Speyer
Frauke Wilken beim Speyerer Kunstverein
Knapp 30 Arbeiten hat Wilken aus Köln mitgebracht. Dazu gehören große und mittlere Formate und Objekte, die ausschließlich aus Gewebe entstanden sind. Bilder, die bis zu neun Meter messen, hat sie vorsichtshalber zu Hause gelassen, würden sie doch den räumlichen Rahmen des Kunstvereins sprengen.
Das Bedürfnis der 59-Jährigen mit Wurzeln in Norddeutschland, die Kraft hinter der Oberfläche ihrer Kunst aus dem Bild oder der Skulptur heraus in den Raum zu leiten, wirkt auf den Betrachter. Der Blick weitet sich, tastet nach Einordnung und findet sie beispielsweise in zwei Bildern, mit denen Wilken „Große Turbulenzen“ erzeugt. Ungebändigtes Haar, sein Herausfließen, ordnen und flechten lässt Rückschlüsse auf Prägung und Herkunft der Trägerinnen zu. „Haare sind unsere zweite Hülle, Kleidung unsere zweite Haut“, erklärt Wilken ihren Zugang zu menschlichen Details.
Kraftvoll und gleichermaßen fragil
Kraftvoll und gleichermaßen fragil fließt eindrucksvolle Kunst aus den Arbeiten der Künstlerin. Sie führt den Betrachter zu ihren Zeichen der Kultur, des Alters oder der Schicht, aus der ihre Bildausschnitte barocker Perücken oder der zugenähte „Scheitel“ mit herausquellenden Zöpfen entstanden sind. Nur ihr „Poser“ benötigt keine Haare, nicht einmal einen Kopf. Ihm genügen Muskeln und die Kraft, die sein Korpus aussendet.
Humorvoll, ironisch und ganz ernst begegnen Wilkens Arbeiten dem Betrachter. Ihren Teddybär aus mit Acryl befestigtem Webpelz will gestreichelt, geliebt werden lässt, was ihm unmittelbar gelingt, wenn er von allen Seiten umringt und dabei immer besser verstanden wird. „Der Gehörnte“ hingegen klebt gleich einem unglücklichen Hähnchen an der Wand.
Gute Mischung
Wilken präsentiert Arbeiten, die sie in den Nuller-Jahren bis vor wenigen Wochen geschaffen hat. „Ich will in Speyer eine gute Mischung ausstellen“, betont sie. Neu sind blaue Vertiefungen, die von Erdfarben aufgefangen werden. „Rendezvous“ heißt die monumentale Rauminstallation, die auf den ersten Blick vom schönen Schein erzählt. Bei näherem Hinsehen entdeckt der Betrachter indes im Geklebten und Genähten das Kaputte an der Szene, in der sich Menschen im Eigentlichen einander zuwenden. Der Kern ihrer Skulpturen besteht aus Holz, Styropor. Die Materialien umgeben Gewebe, die die Arbeiten zum Glänzen bringen, sie vervollständigen, ihnen die Wertigkeit verleihen, die Wilkens Kunst ausmacht. Eine Bildhauerin sei sie keinesfalls, weist die Künstlerin eventuelle Rückschlüsse dieser Art zurück. „Ich kann nichts wegnehmen, muss vielmehr stets addieren“, erklärt sie ihre Auseinandersetzung mit Körper und Raum.
Wilkens Studium Freier Kunst in Braunschweig und Barcelona findet sich in ihrer floralen Serie wieder, die Leiblichkeit auf der Grundlage von Rosen thematisiert. In ihrer Malerei verrate sie mehr vom großen Geheimnis menschlicher Abgründe und Herkünfte als mit der Skulptur, ist die Künstlerin überzeugt. Dennoch können auch in den Bildern sämtliche Assoziationen in jedem Moment der Betrachtung kippen, sich verändern, erneuern, auf leisen Sohlen grenzenlos fließen.
Ausstellung
Zu sehen vom 31. Oktober bis 19. Januar in den Räumen des Kunstvereins, Kulturhof Flachsgasse, Speyer. Geöffnet Donnerstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr.
Eröffnung Donnerstag, 31. Oktober 18 Uhr. Einführung Olaf Mückain, wissenschaftlicher Leiter der Museen der Stadt Worms.