Speyer Gnädig gegenüber „Hexen“

Das überrascht und ist erfreulich: Die in ihrer mittelalterlichen Rechtssprechung alles andere als gnädig verfahrende Freie Reichsstadt Speyer hat sich bei der Hexenverfolgung auffallend zurückgehalten. Nur ein Fall ist überliefert.
Das war in vielen Städten Europas jedoch ganz anders. Die Zahl der im Zuge konsequenter Hexenverfolgung auf den Scheiterhaufen hingerichteten „Hexen“ beiderlei Geschlechts im 16. und 17 Jahrhundert schätzen Historiker heute auf 60.000 bis 200.000. 37 Opfer gab es allein in der Taunusstadt Idstein. Das bewegte vor kurzem die Verordnetenversammlung (entspricht dem Stadtrat) in der Kommune so sehr, dass sie die Opfer auf Antrag der protestantischen Kirchengemeinde des Ortsteils Heftrich „moralisch rehabilitiert“ hat. „Von dem Vorwurf des Hexenwahns hat sich der Rat, der sich für abergläubische Ideen niemals sonderlich eingenommen zeigte, erfreulicherweise fast vollkommen freigehalten“. So schreibt Theodor Harster in seinem 1900 erschienenen Buch „Das Strafrecht der Freien Reichsstadt Speyer“. Der Jurist und Beamte der bayerischen und württembergischen Landespolizei berichtet „von einem einzigen Hexenbrand in Speyer, die Einäscherung der als Unholdin verdächtigten Barbara Kölerin im Jahre 1581“. Verbrennen ließ die Stadt Speyer auch zwei nicht der Hexerei, sondern der Ketzerei angeklagte Männer. Der Inquisition zum Opfer fielen demnach 1360 Berthold von Rohrbach, ein Begharde (Angehöriger einer mönchisch lebenden Vereinigung), und 1426 Peter Turnau, ein Waldenser (Vorläufer des reformierten Protestantismus). Zwar hielt sich die Domstadt Speyer bei der Hexenverfolgung offenbar tatsächlich zurück, doch in dieser Stadt geschrieben und gedruckt wurde dennoch immerhin „eines der verheerendsten Bücher der Weltliteratur“, wie es in der Sendereihe „Planet Wissen“ im WDR/SWR) heißt. 1486 verfasste der aus Schlettstadt im Elsass stammende, von der Diözese Brixen in Südtirol als Inquisitor ausgewiesene Dominikanermönch Heinrich Kramer alias Henricus Institoris in einem Speyerer Kloster den „Hexenhammer“.Das 1487 von Peter Drach gedruckte dreiteilige, fast 700 Seiten starke Werk „Malleus Maleficarium“ zeigte schon bald eine entsprechende Wirkung. Die Begründungen und Anweisungen des von dem Bischof von Brixen „kindisch und verrückt“ genannten Eiferers lösten eine schnell ansteigende Prozesswelle aus. Die Hexen-Thematik beschäftigt die Menschen bis heute. Erst in neuerer Zeit befassten sich ein von einem Speyerer verfasstes Buch und eine Ausstellung damit. 2008 brachten Walter Rummel vom Landesarchiv und Rita Voltmer „Hexen und Hexenverfolgung in der Frühen Neuzeit“ heraus, 2009/2010 lief im Historischen Museum mit großem Erfolg die Ausstellung „Hexen – Mythos und Wirklichkeit“. (wk)