Speyer Im Strudel der Völker

Mitreißend und nachdenkenswert zugleich gestaltete das Speyerer Kammerorchester am Freitagabend im Historischen Ratssaal ein Konzert mit Streichersätzen von Komponisten aus ganz Europa zu „Odyssey 2017“. Blutvoll wurde unter seinem ausladend dirigierenden neuen Leiter Matthias Metzger musiziert. Die gut eingepassten Gedichtvorträge ins Exil gegangener Schriftsteller zu Heimatgefühl, Flucht und Fremde trug die Berliner Schauspielerin Kara Schröder vor.
Bei der städtischen Veranstaltungsreihe „Odyssey 2017“ stand das Speyerer Kammerorchester nicht abseits. Vielmehr traf es mit seinem „Annäherung an den Begriff Heimat“ genannten, musik-literarischen Abend mitten ins Herz dieser Kulturtage. Die Aussagen der Dichter zu Thema sind seit dem nach Paris emigrierten Heinrich Heine zwiespältig. Daran erinnerte der Untertitel der Satz- und Gedichtfolge „Deutschland – ein Wintermärchen“. Daraus schöpfte Schröder ihre ebenso nachdenklich wie dynamisch rezitierten Verse zu Heimat, Fremde und Ablehnung. Hauteng waren die Musikvorträge des Kammerorchesters mit diesen Rezitationen verzahnt. Ja, in einigen Fällen wurden Verse und Musik sogar zum Gesamtkunstwerk überlagert. So bei den Zeilen junger geflüchteter Iraner und Afghanen zur unterlegten Elegie „Letzter Frühling“ von Edvard Grieg: Das „Danke, Gott, dass ich noch existiere!“ machte betroffen. Das Kammerorchester spielte hier voller Ruhe und Feinsinn. Überhaupt wölbten Metzger und seine engagierte Streicherschar viele elegische spätromantische Bögen um die Trauerzeilen. Da ging Hilde Domins Zwang, an fremden Küsten um Verzeihung bitten zu müssen, bestens mit den abgeklärten expressiven Emotionen von Edward Elgars „Elegy For Strings“ zusammen. Auch ein ernster Quartett-Satz Wolfgang Amadeus Mozarts traf die Trauer des Heimatverlusts passgenau. Vieles ließ kraftvoll und dynamisch aufhorchen wie die motorische Unruhe für das Vorwärts-Drängen beim Flüchten. So die ostinate Dynamik im Sinfonia-Satz Johann Adolf Hasses zur wölfischen nächtlichen Unruhe Heines bei der havarierten Postkutschenreise. Oder der in feinen Figurationen vorwärts treibende Satz von Antonio Vivaldi zu Kurt Tucholskys Satire über die selbstbezogenen Völker Europas. Da quirlten denn auch die fingerfertig aufklingenden Pizzicati von Benjamin Brittens „Playful Pizzicato“ aus seiner „Simple Symphony“ wie ein buntes Menschen-Gewimmel auf. Das Kammerorchester entfachte einen wahren Strudel der Völker. Der gelöste Mozart durfte endlich mit seinem D-Dur-Divertimento Hans Dieter Hüschs Himmelfahrtshoffnung auf Vielfalt und Gottnähe ausmalen.