Speyer
Hilfsangebote für Senioren: Ein bisschen Abwechslung im schweren Alltag
Wir sind in Speyer-West. Heidrun K. empfängt Projektleiterin Doris Walch und den RHEINPFALZ-Reporter am Morgen an der Tür ihrer kleinen Wohnung. Herzlich umarmt sie Doris Walch. „Schön, dass Sie mich besuchen kommen.“ Dann bittet die adrett gekleidete 80-Jährige die Besucher an den Küchentisch. Ihre Wohnung ist sauber, aufgeräumt, kein Stäubchen ist zu sehen. Medikamentenpackungen stehen auf dem Küchenschrank.
K. beginnt zu erzählen. Ihre Morgengymnastik habe sie erledigt. Im Alter von 44 Jahren sei sie schwer erkrankt. 22 Operationen hat sie hinter sich, achtmal am Rücken. 13 Schrauben im Rücken halten ihr Skelett zusammen. Das Laufen fällt der nahe Breslau geborenen Frau schwer. Dennoch sei sie so gut es geht mobil und – wenn möglich – unter Menschen. Der Rollator ist dabei ihr täglicher Begleiter. Treppensteigen sei hart.
Das Haus verfügt über keinen Aufzug. Aber Frau K. lebt gerne dort. Ruhig sei es, luftig, Grün zwischen den Blocks, Supermärkte in der Nähe, St. Hedwig, Nachbarschaftshilfe und weitere soziale Angebote, darunter ein Leihbücherschrank im Stadtteil, sind Vorzüge. K. ist eine Leseratte. Bücher kaufen kann sie sich nicht.
Das Geld ist knapp
Mit einer Freundin geht sie gerne am Rhein spazieren. Alle vier Wochen geht sie donnerstags nach St. Hedwig zum Tanzen mit Livemusik. „Ich habe gerne getanzt. Heute geht das nicht mehr“, sagt sie. „Der Nachmittag dort ist toll. Sogar aus Mannheim kommen Senioren“, berichtet sie.
Dann spricht sie über ihre ökonomische Situation. Das Geld ist knapp. Ihr Status: Grundsicherung. Ein „klassischer“ Fall: Früher Gattin eines gut verdienenden Beamten. Immer zuhause geblieben wegen der Kindererziehung. Die Tochter, in der Domstadt zuhause, ruft ab und an bei ihr an. „Irgendwann wurde ich ausgetauscht“, sagt sie. Seit Jahren schon muss sie jeden Cent zweimal umdrehen.
Die persönliche Lage strahlt auf alle Lebensbereiche aus. Etwa die Ernährung. Heidrun K. isst so gut wie nie Fleisch und Wurst. Alles ist teuer geworden. Dreimal die Woche nutzt sie das Mittagessensangebot in St. Hedwig. Preis: ein Euro pro Mahlzeit. Das hilft, über die Runden zu kommen.
Die Pflege sozialer Kontakte hält sie über Wasser. Darüber hat sie vom Projekt „Silbertaler – Altersarmut lindern“ erfahren. „Wir helfen älteren Menschen ab 65 Jahren, die Bezüge in Höhe der Grundsicherung oder darunter haben und denen weitere Einkommensquellen nicht zur Verfügung stehen. Wir decken Bedarf, sofern dieser durch Sozialleistungen nicht abgedeckt ist“, umreißt Walch. „Wir übernehmen keine Schulden, machen keine Umzüge und wir helfen keinen jüngeren Menschen, wir geben keine Kredite“, stellt sie klar. Ausnahmen: keine. Einsatzgebiet: Speyer und der südliche Landkreis.
Walch hilft Heidrun K., als deren Herd den Geist aufgibt. Silbertaler besorgt Ersatz. „Ich hätte mir keinen neuen Herd leisten können“, sagt die Empfängerin. Seitdem besteht regelmäßig persönlicher Kontakt. Für Heidrun K. ganz wichtig: „Ich weiß, an wen ich mich wenden kann, wenn eine Notlage auftritt.“
Abwechslung im Alltag
Eine halbe Stunde später: Hinter der Tür zu ihrem Ein-Zimmer-Appartement unweit des Hauptbahnhofs wartet Anita H. bereits ungeduldig auf den Besuch eines Vertreters der Krankenkasse. Doris Walch hat sich heute zusätzlich angekündigt. „Oh, Ihnen geht es aber deutlich besser als vergangene Woche“, stellt sie zur Begrüßung fest. Die gebürtige Schifferstadterin und gelernte Friseurin mit dem akkuraten Kurzhaarschnitt stimmt der Besucherin zwar zu. Sie wirkt dennoch angeschlagen.
Nach zwei schweren Stürzen mit Bewusstlosigkeit und folgenden Klinikaufenthalten ist die demnächst 79-Jährige kaum noch mobil. Sie kehrt schnell zurück in ihren Sessel vor dem Bett. Das ist ihr Aktionsradius. „Gestern war ich beim Arzt. Ich bin aber kaum noch zurückgekommen, konnte plötzlich nicht mehr laufen“, klagt sie. „Ich freue mich, dass Ihr kommt. Das ist ein bisschen Abwechslung.“ Walch hört ihr immer zu, hilft bei Problemen mit Behörden und Formalitäten, sorgt sich um sie.
