Speyer Eine schließt andere nicht aus

Ist als Student auch noch im Leitungsteam der Schwegenheimer Messdiener aktiv: Hannes Juchem. Beim Fototermin backt er mit seine
Ist als Student auch noch im Leitungsteam der Schwegenheimer Messdiener aktiv: Hannes Juchem. Beim Fototermin backt er mit seiner Schwester Pia im Pfarrhaus in Lingenfeld.

«Schwegenheim/Lingenfeld.» „Man muss sich mit dem, was man meint zu wissen, kritisch auseinandersetzen. Darin sind sich Glaube und Wissenschaft gar nicht unähnlich“, sagt Hannes Juchem. Der Schwegenheimer studiert im dritten Semester Physik. Täglich trifft er in Heidelberg auf Atome und Elementarteilchen – auf das Quantifizierbare, was sich in Zahlen und mathematischen Formeln erfassen lässt. In seiner Freizeit spielen Dinge eine Rolle, die den wissenschaftlichen Erkenntnisbereich übersteigen: Gott und Glaube. Sein Elternhaus war religiös geprägt, der Vater war Bundesgeschäftsführer bei der Katholischen Landjugendbewegung (KLJB). Als Hannes ein Jahr alt war, ist die Familie vom Niederrhein in die Pfalz gezogen. Es folgte die klassische Laufbahn eines jungen Christen: Kommunion, Messdienst, Firmung. Bis zu diesem Zeitpunkt lebten vor allem die Eltern Spiritualität vor. „Man nimmt das an“, erzählt er. In der Jugend entwickelte sich zunehmend die eigene Richtung im Glauben. Vielen Firmlingen gehe es so. Das habe er als Katechet in Gesprächen mit den Heranwachsenden erfahren. „Glaube hat für sie Bedeutung, aber er koppelt sich oft ab von kirchlichen Institutionen.“ Juchem hat sich nicht von der Kirche abgewendet. Mit 13 Jahren wurde er Gruppenleiter bei den Ministranten, später Obermessdiener. Mittlerweile sitzt er im Gemeindeausschuss Lingenfeld-Schwegenheim-Westheim und als Jugendvertreter im Pfarreirat. Und er singt bei Cantamus, dem Singkreis der Gemeinde. Der 20-Jährige kennt das Vorurteil gegenüber christlich engagierten Menschen: Sie würden alles für bare Münze nehmen, was in der Bibel steht oder was die katholische Kirche vorgibt. Quatsch sei das, sagt der junge Mann: „Wenn man irgendwo aktiv ist, muss man überlegen, was ist gut und was ist schlecht? Man muss auch kritisieren dürfen.“ Religion werde mit überholten Weltbildern in Einklang gebracht, Naturwissenschaft als selbstverständlich hingenommen. Juchem wirft Fragen auf – gegenüber der Kirche und der Wissenschaft. „Wer sagt, dass physikalische Gesetze gewiss, vollständig und endgültig sind?“ Auch die Wissenschaft entwickle sich weiter. Einstein etwa habe 1919 die Newtonsche Mechanik widerlegt. Sie war mehr als 200 Jahre lang gültig. „Man tut immer so, als ob unsere gefundenen Naturgesetze absolut sind.“ Die Bibel behandelt Juchem als Geschichtswerk, dessen Inhalt gedeutet und im zeitgenössischen Kontext der Autoren betrachtet werden muss. Aber vor allem sei sie ein Handbuch fürs Leben: „Der Leitsatz ist doch die Nächstenliebe. Wenn jemand Hilfe braucht, sind wir verpflichtet zu handeln. Man muss liberal und weltoffen sein, um das erfüllen zu können.“ Genau an diesem Punkt hadert der Student mit der katholischen Kirche. „Der Vatikan hinkt der Lebenswirklichkeit ein paar Hundert Jahre hinterher. Die Lehre ist zum Teil nicht mehr zeitgemäß, die römische Kurie macht viel Mist.“ Die Dogmen der Weltkirche sind für den Schwegenheimer nachrangig gegenüber der Wirklichkeit auf Gemeindeebene, gegenüber einem aufgeklärten Glauben, der sich über moralisches Handeln definiert. „Es ist ein erfüllendes Gefühl, sich in der Gemeinschaft zu engagieren und andere Menschen zu bewegen“, sagt der Student. Bevor der Mensch physikalische Gesetze entdeckt hatte, lieferte die Religion massentaugliche Erklärungen für unerklärliche Phänomene. Verständnis für Abläufe in der Welt zu schaffen, dieses Ziel haben Theologie und Physik gemein, meint Juchem. Die existenzielle Frage nach dem Ursprung allen Seins, nach dem „Zeitpunkt Null“, könne keine der beiden Wissenschaften befriedigend beantworten. „Ich bin überzeugt von der Wissenschaft. Aber da ist noch Platz. Ich denke, dass da noch mehr ist“, sagt Juchem. Aber er braucht nicht auf alles eine Antwort. Er mache sich keine Gedanken, wie Gott oder das göttliche Potenzial aussehen muss. „Ich kann es nicht überprüfen, es übersteigt meine Vorstellungskraft“, sagt der Schwegenheimer. Die Existenz oder Nichtexistenz Gottes lasse sich nicht beweisen. Darin vertritt der junge Mann eine agnostische Haltung. „Wir können keine wahre Aussage treffen, ob es Gott gibt. Aber mir bringt es einen Vorteil, davon auszugehen. Es ist eine schöne Vorstellung.“

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