Speyer
Cyanobakterien in Binsfeldseen: Vögel sind nicht das Problem
Der Blick des gebürtigen Speyerers schweift bei der November-Zählung über den Binsfeldsee. Zusammen mit seinem Kollegen Jürgen Walter, dem Vorsitzenden des städtischen Beirats für Naturschutz, hält er Ausschau nach Enten, Gänsen und weiteren Wasservögeln. Die Zahlen melden die beiden Naturschützer an den Neuhofener Thomas Dolich, der die Internationale Wasservogelzählung in Rheinland-Pfalz koordiniert. Alle drei gehören der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz (Gnor) an.
Zahlreiche Kanadagänse, ein halbes Dutzend Nilgänse, sogar eine Hybridform (Kreuzung) aus Kanada- und Graugans sowie einige Blässhühner notieren Keller und Walter bei milder Luft und Sonnenschein für den Binsfeldsee. „Wenn es kälter wird, dann kann man auf den Seen mehrere Hundert Wasservögel beobachten“, weiß Gnor-Präsident Keller, der in Dudenhofen aufgewachsen ist. Sehr zahlreich können Blässhühner und Reiherenten dort vorkommen.
Aus Sicht des promovierten Biologen tragen die beiden Wasservogelarten nicht zur Nährstoffanreicherung in den Binsfeldseen bei – wozu er in erster Linie Stickstoff- und Phosphorverbindungen zählt. Blässhühner und Reiherenten nehmen ihre Nahrung aus den Gewässern auf und sie setzen ihren Kot auch in diese ab. „90 Prozent von dem, was sie fressen, kommt hinten wieder raus“, verdeutlicht Keller. Zur Nahrung der Blässhühner zählen Schilf, Wasserpflanzen, Schnecken, Muscheln und Insekten. Reiherenten ernähren sich überwiegend von Muscheln und Schnecken, die sie tauchend erbeuten.
Gänse neutral, Kormoran gut
Die verschiedenen Gänsearten wiederum würden zwar an Land fressen, vorwiegend Gräser auf Äckern und Grünflächen, doch sie würden ihr Geschäft auch dort und nicht in Gewässern verrichten. „Gänse ziehen sich aufs Wasser zurück, weil sie dort vor vielen Feinden wie dem Fuchs sicher sind“, erklärt Biologe Keller. Insgesamt habe diese Vogelgruppe ebenso wie Blässhühner und Reiherenten ein neutrales Verhältnis zum Nährstoffgehalt von Gewässern. Bei einigen fischfressenden Vögeln wie dem Kormoran sei diese Bilanz sogar negativ: Das heißt, diese Arten entziehen durch den Fang von Fischen dem jeweiligen Gewässer Nährstoffe, weil sie ihren Kot an Land absetzen.
Fische, die nicht gefüttert werden, verhalten sich laut Keller im Prinzip ebenfalls neutral zum Nährstoffgehalt eines Stillgewässers. Sie fressen, was sowieso schon im See lebt, und scheiden rund 90 Prozent davon in das Gewässer aus. „Wenn der Mensch aber Fische füttert, dann bringt er zusätzliche Nährstoffe in einen See hinein“, sagt der Naturschützer. Denn, selbst wenn die Fische das Futter ganz auffressen, so landet über den Kot der Schuppenträger am Ende doch wieder fast alles im Wasser.
Vergiftungen von Wasservögeln selten
Der Vorsitzende des Angelsport- und Fischzuchtvereins (ASFV) Speyer, Ralf Pfeiffer, hatte argumentiert, dass man seit Jahren mit ausschließlicher Körner-Fütterung keinen Einfluss auf den Nährstoffgehalt im Pachtgewässer Kuhuntersee nehme. Klar ist, dass die Angler durch den Fischfang auch wieder etwas aus dem Gewässer entnehmen; einen relativ geringen Teil allerdings. Keller sieht außer in der Fischfütterung auch in Blättern von Gehölzen am Ufer eine Menge an organischem Material, das in den Seen landet. „Die Gehölze sind in den vergangenen Jahren mehr geworden. Das ist nicht zu unterschätzen“, sagt Keller. Wobei er unterstreicht, dass ökologische Zusammenhänge sehr komplex seien, und es auch noch andere Einflussfaktoren gebe – wie etwa den sinkenden (Grund)Wasserstand und die steigenden Temperaturen.
Unstrittig unter Fachleuten ist, dass Algen- und Bakterienwachstum durch hohe Phosphat- und Stickstoffgehalte gefördert wird. Durch Gifte, die Cyanobakterien enthalten, sind laut Medienberichten sechs Hunde gestorben, die im vergangenen Sommer im belasteten Neuenburgersee in der Schweiz gebadet hatten. 2017 und 2019 starben durch solche Toxine auch Tiere in Seen in Berlin und in Bayern. Biologe Keller sagt: „Manche Arten von Cyanobakterien produzieren Eiweißstoffe, die die Leber von Säugetieren wie dem Menschen, aber auch von Vögeln nicht abbauen kann. Damit sind sie giftig.“ Wobei Vergiftungen von Wasservögeln selten vorkämen. Sie nähmen solche Algen eher zufällig und dann meist nur in geringen Mengen auf.