Speyer
Corona-Todesfälle: Auf das schriftliche Dokument kommt es an
Die Diskussion gibt es, seit das neuartige Virus Opfer fordert. Manche Bürger meinen, es würden zu viele Verstorbene vermeldet, andere sagen zu wenige. Für die Stadt Speyer standen in der Landesstatistik lange zwei Todesfälle, dann wurde die Anzahl zeitweise sogar auf eins verringert, bevor es in den vergangenen Wochen schnell auf bis Donnerstag 15 Fälle in die Höhe ging. Dabei haben allein Salier-Stift, Storchenpark und Awo-Seniorenhaus Burgfeld von insgesamt 30 Bewohnern berichtet, die zuletzt infiziert waren und inzwischen verstorben sind.
Die Diskussion geht oft darum, ob die Menschen „an, mit oder nach“ Corona verstorben sind. Das Landesuntersuchungsamt schreibt zu seiner Statistik, in der die 15 Fälle stehen: „Als ,verstorben’ gelten Fälle, die als ,an’ und ,mit’ Covid-19 verstorben übermittelt wurden.“ Dabei könnte die Übermittlung der Knackpunkt sein. Zum einen gibt es teilweise Zeitverzug bei den Meldungen, von dem etwa am Mittwoch der Kreis Germersheim sprach, als er zwölf zusätzliche Todesfälle auf einmal hatte. Laut Gesundheitsamt des Rhein-Pfalz-Kreises kann außerdem die Prüfung der Meldungen etwa aus den Seniorenheimen für „zeitliche Abweichungen“ sorgen.
Eine Frage der Quelle
Der zweite Punkt ist, dass das Gesundheitsamt nicht jeden Fall als Corona-Toten für die Landesstatistik weitergibt, über den etwa ein Heimleiter auf Presseanfrage so berichtet. Tilo Meinke von der Verwaltung des Rhein-Pfalz-Kreises, bei der das vorderpfälzische Gesundheitsamt angesiedelt ist: „Die Frage ist, welche Quelle die Heimleiter für ihre Aussage nutzen.“ Voraussetzung für das Amt seien „valide Unterlagen, aus denen eindeutig hervorgeht, dass die Todesursache Corona war oder der Tod mit einer Corona-Infektion einherging“. Das könne zum Beispiel der entsprechende Eintrag auf einem Totenschein sein. Insofern ist es wieder vom jeweiligen Arzt abhängig, ob dieser das C-Wort tatsächlich vermerkt oder eine andere Ursache, etwa Herzversagen.
Im Fall des Salier-Stifts hatte Geschäftsführer Bernd Meurer davon berichtet, dass mehrere Verstorbene ihre Infektionen zum Zeitpunkt des Todes bereits überwunden hatten. Sie gehen dann ebenso wenig in die Statistik ein wie Personen, bei denen es etwa schwere Vorerkrankungen gab und die nach einer Infektion, aber mit nicht genau zuordenbarer Ursache verstorben sind. „Obduktionen fanden nicht statt“, erläutert dazu Christian Rahner, Leiter des von zwölf Todesfällen betroffenen Awo-Hauses in Speyer-West.
RHEINPFALZ-Kommentar von Patrick Seiler: Bittere Realität
Es mag unbefriedigend sein, aber letztlich ist die Übereinstimmung aller Corona-Statistiken weder zu erreichen noch das Entscheidende.
Vielleicht ist es passend, dass gerade die Abweichungen zwischen den Berichten der Seniorenheime und den offiziellen Statistiken darauf aufmerksam machen: Es ist nicht ganz genau feststellen, wie viele Opfer die Pandemie fordert. In den Altenheimen ist das Sterben nämlich alltäglicher als in fast allen anderen Gesellschaftsbereichen, in denen die meisten davon wenig mitbekommen. Wer jedoch in einer solchen Einrichtung arbeitet oder wohnt, erfährt schon mal von zehn Todesfällen im Monat. Selbst vor Corona. Und nicht immer erfährt er die genaue Ursache. Das ist die bittere Realität – auch in einer Zeit, die nach Zahlen und nach Sicherheit giert.