Speyer Dem Lehrer als Strafe das Haus gebaut
«Dudenhofen.»Sie kennen sich seit 50, 60 oder 70 Jahren: Zahlreiche Schülerjahrgänge treffen sich bis heute regelmäßig. Was hält sie nach so langer Zeit noch zusammen? Sind es die Kindheitserinnerungen? Haben sich die Träume von damals erfüllt? Heute: der Jahrgang 1943/44 aus Dudenhofen.
15 der 47 Abc-Schützen, die ihre Schullaufbahn 1950 in der Dudenhofener Volksschule begonnen haben, sitzen am langen Tisch im Hanhofener Café Serr. Auch Günther Worf ist dabei, Senior des Jahrgangs. Am Neujahrstag 1943 sei er zur Welt gekommen, sagt der 74-Jährige. Klaus Klein, das Nesthäkchen der Jungen-Klasse, sei fast eineinhalb Jahre jünger. Grund: Der Schuljahresbeginn wurde damals von Ostern in den Herbst verlegt und zwei Jahre später wieder zurück. „Dadurch ist die zweite Klasse ganz weggefallen“, erklärt Stein. Sitzenbleiber der oberen Klasse seien bei ihnen untergekommen. „Einige von uns waren schon nach der siebten Klasse mit der Schule fertig“, berichtet Worf vom frühen Ende mancher Dudenhofener Kindheit. Drittjüngste des Jahrgangs ist Roswitha Stögbauer. Wie sie erinnern sich alle Senioren am Tisch an körperliche Züchtigungen der Schulschwestern, aber auch an den frühen Tod einer Nonne. „Bei ihrer Beerdigung haben wir Rotz und Wasser geheult“, sagt Annegret Urschel. Einen sehr speziellen Lehrer hat der Jahrgang nicht vergessen. Für jeden Fehler im Diktat – und davon habe es bis zu 100 gegeben – hätten sie einen Stein in seinen Rohbau tragen müssen. „So kommt man auch zum Eigenheim“, meint Manfred Rüth. Den gekauten Kaugummi eines Mitschülers habe der Lehrer in dessen Haaren verteilt, berichtet er von der „Tonsur“ des Jungen am nächsten Tag. „Wir fanden das lustig.“ „Sechs Rohrstockhiebe waren die Höchststrafe“, erzählt Worf. „Wenn wir dem Lehrer die Tasche in die Klasse getragen haben, hat er uns mit Gutzel belohnt“, erinnert sich Karin Haerth. Günther Pia spürt noch an die Hiebe auf seinen Fingern, die der Linkshänder so lange erdulden musste, bis er mit der rechten Hand geschrieben hat. „Das hat immer einen Notenabzug in Schönschrift gegeben“, sagt Pia. „Was wir mit unseren Lehrern erlebt haben, hat die Grenzen überschritten“, kritisiert Christa Dollinger. Dennoch sind alle mit Renate Tryjanowski einer Meinung: „Es waren schöne Zeiten.“ „Nur nicht die Lebertran-Zeiten.“ Haerth schüttelt sich beim Gedanken an das kollektive Zwangsgetränk. Zum Schulausflug in der achten Klasse sei es in die Heimat des Lehrers nach Garmisch-Partenkirchen gegangen, erzählt Rüth vom ungewöhnlichen Ziel für Dudenhofener Kinder. „Seitdem haben wir eine Hymne.“ Die Klasse stimmt „Ich bin ein echter Pälzer Bu, der stärkste von der Klass“ an. Normalerweise brächten sie ihr Liederbuch mit zum Schülertreffen, sagt Klein. Heute hat der Jahrgang es zu Hause gelassen. Eine aus ihrer Klasse sei gestorben, erklären sie ihr „stilles Treffen“. Jeder Teilnehmer gebe jedes Mal zwei Euro in die Klassenkasse, erklärt „Schatzmeister“ Worf. „Das Geld wird in Ausflüge, Geschenke oder Gestecke investiert. Je nach Anlass.“ Die beiden Evangelischen ihres Jahrgangs habe er immer um die Religionsfreistunde beneidet, sagt er. In den 1950er-Jahren hätten sich zahlreiche Sudetendeutsche in Dudenhofen niedergelassen. „Die waren alle evangelisch und hatten ein ganzes Viertel für sich“, sagt Worf. Von ihnen ist heute niemand dabei. „Wer von uns Katholiken morgens nicht in der Kirche war, hatte in den anschließenden Schulstunden die Hölle auf Erden“, sagt Tryjanowski. Dabei sei ihr Jahrgang immer vollkommen harmlos und anständig gewesen. Darin stimmen alle überein. „Besonders die Buben“, meint Rüth. Wenn der Jahrgang an die Jugendzeit zurückdenkt, fallen immer wieder Worte wie „Rock ’n’ Roll“ und „Petticoat“. „Wir haben unsere Röcke über Nacht in Lauge gestärkt, damit sie abstehen“, berichtet Dollinger vom Modediktat der 50er-Jahre. Im „Goldenen Lamm“ und gegenüber im „Ochsen“ (heute Volksbank) hätten sie im Petticoat getanzt. Über dem Gasthaus „Zum Storchen“ direkt neben dem Pfarrhaus in der Raiffeisenstraße seien sie ins Kino gegangen. „Für 50 Pfennige Eintritt pro Person konnten wir Händchen halten und knutschen“, schwärmt Haerth von heimlichen Jugendlieben. Vielleicht deshalb kann sie sich nur noch an einen einzigen Filmtitel erinnern: „Die drei von der Tankstelle.“ Aufgeklärt worden sei damals kein Dudenhofener Kind, sagt sie. „Wir dachten, dass wir vom Küssen schwanger werden.“