Überlebenswichtige Box
Ganz wichtig für sie sei die regelmäßig gute gefüllte Lebensmittelbox. Einmal die Woche werden diese von Gerd und Recep, dem Fahrer und „Mädchen für alles“ im Silbertaler-Bus, vorbeigebracht. Das ist die zweite große Leistung des Projekts. Es gibt sie seit Februar 2023. Vier Boxen waren es beim Start. 36 sind es heute. Der Bedarf wächst. „Wenn es so weitergeht, müssen wir größere Räume suchen und wohl zwei Tage die Woche ausfahren“, sagt Walch. Sie ist überzeugt, dass es am derzeitigen Standort in der Großen Greifengasse zum Lagern der Lebensmittel und Packen der Kisten bald eng wird.
Grundnahrungsmittel wie Nudeln, Kartoffeln, Milch, Obst und Gemüse reichen der Seniorin, die sich selbst kocht, gut bis zur nächsten Lieferung. Gefüllt wird die Box von den Lebensmittelrettern aus Speyer, regionalen Märkten, landwirtschaftlichen Betrieben und Großmärkten. Im Fall des Falles wird zugekauft mit Geld von der Stiftung. „Die beiden Männer sind so klasse. Sie haben nie schlechte Laune, plaudern immer ein bisschen mit mir und sie ziehen auch mal eine Schraube an oder reparieren eine Lampe, wenn es sein muss“, schwärmt die Seniorin.
Sie gesteht offen ihre Scheu, die Hilfe überhaupt anzunehmen. Nur sanfter Druck hat sie hingebracht. „Ich kannte so etwas nicht. Zuhause auf dem Bauernhof im Dorf war immer alles da. Da hat man über den Zaun weitergeben, was gerade reif war.“ Heute ist sie auf die Hilfe angewiesen. „Nur Kürbis mag ich nicht“, erklärt sie.
Zur Sache: Altersarmut in Speyer nimmt zu Trends
Aktuell sind nach Angaben von Sozialbürgermeisterin Monika Kabs (CDU) von den fast 50.300 Einwohnern (Stichtag 30. September) 12.500 Personen, also 24,9 Prozent, 65 Jahre und älter. Vor fünf Jahren lag der Anteil bei 22,7 Prozent. 608 Personen davon beziehen in der Domstadt (Stichtag 1. November) laufende Leistungen der Grundsicherung wegen Alters nach dem Sozialgesetzbuch XII in Speyer.
„Die Zahl der Empfänger von Grundsicherung ist in den vergangenen Jahren angestiegen und wir rechnen aufgrund des demografischen Wandels auch mit einer weiterhin ansteigenden Zahl“, sagt Kabs. Am 31. Dezember 2021 waren 501 Bezieher gelistet. Bei der Grundsicherung geht es um einen Betrag von 1000 Euro im Monat. Der variiert individuell sehr stark. „Manche müssen mit 300 Euro im Monat auskommen“, weiß Doris Walch von Silbertaler.
Kabs geht davon aus, dass vor allem die Altersarmut in Speyer anwachsen wird. „Konkret nahm seit dem Jahr 2019 bis Jahresende 2023 die Zahl der Menschen 65 plus um 6,6 Prozent zu.“ Im gleichen Zeitraum, das zeigt die Statistik der Stadt zum Leistungsbezug, ist die Zahl der Empfänger von Grundsicherung wesentlich stärker angestiegen, nämlich um 18 Prozent. Angesichts dieser Fakten werde die Arbeit von Projekten wie Silbertaler immer wichtiger, betont Kabs. „Die Zusammenarbeit mit der Stiftung ist sehr gut“, urteilt sie. Aufseiten der Stadtverwaltung hielten die beiden Gemeindeschwestern, die Nachbarschaftshilfe und das Seniorenbüro Kontakt zur Stiftung.
Stichwort: Silbertaler...
… ist ein Projekt der Beyond Unisus Stiftung gGmbH, die im März 2021 durch die Beyond Matters GmbH und die Unisus Capital GmbH gegründet wurde. Hinter diesen Unternehmen stehen als Gesellschafterinnen Griseldis Ellis und Christine Kienhöfer. „Wir beginnen vor unserer Haustüre in Speyer und Umgebung“, sagen sie über ihren Kampf gegen Altersarmut. „Doch unsere Vision ist es, dass wir an anderen Orten Nachahmer finden und mit unserem Marktplatz der Wünsche eine Plattform entsteht, die in ganz Deutschland wirken kann.“
Gespendet werden kann an die Organisation oder beim Einkauf bei Edeka Stiegler (St.-German-Straße). Dort steht im Kassenbereich ein Display mit Spendentalern. Über 65-Jährige, die Unterstützung benötigen, oder Personen, die jemanden kennen, der dafür in Frage kommt, können unter Telefon 06232 67778651 oder per E-Mail an mail@silbertaler.net Kontakt aufnehmen. Im Netz: www.silbertaler.net.