Speyer Großer Profit aus dem Netzwerk

2016: Europa-Bekenntnis mit Fähnchen und Europa-Brezeln vor dem Rathaus.
2016: Europa-Bekenntnis mit Fähnchen und Europa-Brezeln vor dem Rathaus.

28 Flaggen, ein Gedanke: 264 europäische Städte und Gemeinden haben am 28. Juli 2016 zeitgleich Flagge für Frieden, Freiheit und Demokratie gezeigt. Speyer war mit Fahnen, Liedern und der – damals extra von Brezel-Berzel gebackene Europa-Brezel dabei. Ein Auftritt vor dem Historischen Rathaus – als Bekenntnis zu Europa. Das war gleichzeitig das letzte sichtbare „Lebenszeichen“ des europäischen Mittelstädte Netzwerks „Mecine“ – Medium Cities Network, wie es auf Englisch heißt. Das Foto von der hübsch anzuschauenden Aktion hatte es tags darauf immerhin auf die Titelseite einer finnischen Tageszeitung geschafft. Im Nachhinein betrachtet wirkt dieser Auftritt wie ein Vorbote der „Pulse-of-Europe“-Bewegung, die in diesem Jahr im Vorfeld der französischen Präsidentschaftswahlen entstanden ist und sich für ein geeintes Europa auf der Straße stark gemacht hat – auch in Speyer. Obwohl in der Domstadt Europa eigentlich schon seit dem Mittelalter angesagt ist, als sich Könige und Kaiser im Schatten der Kathedrale trafen. Intensiv und zielgerichtet werden Kontakte zu den Mittelstädten seit 1990 gepflegt. Damals stand die 2000-Jahr-Feier in Speyer an. Aus diesem Anlass hat Speyer unter dem Motto „Europäische Mittelstädte 2000“ ein Symposium ausgerichtet, zu dem acht europäische Städte eingeladen waren, darunter auch Speyerer Partnerstädte. „Speyer war Initiator der Konferenz von 1990 und Gründungsmitglied des Netzwerks“, erinnert der Verantwortliche für die Kontakte und Verbindungsmann zu den Mitgliedsstädten im Stadthaus, Matthias Nowack, an die Anfänge. Inzwischen ist aus dem Netzwerk eine gut harmonierender, gleichwohl kein statischer Zusammenschluss geworden. Städte treten dem Bündnis bei, andere wieder aus. „Das Mittelstädte-Netzwerk ist eine lockere Kooperation der beteiligten Städte zu unterschiedlichsten Themen. Erfahrungsaustausch und Kooperationen funktionieren bilateral und multilateral im Verbund, je nach Projekt. Die Geschäftsführung für das Netzwerk wechselt alle drei Jahre“, beschreibt Nowack den seither geregelten Gang der Dinge. 2018 wird wieder neu gewählt. So lange führt die finnische Stadt Joensuu die Geschäfte. Nach Nowacks Worten haben alle Städte etwas von dem Engagement. Um Beispiele ist er nicht verlegen. „Demografie war schon öfter Thema. Beim Aufbau des Speyerer Seniorenbüros gab es intensiven Austausch mit der dänischen Stadt Roskilde und der holländischen Stadt Zwolle, da die Nordlichter uns bei diesen Themen damals weit voraus waren.“ Nowack führt daneben die zahlreichen Stipendiaten des Künstlerbundes aus Mecine-Städten an, verbunden mit Ausstellungsmöglichkeiten Speyerer Künstler in diesem Städten oder ein europäisches Musikfestival in der Halle 101. „Der Erfahrungsaustausch auf der Verwaltungsebene ist ebenfalls von Bedeutung. Hinzu kommt die erfolgreiche Einwerbung von EU-Fördermitteln, mit der bisher viele Projekte finanziert werden konnten.“ Nachteile sieht er gar keine. „Über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen, hat sich noch nie als Nachteil erwiesen“, steht für ihn fest. Und dennoch ist aktuell nicht (mehr) alles eitel Sonnenschein im Netzwerk. 2011 haben sich damals zehn Mitglieds- und Kandidatenstädte zu einer zweitägigen Konferenz in Speyer getroffen. Die „Speyerer Erklärung“ wurde verabschiedet. Alle Städte verpflichten sich darin, sich „nachhaltig und integrativ“ weiterzuentwickeln. Seither hat kein vergleichbares Treffen mehr stattgefunden. Es gab projektbezogene Treffen, zu denen Nowack reiste. In Ravenna 2015 hatte er immerhin eine Einladung an die Kollegen nach Speyer für 2016 im Gepäck. Dazu kam es aber nicht, bedauert er. Nowack muss denn auch einräumen: „Eine Konferenz ist in Speyer derzeit nicht geplant.“ Und mehr noch: „Aufgrund der immer knapper werdenden finanziellen und personellen Ressourcen der beteiligten Städte ist die Arbeit mit dem Netzwerk in den letzten Jahren schwieriger geworden.“ Dennoch keimt Hoffnung. „EU-Skepsis, Brexit, Frankreich-Wahl sollten aber in der Tat Ansporn sein, europaorientierte Initiativen künftig wieder stärker ins Blickfeld zu nehmen. Die Bewegung „Pulse of Europe“ hält Nowack in diesem Sinne für eine wichtige und unterstützenswerte Initiative. „Ich würde mir in Speyer mehr davon wünschen.“ Und es gibt die Kraft der Kultur: „Derzeit gibt es Überlegungen für ein Kooperationsprojekt im kulturellen Bereich, ein für 2019 geplantes Theaterprojekt des Speyerer Kinder- und Jugendtheaters, an dem sich mehrere Mecine-Städte beteiligen wollen. Und Speyer hat Interesse, im nächsten Jahr wieder aktiver zu werden.“ Gute Vorsätze. Aktive Mecine-Mitglieder Évora (Portugal), Joensuu (Finnland), Ravenna (Italien), Chartres (Frankreich), Linköping (Schweden), Speyer (Deutschland) Die Serie Was haben die Speyerer von Europa und wie betrifft es sie im täglichen Leben? Dieser Frage geht die RHEINPFALZ seit dem Europatag am 9. Mai in dieser Serie nach.

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