Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Im Juli der Job, im August die Absage

Berufsberatung im Adenauerpark: Petra Scheid und Nico Waldinger. Die Arbeitsagentur setzt Corona-bedingt auch auf Telefonate, Vi
Berufsberatung im Adenauerpark: Petra Scheid und Nico Waldinger. Die Arbeitsagentur setzt Corona-bedingt auch auf Telefonate, Videokonferenzen und Treffen unter freiem Himmel.

Petra Scheid von der Agentur für Arbeit in Speyer ist seit 2000 Berufsberaterin. In den vergangenen Jahren konnte sie angesichts eines „Super-Ausbildungsmarkts“ Schüler und Eltern stets beruhigen: „Sie finden was.“ In diesem Jahr ist alles anders. Corona bringt Schicksale wie das von Nico Waldinger aus Römerberg mit sich.

Speyer. Den jungen Berghausener hat Petra Scheid vor rund eineinhalb Jahren kennengelernt. Sie hat in Speyer am Nikolaus-von-Weis-Gymnasium Oberstufenschüler für die richtige Studien- und Berufswahl sensibilisiert, und Nico Waldinger hat sich als Bewerber bei ihr gemeldet. Dann kam das Corona-Jahr. Für Waldinger wurde es turbulent in mehrfacher Hinsicht. Kurz vor den mündlichen Abiturprüfungen war der „Lockdown“ erforderlich, und mit der Reifeprüfung klappte es erst nach zwei Terminverschiebungen. Mit dem Zeugnis in der Tasche war dann auch der erste Job unter Dach und Fach – dachte er ...

Praktische Erfahrungen

Im Juli erhielt Waldinger die „definitive“ mündliche Zusage eines Ludwigshafener Bildungsträgers, bei dem er sich beworben hatte: Es sollte klappen mit dem ersehnten Dualen Studium der Sozialen Arbeit. Für den praktischen Teil und die Entlohnung wäre ab Oktober die Firma zuständig, die Theorie würde am Studienort Heidelberg beigesteuert. „Ich will unbedingt gleich praktische Erfahrungen sammeln, das ist in diesem Bereich ganz wichtig“, erklärt Waldinger seine Entscheidung für ein Duales Studium.

Im August die große Enttäuschung: Bevor der Vertrag kam, kam die Absage aus Ludwigshafen. „Dumm gelaufen“, kommentiert Waldinger. Die Begründung sei arg dünn gewesen: „Sie könnten die Stelle nicht finanzieren.“ Waldinger vermutet, dass die Pandemie die entscheidende Rolle gespielt habe, denn er wäre vor Ort in Schulen und in sozialen Einrichtungen eingesetzt worden – angesichts der aktuellen Situation stets mit der Gefahr verbunden, Corona-Kontaktperson und Quarantänefall zu werden, der zeitweise nicht arbeiten darf, aber bezahlt werden muss. Er habe schnell 30 weitere Bewerbungen versandt, aber für 2020 seien alle Plätze vergeben.

Realisierbar und gefragt

Nun müsse er die Nerven bewahren, sagt Waldinger, der wieder den Kontakt zu Berufsberaterin Scheid aufgenommen hat und von ihr nun mit neuen Jobangeboten versorgt wird, wie sie versichert. Dass er an seiner Berufswahl festhalte, findet sie gut: „Er hat einen festen Berufswunsch, der realisierbar und gefragt ist.“ Manchen anderen Bewerbern rate sie hingegen zur Umorientierung: Im Veranstaltungs- und Eventmanagement etwa sei die Lage derzeit schlecht. Den Anbietern drohten Insolvenzen.

Waldinger will die Zeit mit einem Freiwilligen sozialen Jahr überbrücken. „Das macht sich gut im Lebenslauf“, bestärkt Scheid. Es passt auch zur sozialen Ader des 20-Jährigen, der nach seinem Abi mit den Leistungsfächern Deutsch, Biologie und Erdkunde zunächst einen Tierschutzurlaub in Italien geplant hatte. Auch der musste ausfallen, da dem Hobby-Tischtennisspieler eine Reise in das Corona-Problemland zu heikel war. Es passte zu Waldingers völlig verrücktem Jahr ...

Daten & Fakten: Ausbildungsmarkt

Keine Übernahme nach der Ausbildung, weniger Ausbildungsangebote – diese Gefahren verstärken sich nach Einschätzung der vorderpfälzischen Arbeitsagentur im Corona-Jahr 2020. Petra Scheid, Berufsberaterin in Speyer, fürchtet Auswirkungen wie einen Bewerber-Überhang auch noch kommendes Jahr. 2020 wurden aus der Stadt Speyer 395 Ausbildungsplätze gemeldet, 67 weniger als im vergangenen Jahr. 109 davon sind noch unbesetzt, so Agentursprecherin Sandrina Lederer. Im Rhein-Pfalz-Kreis waren es mit 506 Stellen sogar 59 mehr als 2019 (151 davon sind noch unbesetzt), aber dort sind die Angebote anders strukturiert, so die Agentur: Es dominierten Handwerksberufe, die es traditionell schwerer haben, die erhofften guten Auszubildenden zu finden. Vor allem im Verkauf, besonders im Bereich Lebensmittel und Bäckerei, gebe es viele freie Stellen.

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