Speyer Grenzen des poetisch Sagbaren

Trotz Handicap aus Berlin nach Speyer gekommen: Hier signiert Autor Björn Kuhligk ein Buch – für Peter Eichhorn, Vorsitzender de
Trotz Handicap aus Berlin nach Speyer gekommen: Hier signiert Autor Björn Kuhligk ein Buch – für Peter Eichhorn, Vorsitzender der Kulturstiftung, unter deren Dach die Arno-Reinfrank-Stiftung als Treuhandstiftung errichtet worden ist; Oberbürgermeister Hansjörg Eger spricht mit Konstantin Kaiser, Mitherausgeber der Anthologie »Die Zwitschermaschine – mehr als hundert ausgewählte Gedichte« von Arno Reinfrank.

„Habemus Poetam! Wir haben einen geeigneten Autor für den fünften Literaturpreis gefunden!“, rief Stifterin Jeanette Koch, die Witwe des Schriftstellers Arno Reinfrank, in den Historischen Ratssaal – nur: Was macht einen Autor zu einem geeigneten? Die Auswahlkriterien für die Vergabe sind eindeutig! Mit dem Preis soll ein Autor für herausragende literarische Leistungen in Lyrik oder Prosa ausgezeichnet werden, der – im Sinne des Werks von Reinfrank – den Idealen des Humanismus und der Aufklärung verpflichtet ist. „Das ist gar nicht so einfach“, räumte Koch ein. „Die Autoren auf unserer Longlist sind exzellente Schriftsteller. Aber viele kreisen nur um sich selbst, reflektieren die eigene Befindlichkeit und ziehen sich zurück ins Private – vielleicht weil sich dies als Schutz gegen die raue Welt, in der wir leben, anbietet?“ Nicht so Reinfrank: Er hat seine eigenen Erfahrungen in Gedichte und Geschichten übertragen, die Abstand vom Ich nehmen; sie stehen in einem universellen Kontext, der jeden anspricht. Und nicht so Björn Kuhligk: Er hat bei der Jury großen Anklang für sein Langgedicht „Die Sprache von Gibraltar“ gefunden, in dem er – topographisch richtig – vom „Ende Europas“ spricht, kunstvoll auf „Europas Ende“ anspielt und „die europäisch ungelöste Flüchtlingsfrage“ meint. Denn er setzt sich sprachlich und literarisch gewandt, so die Stifterin, „mit einem Problem auseinander, das die Welt umtreibt – eine Welt, in der Migranten als Gefahr gesehen werden und Dummheit und Grausamkeit ihr hässliches Antlitz zeigen“. „Mit dieser Preisverleihung setzen wir ein politisches Zeichen, da wir den Fokus auf ,Die Sprache von Gibraltar’ richten“, sagte denn auch Oberbürgermeister Hansjörg Eger. In dem Langgedicht – das Ergebnis einer Reise im Oktober 2015 nach Gibraltar – habe Kuhligk das Schicksal von Flüchtlingen in der spanischen Exklave Melilla verarbeitet und Grenzen berührt: die der Gesellschaft und die des poetisch Sagbaren; am Rande der Gesellschaft sehe er sich als einer der Satten aus einer Überflussgesellschaft dem Elend der Ausgegrenzten gegenüber. „Das gesellschaftliche Klima ist rauer geworden, und dieser ,Klimawandel’ macht nicht vor unseren Stadttoren halt; in Speyer hat unlängst ein Poetry-Slam gezeigt, wie erfolgreich die Strategien der neuen Rechten sein können, wenn es um Kommunikation, Mobilisierung und Raumnahme geht“, sagte Eger – und appellierte an die Besucher der Preisverleihung, für die Werte einer pluralistischen Zivilgesellschaft einzutreten, in der die Würde des Menschen unantastbar ist: „Jeder ist aufgerufen, Haltung zu zeigen und Menschenfeindlichkeit nicht unwidersprochen stehen zu lassen. Kuhligk leistet als Lyriker seinen auszeichnungswürdigen Beitrag dazu.“ Die Würde des Menschen thematisierte auch Konstantin Kaiser, der aus Wien angereist war, um als Mitherausgeber die druckfrische Anthologie „Die Zwitschermaschine – mehr als hundert ausgewählte Gedichte“ von Reinfrank vorzustellen, nachdem Michael Au, Literaturreferent des rheinland-pfälzischen Bildungsministeriums, im Namen der Jury die Laudatio auf Kuhligk gehalten und explizit die Frage gestellt hatte, wie politisch die Literatur in diesen unruhigen Zeiten sein kann oder sollte... Kuhligk setzte sich bei der Preisverleihung – begleitet von Andrés Bertomeu an der Glasharfe – mit dem literarischen Werk Reinfranks auseinander. Sein eigenes literarisches Schaffen stand gestern im Fokus (wir berichten am Samstag).

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