Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Donaudeutsche Landsmannschaft: Erinnerungskultur mit aktuellen Bezügen

Referenten zum Thema Vertreibung (von links): Gottfried Jung, Josef Jerger und Steffen Renner.
Referenten zum Thema Vertreibung (von links): Gottfried Jung, Josef Jerger und Steffen Renner.

Flucht, Vertreibung und Migration – das sind die Themen, die heute landauf und landab auch bei uns maßgeblich den gesellschaftlichen und politischen Diskurs bestimmen. Besondere Erfahrungen damit haben die Speyerer Donaudeutschen.

Die Donaudeutsche Landsmannschaft ist in Speyer nach wie vor eine Größe. Sie hat jetzt an Flucht und Vertreibung vor 80 Jahren erinnert – das Leid von damals schweißt sie bis heute zusammen. Beim von Paul Nägl und dem Vereinsvorsitzenden Siegfried Liebel zusammengestellten Programm im Haus Pannonia wurden Bezüge zur aktuellen Situation hergestellt. Die Erinnerungskultur zu diesem Thema muss also keine Einbahnstraße bleiben, man kann daraus auch eine klare Haltung zu aktuellen Problemen gewinnen.

Flucht und Vertreibung heute

Steffen Renner, seit 2015 Leiter der Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende (AfA), beleuchtete am Beispiel der Speyerer Einrichtung, wie „Flucht und Vertreibung heute“ aussehen. Er gab Einblicke in die Arbeit der AfA, in der gegenwärtig 950 Bewohner aus 29 Nationen untergebracht sind. Die meisten von ihnen kommen aus der Türkei, Syrien, Afghanistan und Ägypten.

Nach Renners Aussagen sind 2024 deutlich weniger Menschen nach Deutschland geflüchtet als in den Jahren davor. Das liegt auch daran, dass zur Fußball-Europameisterschaft in Deutschland und zu den Olympischen Spielen in Paris die Grenzkontrollen hochgefahren wurden. Diese haben in ähnlicher Form immer noch Bestand und wirken sich erkennbar auf die Flüchtlingszahlen aus, so Renner. Sorgen bereiten ihm derzeit die kriegerischen Auseinandersetzungen im Libanon und in der Ukraine. Eine Zuspitzung der Konflikte dort könnte auch bei uns wieder zu einem Anschwellen der Flüchtlingszahlen führen.

Die zweite Generation

Eine andere Perspektive brachte Gottfried Jung, langjähriger Fraktionsvorsitzender der CDU im Speyerer Stadtrat, ein. Er schilderte Flucht und Vertreibung aus der Sicht eines Donaudeutschen der zweiten Generation. Seine Eltern waren Donaudeutsche, die aus ihrem Haus im Banat vertrieben wurden. Sie haben ein Vernichtungslager überlebt und sind unter Lebensgefahr vom damaligen Jugoslawien durch Ungarn und Österreich nach Deutschland geflohen.

Jung hat sich erst in den vergangenen Jahren intensiv mit der eigenen Familiengeschichte auseinandergesetzt, auch weil im Elternhaus wenig über das Thema gesprochen wurde. Er legte den Fokus auf die große Aufbauleistung dieser Generation von Donaudeutschen, denen die beruflichen Startmöglichkeiten ihrer Kinder in der neu gegründeten Bundesrepublik besonders wichtig gewesen seien.

Jung hatte sich zuletzt persönlich auf Spurensuche zu den Herkunftsorten seiner Eltern im früheren Jugoslawien begeben. Mit seiner Aufarbeitung schlägt er einen Bogen zu aktuellen politischen Ereignissen und wendet sich gegen einen erstarkenden Rechtspopulismus und krude Naziparolen. Mit einem Zitat von Nobelpreisträgerin Herta Müller umschrieb er die aktuelle Gefahr: „Die Freiheit unserer Demokratie dürfen wir nicht als selbstverständlich betrachten. Sie könnte uns sonst gestohlen werden.“

Große Integrationsaufgabe

Nach Angaben der UNO-Flüchtlingshilfe liegt die Zahl der weltweit gewaltsam vertriebenen Menschen inzwischen bei 122 Millionen. Zum Vergleich: 14 Millionen Deutsche wurden am Ende des Zweiten Weltkriegs aus ihrer Heimat in Ost- und Südosteuropa vertrieben. Die Bevölkerung der Bundesrepublik wuchs damit in wenigen Jahren um 20 Prozent, damals eine riesige Integrationsaufgabe in einem Land, das unter den Kriegsfolgen litt und den Neuanfang suchte.

Eindringlich gerieten die Schilderungen von Josef Jerger über Flucht und Vertreibung der Donaudeutschen aus ihren Dörfern in Südosteuropa. Als Zeitzeuge konnte er aus eigener Erfahrung berichten, was damals geschah, denn er hat Enteignung, Mord, Lagerhaft, Flucht und Hunger als Kind erlebt. Von Herbst 1945 bis Frühjahr 1948 war er im Lager Rudolfsgnad inhaftiert, in dem knapp 170.000 der in Jugoslawien verbliebenen Donauschwaben zusammengepfercht wurden. Auch Jahrzehnte nach diesen Ereignissen lassen ihn die Erinnerungen daran nicht los, mit einem differenzierten Blick auf die damals russischen Besatzer, die nicht alle brutal oder grausam waren. Jergers Schilderungen machten betroffen, wenn er über lange und komplizierte Fluchtwege auf Pferdewagen und in Güterwaggons sprach.

Die Gedenkfeier wurde abgerundet durch ein Totengedenken in der Kapelle der Donaudeutschen am Haus Pannonia und eine Ehrung von Jürgen Harich, dem Präsidenten des Weltdachverbandes der Donauschwaben. Die Vertreibung der Donaudeutschen 1944 erinnert daran – so hat es Gottfried Jung formuliert –, „dass die Deutschen selbst eine Vergangenheit mit Flucht und Vertreibung haben, die Deutschland in den Jahren und Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg gravierend verändert hat“.

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