Interview
Fußball-Torwart Günter Thomas kritisiert die Ausbildung
Ist Deutschland noch das Torwartland?
Nein, wir haben schon seit Jahren kein Torwartland mehr beziehungsweise wovon alle reden, ein Torwartparadies Deutschland, nein. Das predige ich seit Jahren schon, nicht nur bei meinen Torwart-Schülern oder deren Eltern, sondern auch bei den Vereinen, im Verband und beim Deutschen Fußball-Bund.
Welche Ansatz verfolgen Sie?
Ich schule zuerst das Aufnehmen und Fangen der Bälle und zwar, flache, halbhohe und hohe Bälle. Und, vor allem die Gymnastik, denn ein Torwart muss beweglich sein. Was wir früher durch Kindergarten oder Straße oder Schule, automatisch machen mussten im Spiel- und Sportunterricht, fällt ja heute praktisch weg. Jungs kommen zu mir, die sind so steif wie die Böcke und spielen bei Vereinen im Tor, ein Unding.
Was läuft in der Ausbildung schief?
Schief läuft so vieles. Der Torwart, meist bei höherklassigen Vereinen, sollte womöglich ja schon fertig von seinem Heimatverein kommen. Denn die Torwartgrundschule kennt beziehungsweise erkennt man ja bei den Torhüter heute fast gar nicht mehr. Stellen Sie sich vor im normalen Leben, die Eltern möchten gerne ihren Sohn oder Mädchen die Grundschule überspringen lassen, stattdessen direkt in die Realschule oder aufs Gymnasium schicken. So etwas geht nicht, oder das Kind ist hochbegabt. So ist es auch beim Torwart. Deshalb, die gründliche Ausbildung im Schüleralter ist sehr sehr wichtig, tagtäglich plus und Einmaleins rechnen, lesen und schreiben lernen. Das ist richtige Ausbildung, und die fehlt auch in der Torwart-Ausbildung.
Was wird in der Ausbildung überbewertet?
Überbewertet ist das Fußball spielen. Seit ein paar Jahren heißt es ja nicht mehr Torwart, sondern Torspieler an allen Ecken in Fußballerkreisen. So etwas finde ich einfach lächerlich. Der Torwart oder Torhüter, wie er über 100 Jahre genannt wurde, soll jetzt Torspieler heißen, für mich einfach unmöglich. Der Torwart ist zu allererst dafür da, dass er die Bälle, deshalb auch Torwart genannt. Und, dabei sollte es auch bleiben. Denn, wenn ein Torwart nicht kicken konnte, wurde er auch nie ein guter Torwart. Man lernte früher das Fußball spielen auf der Straße, auf dem Bolzplatz oder im Fußballtraining. Ich erinnere mich, dass ich zu allererst Fußball spielen lernen wollte, mitkicken. Dann kam automatisch, dass bei uns jeder einmal Torwart war. Nicht nur auf der Straße oder Bolzplatz, nein, im Verein ebenso. Und nach und nach ergab es sich, dass man Torwart wurde oder werden wollte. Zum Torspieler, irgend so ein Besserwisser, Name nenne ich nicht beziehungsweise noch nicht, wollte vor paar Jahren das Torwartspiel verändern und hat zu allererst den Namen geändert, auf Torspieler.
Wer war Ihr Vorbild?
Mein Vorbild war mein Vater. Denn er war in meinem Stammverein, dem FSV 13/23 Schifferstadt, ebenfalls Torwart gewesen. Der hat jeden Tag mit mir im Hof gekickt, dann mich auch als Torwart trainiert, mir das Torwart-Einmaleins beigebracht. Fritz Herkenrath von RW Essen und Nationaltorhüter war für mich Vorbild. Den konnte ich auch im TV ab und zu mal sehen. Gelesen habe ich sowieso alles über ihn. Er war ein sachlicher Torwart, mit enormer Sprungkraft und sehr gutem Stellungsspiel.
Wer war bester Torwart aller Zeiten?
Bester Torwart aller Zeiten soll ja der Sowjetrusse Lew Jaschin gewesen sein. Mein Vater erzählte mir natürlich viel über Torhüter seiner Generation, wie Vladimir Beara, ein Jugoslawe, oder den Deutschen Hans Stuhlfauth vom 1. FC Nürnberg, Hans Jakob von Jahn Regensburg, Willibald Kreß von Eintracht Frankfurt und natürlich Toni Turek, den ich ja noch persönlich kennenlernen durfte.
Wer ist aktuell der Beste?
Für mich der Belgier Thibaut Courtois.
Kommt Manuel Neuer zurück?
Natürlich, ob er nochmals so stark sein wird wie vorher, kann sein, weil er ja seinen jahrelangen harten und sehr guten Torwarttrainer bei Bayern hatte, Toni Tapalovic, den er ja von Schalke 04 mitgebracht hatte. Zuvor hatte ihn bei Schalke Lothar Matuschak entdeckt, beide Torwart-Trainer alter Schule. Denn ohne Matuschak hätte man nie etwas von einem Manuel Neuer gehört. Man wollte Neuer in Schalke nach Hause schicken, aber Matuschak hat gesagt, dass der Junge hier bei Schalke bleibt. Er sieht Potential bei ihm. So ist es dann auch gekommen. Ich würde es ihm von Herzen gönnen, dass er wieder und bald zurückkommt.
Wen würden Sie bei der Europameisterschaft ins Tor stellen?
Den ter Stegen, er bringt seit Jahren konstant gute Leistungen, dank dem hervorragenden Torwart-Training mit den besten spanischen Torwart-Trainern, ebenfalls nach alter spanischer Härte.
Welche deutschen Torhüter haben Potenzial?
Nach ter Stegen sehe ich Kevin Trapp. Stefan Ortega ist ein Guter. Dann könnte man fast jeden Torwart, der Bundesliga spielt, aufstellen, alle gleich für mich, liegt eventuell an der Torwart- und auch der Torwarttrainer-Ausbildung. Da muss sich wieder etwas ändern, aber bald.
Wer wird deutscher Meister?
Weiß ich nicht, wie könnte ich auch. Ich würde mich riesig freuen, wenn mal ein Außenseiter Meister wird, so ganz überraschend.
Wer wird Europameister?
Das steht ebenfalls in den Sternen. Da gibt es so viele Nationen, welche wirklich guten und ansehnlichen Fußball spielen, welcher auch begeistert, so wie bei der letzten EM.