle kommt, ist noch offen. Für Beschäftigte im Gesundheitswesen ist sie unter Dach und Fach: Ab 15. März müssen sie vollen Covid-Impfschutz oder eine Genesung von dem Virus nachweisen. In Speyerer Krankenhäusern und Seniorenheimen laufen deshalb schon Gespräche: Wird es zu Kündigungen kommen?

„Sicher werden wir nach dem 15. März keinen ungeimpften Mitarbeiter entlassen“, sagt Dr. Cornelia Leszinski, Ärztliche Direktorin am St.-Vincentius-Krankenhaus. Derzeit lägen keinerlei Ausführungsbestimmungen für das Gesetz vor, begründet sie die Entscheidung der Klinik, zunächst abzuwarten, was kommt. Im „Vincenz“ werden folglich aktuell nicht geimpfte Mitarbeiter täglich im Haus getestet, zudem gibt es Impfangebote auch für Angehörige inklusive Kindern ab fünf Jahren.

„Kinder in Quarantäne machen uns genauso zu schaffen wie infizierte Mitarbeiter“, berichtet Leszinski. Beides habe dieselbe Konsequenz: Personal falle aus. Eine gute Patientenversorgung sei aber nur mit einem gut gefüllten Dienstplan möglich. „Mehr als 90 Prozent unserer Beschäftigten sind geimpft“, sagt die Chefärztin. Für sie ist die Quote das Ergebnis erfolgreicher Überzeugungsarbeit. Das Argument, „Wir alle tragen Verantwortung, die über die eigene Gesundheit hinausgeht“, sei für viele Mitarbeiter nachvollziehbar. Irrationale Ängste und Weltanschauungen sind demnach Gründe, die Impfung zu verweigern. „Die Entwicklung der Omikron-Variante wird solche Denkmuster aufbrechen“, ist Leszinski überzeugt.

Im Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus sind nach Angaben von Pressesprecherin Barbara Fresenius rund 90 Prozent der Beschäftigten geimpft, davon 70 Prozent auch aufgefrischt. „Tendenz steigend.“ Regelmäßige Impfangebote im Haus selbst würden zunehmend von bisher unentschlossenen Mitarbeitern zur Erstimpfung genutzt, sagt sie.

Versuch der Überzeugung

Die Diakonissen Speyer haben das Thema auch für die Beschäftigten ihrer Seniorenzentren im Blick. In der Domstadt sind dies das Haus am Germansberg und das Bürgerhospital. In diesen seien 90 beziehungsweise 85,5 Prozent der Mitarbeiter geimpft, sagt die Sprecherin. „Die Einrichtungsleitung engagiert sich nach wie vor, die nicht geimpften Pflegekräfte durch Überzeugung zur Impfung zu bewegen.“

Nicht mehr nötig ist das im Salierstift in der Oberen Langgasse, wie Geschäftsführer Ulrich Heberger informiert: „In unserer Speyerer Einrichtung sind 100 Prozent der Beschäftigten geimpft.“ Zu der Wohnstift-Betriebsgesellschaft gehörten vier weitere Alten- und Pflegeheime außerhalb Speyers. Für diese zieht Heberger folgende Bilanz: „Drei Mitarbeiter lassen es darauf ankommen.“ Für ihn ist klar: „Kein Ungeimpfter wird nach dem 15. März weiter beschäftigt.“ Die Speyerer 100-Prozent-Quote erklärt er mit dem massiven Corona-Ausbruch in der Einrichtung im Spätjahr 2020 und den damit verbundenen vielen Todesfällen. Diese Situation hätten die Mitarbeiter nicht vergessen. „Ich bin froh, dass die Politik uns mit der Impfpflicht endlich die Verantwortung abgenommen hat“, betont Heberger. Sorge hat er vor den nächsten Wochen, in denen die Covid-Variante Omikron für viele Qurantäne-bedingte Personalausfälle sorgen könnte. Aber: „Omikron führt hoffentlich zum Ende der Pandemie.“

Einzelgespräch als Angebot

Gudrun Wolter, Leiterin des Caritas-Seniorenheims St. Martha, sieht mit der Gesetzesnovellierung ein Problem auf ihre Einrichtung zurollen. „Wer bis zum 15. März nicht geimpft ist, kann unter Umständen nicht weiter beschäftigt werden“, erklärt sie. Mitte Dezember sei das gesamte Personal über die am 10. Dezember im Bundestag beschlossene Pflicht informiert worden. Sie stehe wohlwollend für Fragen auch im Einzelgespräch zur Verfügung, so Wolter. Der Träger sei an jedem Mitarbeiter in der Pflege, Hauswirtschaft und Reinigung interessiert.

Sie befürworte die Impfpflicht für alle, sagt Heimleiterin Wolter. Viele Besucher kämen ungeimpft mit Test in die Einrichtung, auch unter Bewohnern gebe es Ungeimpfte. Auch, dass ein infizierter ungeimpfter Bewohner im Dezember an Covid gestorben sei, zwei weitere vollständig geimpfte Infizierte dagegen nur leichte Symptome gezeigt hätten, habe nicht alle Kritiker überzeugt.

Nachdenken über Beruf

Im Awo-Seniorenhaus Burgfeld seien aktuell 19 Bewohner und drei Mitarbeiter nicht geimpft, sagt Leiterin Janine Sitzenstuhl. „Alle anderen sind vollständig geimpft oder befinden sich in diesem Prozess.“ 78 Prozent der Senioren seien bereits geboostert. Ungeimpfte Mitarbeiter könnten ab 15. März nicht weiter beschäftigt werden, erklärt sie ihre Auslegung des Gesetzes. Zunächst würden sie unentgeltlich freigestellt, was für betroffene Mitarbeiter eine dreimonatige Sperrung des Arbeitslosengelds zur Folge habe. „Wir hoffen, dass wir sie noch umstimmen können.“ Angesichts des massiven Infektionsausbruchs im Seniorenhaus vor einem Jahr setzt Sitzenstuhl auf die Vernunft. Jeder Mitarbeiter besetze einen wichtigen Part, jeder Personalverlust sei gravierend, betont sie. Andererseits stelle jeder Ungeimpfte ein Risiko dar.

Um die Frist 15. März einhalten zu können, müssten sie sich spätestens Ende Januar die erste Spritze setzen lassen, sagt die Leiterin. „Wer sich jetzt noch gegen die Impfung wehrt, sollte sich überlegen, ob er oder sie den richtigen Beruf ergriffen hat.“

RHEINPFALZ-Kommentar von Ellen Korelus-Bruder

Impfgegner mit besseren Argumenten überzeugen

An der allgemeinen und berufsbezogenen Impfpflicht scheiden sich die Geister. Argumente gibt es für beide Varianten.

Personal in Gesundheitsberufen hat besondere Verantwortung. Nicht von der Hand zu weisen ist aber auch das Ansteckungsrisiko durch Kontakt mit ungeimpften Patienten, Heimbewohnern und Angehörigen. Streng genommen dürften diese Gruppen ab Mitte März weder aufgenommen, noch in die Häuser gelassen werden – ein Unding. Schwierig ist es auch in anderen Branchen: Kein Supermarkt-Kunde oder -Mitarbeiter ist vor Corona sicher. Impfung für alle könnte das Risiko für alle verringern. Wer sich weigert, ist nicht zwangsläufig ein Aluhut-Träger oder Querdenker. Oft geht es um Angst. Es hilft nur, mit besseren Argumenten zu überzeugen. Gut, dass die Arbeitgeber zunehmend Erfolg damit haben.

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