Speyer
Ein Bäcker übt den Spagat für seine Kunden
„Das hätte damals keiner geglaubt“, sagt Sebastian Däuwel. Der 38-Jährige denkt zurück an Ende vorigen Jahres, als er sich für eine Preiserhöhung Anfang 2022 entschieden hat, aber vom Krieg nichts ahnte. „Ich habe die Kostensteigerungen der Jahre davor nachziehen müssen“, erklärt er. Vor fast sechs Jahren hatte der Quereinsteiger-Bäcker mit den „Brotpuristen“ ein Start-up erfolgreich etabliert und seit damals seine Brote nicht verteuert, wie er sagt. Jetzt war das eben kurz vor Wladimir Putins Angriff auf die Ukraine fällig. Danach wurde klar: Dass sich zwei der wichtigsten Weizenproduzenten im Krieg befinden, wirkt sich unter anderem auf Bäcker aus.
Sein Mehl beziehe er regional von der Walter Mühle in Böhl-Iggelheim und bekomme noch keine Knappheit oder extremen Preissteigerungen zu spüren, so Däuwel. Er könne die Entwicklung derzeit nicht prognostizieren, habe jedoch mit Blick auf die Kosten der Landwirte vor der neuen Ernte im Juli und die Weltmarktpreise durchaus Befürchtungen. Zum Backen seien zudem Rohstoffe wie Sesam erforderlich, „und den bekomme ich beim besten Willen nicht regional“. Er sehe viele Ungewissheiten vor sich, sagt Däuwel.
Strompreis bereitet Sorgen
Am meisten Sorgen bereite ihm die Entwicklung der Strompreise. Der größte Kostenblock für das Unternehmen in der Auestraße seien die Personalkosten für die 15 Beschäftigten, aber bald darauf komme die Energie. Däuwel arbeitet bei seinen Teigen mit einer sogenannten Langzeitführung, die eine Kühlung über 48 Stunden und sehr hohe Kühlkapazitäten erfordere. Das frisst kräftig Strom. Bis Jahresende seien die Bezugskosten über seinen Vertrag mit den Stadtwerken gesichert. Danach drohten deutliche Preissteigerungen bis hin zur Verdoppelung. „Davor graut mir“, sagt Däuwel.
Corona-Ausfälle sorgten für weitere Unsicherheiten, und auch die für den Herbst angekündigte deutliche Erhöhung des Mindestlohns könnte sich auf sein Unternehmen auswirken, so Däuwel. Er sei davon zwar nicht direkt, über Vorlieferanten aber möglicherweise indirekt betroffen. Momentan plane er keine Preiserhöhung, könne aber schon absehen, spätestens bis Jahresende neu kalkulieren zu müssen. „Dabei muss ich mir gut überlegen, was ich noch aufs Produkt umlegen kann, weil die Kunden ja von Preiserhöhungen in vielen Bereichen betroffen sind. Das ist ein echter Spagat.“
„Nicht megaüppig“
Mit dem Aufschlag zu Jahresbeginn habe er die Turnübung fürs Erste gemeistert, glaubt Däuwel im Rückblick. Die Kunden in der Auestraße und am Brotpuristen-Truck bei dessen regelmäßigen Besuchen in Neustadt, Landau und Frankenthal hätten sehr gut darauf reagiert. Er habe sich gegen die alljährlichen Zehn-Cent-Aufschläge vieler anderer Bäckereien entschieden und sei lieber einmal nach sechs Jahren deutlicher in die Höhe gegangen. Das Roggenbrot koste seither zum Beispiel 5 Euro statt 4,50 Euro, das Nussbrot 7 Euro statt 6,50 Euro. Dass die Brotpuristen-Preise höher sind als anderswo, dürfe dabei nicht zum Fehlschluss verleiten, dass er eine besonders hohe Marge habe und damit Inflation & Co. besser abpuffern könne als andere: „Die Marge ist nicht so megaüppig für unseren Personalaufwand, den wir für ein qualitativ hochwertiges Produkt betreiben.“
Er werde die Entwicklung in diesem Jahr ganz genau beobachten müssen, kündigt Däuwel an – und wohl weiter Spagat üben ...