Speyer Der Bach, der sich kaum zeigt

Oben die Kussbrücke, unten das trübe Gewässer: Florian Benner zeigt auf den Gießhübelbach.
Oben die Kussbrücke, unten das trübe Gewässer: Florian Benner zeigt auf den Gießhübelbach.

Das Urteil fällt schon vor der Umgestaltung des Woogbachtals, in dem der andere Teil des Speyerbach-Systems durch die Stadt führt: „Während der Woogbach relativ schön in Speyer eingebunden ist, fristet der Speyerbach ein erbärmliches Dasein.“ Das schreibt unter www.speyerbach.info Martin Grund aus Neustadt, der den Bach wissenschaftlich erforscht hat. Gemeint ist der „Gießhübelbach“ genannte Abschnitt.

Der Arm, der im Mittelalter an der „Hanhofener Scheide“ künstlich abgetrennt wurde, wird in Speyer meist als „Gießhübelbach“ bezeichnet. Von der Wortherkunft hat das mit „Berg, Hügel“ zu tun. Er kommt von Dudenhofen übers Feld und in Verlängerung der Holzstraße auf Speyerer Gemarkung, der „erbärmliche“ Bach. Vom Radweg aus ist er gut wahrnehmbar, beim Judomaxx kaum noch: Die Böschung führt tief und steil hinunter, ist ziemlich bewachsen, das dunkle Wasser dümpelt leise vor sich hin. „Die Topographie erschwert es hier, den Bach zu erleben“, urteilt Florian Benner, für den Unterhalt eines solchen Gewässers Zweiter Ordnung zuständiger Tiefbauingenieur der Stadtverwaltung. „Man kommt nicht dran.“ Im Anschluss wird es nicht wirklich besser: Er führt noch am St.-Vincentius-Krankenhaus vorbei, um kurz darauf zwischen dem ehemaligen Sägewerk Steiner und der Schützenstraße in den Untergrund zu verschwinden. Immerhin: Die „Kussbrücke“ liegt an der offenen Strecke, und die ist ja zumindest bei so manchem Liebespaar positiv besetzt. Bei ihr hängt eine Hose im Baum, ein bisschen Müll liegt unten am Gewässerrand. Den müsse wohl der städtische Fuhrpark herausholen, sagt Benner. Auch die Gärtnerei komme hin und wieder vorbei, vor allem für Baumkontrollen. Eigentlich sei der Gewässerzweckverband Rehbach-Speyerbach für den Unterhalt in diesem Bereich zuständig; gerodet werde aber bewusst nicht. Auf Höhe Judomaxx kann Wasser aus der Kanalisation eingeleitet werden, bevor es bei Starkregen überläuft. Hier könnte es Ratten geben, erklärt Benner. Ein Stück weiter klettert ein Eichhörnchen in den Uferbäumen herum. Fische gibt’s auch – sogar in dem Bereich, in dem Benner eigentlich zuständig ist, nämlich in dem verrohrten. 1148 Meter führt die gemauerte und betonierte Bachröhre entlang der Südseite der Mühlturmstraße, unterquert die Bahnhofstraße bei der Postgalerie und verläuft unter dem nördlichen Gehweg der Maximilianstraße zur Alten Münze, wo sie in die Salzgasse abbiegt und später im Bereich Holzmarkt/Mittelsteg in den offenen Nonnenbach mündet, bevor es wieder gemeinsam zum Rhein geht. „Obwohl die Bachsohle befestigt ist, habe ich auch dort schon Fische gesehen“, so Benner. Er ist die Strecke vom Holzmarkt bis zur Schützenstraße unterirdisch abgegangen. In dieser Richtung verringert sich der Durchmesser des Kanals: „Danach hat man erst mal eine Stunde Kreuzschmerzen“, erklärt der Ingenieur und schmunzelt. „Man muss öfter mal reinschauen“: Die Instandhaltung des alten Sandsteingewölbes ist für die Stadt ein Dauerprojekt. Von 1963 bis 1992 wurden in 13 Abschnitten rund 1,5 Millionen Euro verbaut, auch seither wurde immer wieder saniert – meist ging es um das Füllen von Rissen mit Spritzbeton. 2019 sei wieder ein Abschnitt geplant. „Einsturzgefahr besteht keine“, betont Benner. Feuchte Keller bei der Alten Münze oder dem „Alten Engel“ sind aber durchaus überliefert. Im Bereich des Ledergässchens, das in die Maximilianstraße mündet, gibt es den neben der Kussbrücke zweiten bekannten Ort, an dem der Gießhübelbach „erlebbar“ ist: Es wurde ein Treppenabgang zum Bach freigelegt. Die offene Stelle wurde später vergittert, Touristen werden hierher geführt. Apropos Tourismus: Ein wieder offen verlaufender Bach in der Innenstadt, wo er einst wegen des Platzbedarfs unter die Erde gezwungen wurde, wäre das etwas? Möglich wäre es etwa am Altpörtel oder Holzmarkt. Ernsthaft angestrebt werde es nicht, so Benner: „Es wäre sehr aufwendig. Die Stadt hat andere Baustellen.“ Die Serie Speyer hat den Rhein, aber auch noch viel mehr Gewässer – mit interessanter Geschichte, Flora und Fauna. Die RHEINPFALZ stellt sie zusammen mit Experten vor.

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