Speyer Freistoss:

Groundhopper: So heißen Fußball-Fans, die möglichst viele Stadien besuchen, mag die Begegnung noch so uninteressant sein. Ganz so verrückt sind wir nicht. Allerdings befinden wir uns heute tatsächlich bei einem C-Klasse-Spiel. ASV Harthausen II gegen FV 1921 Haßloch – wohlgemerkt auf dem Hartplatz. Wie kann der da nur hingehen, fragt sich der eine. Wir sind da, sagen die anderen. Ereignislos verläuft die Partie, bis die Tagesschau-App auf dem Smartphone einen Ton von sich gibt. „Explosion am Dortmunder Mannschaftsbus: Eine Person im Krankenhaus“, heißt es in der Meldung. Das Handy scheint nun interessanter als das Spiel. Mancher Leser mag sich jetzt fragen, wieso wir uns eigentlich auf einem Match der C-Klasse bei 4,7 Grad auf dem Hartplatz befinden und nicht mit Chips vor dem Fernseher sitzen und uns den BVB im Champions-League-Viertelfinale gegen den AS Monaco anschauen. Spielt ja keine Rolle, die Partie ist wenig später abgesagt, und wir scheinen alles richtiggemacht zu haben. Nach der Halbzeitpause kommen zwei Akteure der ersten Mannschaft des ASV aus der Kabine und teilen diese Meldung mit. Zwei Zuschauer holen hektisch ihr Handy raus und überprüfen, ob das stimmt. Recht haben sie, sagt die Frau. Aber zurück in Durchgang eins: Am Sportplatz läuft ein Jogger vorbei und wird freundlich gegrüßt. Ein paar Minuten später zwei frei laufende Hunde, das Herrchen spaziert wenige Meter hinter den Vierbeinern. Auf dem Feld steht es mittlerweile 1:0 für Haßloch. Der Unparteiische beschwert sich über den Linienrichter der Heimmannschaft, da dieser lieber mit den Zuschauern erzählt, als zu schauen, wer einwerfen darf. Immer mal wieder freut sich der Wirt über ein paar Euro, die er mit Schorle oder Bier verdient. In der Halbzeit bleibt Harthausen länger in der Kabine. Bei Haßloch beschwert sich ein Akteur schon, er friere. Wohl ein kluger Schachzug vom ASV, denkste. Kaum sind die Gastgeber draußen, geht auch schon der Referee wieder in die Katakomben. Die Zuschauer munkeln, er hat die Karten vergessen. Die zweite Halbzeit verlief dann deutlich turbulenter als die erste. Nach dem Elfmeterpfiff hört der Schiri eine Beleidigung gegen seine Person und droht mit Spielabbruch. Klare Linie oder doch ein bisschen witzig? Als wären die Holzlatten am Harthausener Hartplatz nicht schon genug demoliert, hängt sich der Gäste-Schlussmann an die Latte und turnt. SMS-Nachricht: 1:0 Dybala. Juventus ist also gerade durch den argentinischen Nationalspieler gegen den FC Barcelona in Führung gegangen. Aus den Zuschauerrängen hinter der Bande kommt auf einmal der Einwechselspieler für Harthausen. Deswegen sind wir doch hier. Das ist C-Klasse. Wir fahren nach Hause. Vielleicht sehen wir noch ein bisschen Champions League. Kaum ist die Tür offen, köpft Chiellini zum 3:0 ein. Beim 2:0 saßen wir wohl noch auf dem Fahrrad. Wo ist eigentlich Karbach? In der Oberliga zumindest im vorderen Mittelfeld, auf der Landkarte 136 Kilometer von Speyer entfernt. Und genau da absolviert Fußball-Oberligist TuS Mechtersheim sein Auswärtsspiel. Wir sind dabei, los geht’s um 15 Uhr an der Kirschenallee. Dort soll der Bus abfahren. Mitreisende Anhänger der Mechtersheimer sind schon ungeduldig, als um 15.07 Uhr immer noch kein Bus in Sicht ist. Fast alle Spieler sind da, der Rest wird woanders eingesammelt. Alle finden im Bus dann einen Platz. Das Navigationssystem des Fahrers legt die Ankunft auf 17.17 Uhr fest. Die Insassen diskutieren über die möglichen Absteiger aus der Regionalliga, ob der FV Dudenhofen aufsteigt, den FC Speyer oder die Champions League. Bayern spielt am Abend gegen Real Madrid. Lösungswege, wie die Busfahrer das Spiel verfolgen könnten, sind noch nicht gefunden. Die erste und einzige Pause legen wir in Wiesbach ein. Dabei handelt es sich aber nicht um das Wiesbach, dessen Hertha nach der Niederlage des TuS Mechtersheim in der Tabelle an den Pfälzern vorbeigezogen ist. Unser Wiesbach liegt im Kreis Alzey-Worms. Auf dem Rastplatz versorgen sich Spieler sowie mitgereiste Fans mit Kaffee und Kuchen. Ewig lange geht es dann auf der Autobahn weiter, selbst drei Minuten vor der angeblichen Ankunft keine Spur vom Ort Karbach. Trainer Manfred Schmitt spekuliert, dass die erste Abfahrt sofort auf das Sportgelände führen muss. Zwei Minuten später tritt dies ein. Der muss ja schon mal hier gewesen sein, auch wenn er das verneint. Die Karbacher fangen uns vor dem Eingang ab. Weiter geht’s nicht, aussteigen – keine andere Wahl. Die Mechtersheimer drohen schon, den FC bei einem möglichen erneuten Duell in der kommenden Spielzeit am Rhein parken zu lassen. Das Ganze könnten sie aber auch in 90 Minuten erledigen, in dem der TuS die Karbacher einfach mit null Punkten zurücklässt. Die Römerberger beginnen mit der obligatorischen Platzbegehung und stellen fest, dass selbst der Trainingsrasen zuhause besser ist als das hier vorgefundene Grün – ein Loch nach dem anderen. Hier wurde entweder gegrätscht, oder der Platzwart ist vor 15 Jahren entlassen worden, und nun fehlt das Geld, einen neuen einzustellen. Apropos Geld, Geldgeber der Karbacher ist Gerüchten zufolge Sängerin Tina Turner. Gespannt warten wir auf die Einlaufmusik „Simply the best“. Da gedulden wir uns jetzt noch. Allerdings ist dieses Gerücht die Wahrheit. Ihr Mann, ein Deutscher, stammt aus der Nähe von Karbach und unterstützt den FC mit Geldern aus der Familienkasse. Selbst anwesend ist er wohl selten. Die Beiden leben ja in der Schweiz. Während des Matchs stehen knapp 20 Karbacher unter einer Überdachung, feuern die Gastgeber an. Auf dem Gelände gibt es übrigens den kleinsten Bratwurststand aller Zeiten. Größer sind die Verkaufshäuschen beim TuS, in Berghausen, in Dudenhofen und bestimmt auch auf allen anderen Sportplätzen der Region. Mehr als drei Leute standen dort zwar nie an, klein war es trotzdem für die Oberliga. Also Mrs. Turner, Sie wissen was zu tun ist: neuer Rasen, neuer Bratwurststand. Gute Reise wünscht Nico Henrich |nihe