Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Ein-Personenstück beim „Kulturbeutel“

„Prima Facie“: Sina Peris als Verteidigerin Tessa Ensler.
»Prima Facie«: Sina Peris als Verteidigerin Tessa Ensler.

„Prima Facie“ heißt das eindrucksvolle Drama, das die Mainzer Kammerspiele im Festival „Kulturbeutel“ präsentiert haben. Das Ein-Personenstück hat Schauspielerin Sina Peris unter der Regie von Claudia Wehner großartig auf die Bühne im Alten Stadtsaal gebracht. Das Publikum war überschaubar. Schade.

„Bis auf Widerruf“ lautet die in Juristenkreisen übliche Übersetzung von Prima Facie. Bis auf Widerruf ist die Strafverteidigerin Tessa Ensler vergewaltigt worden. Sie, die den steinigen Weg aus der britischen Unterschicht überwunden und sich in eine Elite-Universität und von da aus in eine Londoner Top-Kanzlei hochgearbeitet hat.

Peris spielt so authentisch, dass den Zuschauern zuweilen der Atem stockt. In Business-Kleidung unter der Robe steht die Rechtsanwältin im Gerichtssaal, vor ihm, bei den Kommilitonen, mit Julian im Büro, im Zeugenstand. Voller Selbstvertrauen in Recht und Gesetz, in ihre Fähigkeiten vergisst Tessa ihre Herkunft niemals, gehört sie doch niemals und nirgendwo so richtig dazu.

Das Stück der australischen Autorin Suzie Miller hat 2022 Premiere im Londoner Westend gefeiert und ist seit Frühjahr 2023 am Broadway in New York zu sehen. Wie gut, dass die Mainzer Kammerspiele es ins Programm genommen haben.

Bühnenreif im besten Wortsinn

Echt und dicht erzählt Peris Tessas Lebensgeschichte. Ihre geschliffene Sprache ist bühnenreif im besten Wortsinn. Seit 782 Tagen wartet sie auf das Urteil gegen ihren Vergewaltiger, ist Tessa mit sieben Jahren Berufserfahrung doch fest überzeugt, dass die Gerechtigkeit in jedem, also auch ihrem Fall siegt.

Tessas Demütigung, ihre Verzweiflung spielt Peris grandios und sorgt damit für Gänsehautmomente im Publikum. Ohne Perücke und Robe fühlt sie sich nackt, wird in zweifacher Weise zum Opfer. Sämtliche Beweise für die Vergewaltigung, die ihr zunächst sympathischer Kollege an ihr verübt hat, sind abgewaschen, zerstört, die forensisch medizinische Untersuchung war für Tessa ein Albtraum. Der Fall „Der König gegen Julian Brooks“ nimmt Wendungen, die die junge Strafverteidigerin nicht für möglich gehalten hätte. Angst vor dem Kontrollverlust ist der Schauspielerin ins Gesicht geschrieben. Jeder Zuschauer nimmt ihr ab, was kaum zu beweisen ist: „Man darf nicht vergewaltigen“, rufen Stimmen von allen Seiten Tessa zu.

„Nichts als die Wahrheit“

„Warum glauben Frauen anderen Frauen nicht?“ Diese Frage macht Tessa mehr zu schaffen als zuvor, zu der Zeit, als die Welt der Justiz für sie noch in Ordnung war. In der Jury sitzen lediglich vier Frauen. „Die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit“ herauszufinden war für Tessa bis zur eigenen Vergewaltigung berufliche Verpflichtung und ist es noch. Niemandem wünscht sie das, was sie als Klägerin, Zeugin und Opfer in den vergangenen 782 Tagen durchgemacht hat. Tat und Täter bleiben in lebhafter Erinnerung.

Auch dem Publikum, das die Ungerechtigkeiten im dreitägigen Verfahren am liebsten laut herausschreien würde. Gut, dass Peris es tut. Sie lehnt sich mit allem, was sie hat, gegen Gesetze auf, die Männer schützen und vergewaltigten Frauen misstrauen. „Statt solche Gesetze zu hinterfragen, befragen wir die Opfer“, kritisiert Peris den juristischen Umgang mit einer Straftat, die nur Männer begehen. „Es muss sich etwas ändern. Jede dritte Frau erfährt mindestens einmal in ihrem Leben sexualisierte Gewalt“, so Peris eindringliche Schlussworte nach einem Abend, der dem Publikum nachgehen wird.

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