Speyer
Corona-Infizierte wiegen sich teilweise in falscher Sicherheit
Als er Anfang des Jahres als Chefarzt des St.-Vincentius-Krankenhauses in den Ruhestand ging, wollte er eigentlich ein ganzes Jahr lang verreisen: Klaus-Peter Wresch, der medizinische Fachberater der Stadt Speyer. Corona hat das vereitelt. Seither ist er im ehrenamtlichen Dauereinsatz, hilft der Stadt bei der Pandemie-Bewältigung, koordiniert auch aktuell den Betrieb des am Freitag wieder hochgefahrenen Abstrichzentrums in der Halle 101. Als er am Dienstag einen Überblick über die Testresultate vom Freitag hatte, bestätigte sich die am Vortag absehbare Tendenz: Von 80 Tests waren 26 positiv, eine Quote von 33 Prozent.
14 Betroffene kamen laut Stadtverwaltung aus Speyer, neun aus anderen Gebietskörperschaften im Zuständigkeitsbereich des Ludwigshafener Gesundheitsamts. Am Montag, dem zweiten Öffnungstag, wurden 86 Personen abgestrichen; hier standen die Ergebnisse am Dienstag noch aus. „Die 33 Prozent haben mich selbst überrascht, im Frühjahr hatten wir Positivraten von höchstens zehn Prozent“, sagt Wresch. Er ist seit Beginn dieser Woche im Dauereinsatz, um den Getesteten über die Befunde zu informieren und ihnen Verhaltenstipps zu geben.
In Speyer wird mehr beraten
„Die deutlichen Anstiege bringen Probleme und erschweren dem Gesundheitsamt die Kontaktnachverfolgung. Deshalb machen wir im Gegensatz zu anderen Abstrichzentren auch eine richtige Beratung“, betont Wresch. Er hat mit den Neuinfizierten gesprochen und ahnt, warum Speyer wie der Rhein-Pfalz-Kreis zu Risikogebieten geworden sind: Viele Infektionen seien auf das Arbeitsleben zurückzuführen. Die Regeln für den Kundenkontakt der Mitarbeiter seien gut und würden meist beachtet, wenn jedoch im Büro der Kollege am Schreibtisch aufgesucht werde, dann werde oft keine Maske getragen – was das Risiko erhöhe. „Der überschaubare Arbeitsbereich mit den direkten Kollegen wird von vielen ebenso wie die Familie für sicher gehalten. Letztlich sind es aber beide nicht“, sagt der Mediziner.
Dabei habe sich in Speyer weder ein Betrieb noch eine Veranstaltung als besonders problematischer Hotspot herauskristallisiert, so Wresch wie auch Tilo Meinke, Sprecher des Rhein-Pfalz-Kreises, zu dem das zuständige Gesundheitsamt gehört. Er ordnet ein: „Hotspots im Sinne von örtlich begrenzten, massenhaft auftretenden Infektionen sind nicht Ursache der aktuellen Entwicklungen. Vielmehr ist das aktuelle Infektionsgeschehen auf Zusammenkünfte oder Feiern im familiären Bereich und daraus folgende Nähe zurückzuführen oder die mangelnde Umsetzung der Abstands- und Verhaltensregeln. Eine bestimmte Ursache ist demnach nicht zu nennen.“
Unterschiede zur Fußball-Bundesliga
Klaus-Peter Wresch musste in den vergangenen Tagen mehrfach Hoffnungen zerstreuen, die Getesteten könnten doch „falsch positiv“ sein, wie es von getesteten Fußballprofis zuletzt mehrfach vermeldet worden war. Der Unterschied liege im Testverfahren, erklärt er: In der Halle 101 würden unter Laborbedingungen Abstriche entnommen und wiederum in einem Labor in einer sogenannten PCR-Testung auf mindestens zwei Virusbestandteile untersucht. Die Schnelltests für Fußballer lieferten hingegen mittels Farbumschlag binnen 15 Minuten ein Ergebnis, das weniger verlässlich sei. Daher seien wohl auch einige Bundesliga-Stars mit „falsch negativen“ Tests am Ball. „Bei unserer Test-Form gilt: Positiv ist positiv, und positiv ist infektiös“, betont Wresch.
Das Abstrichzentrum war am Anschlag an den ersten zwei Öffnungstagen, so der Arzt. Er war jeweils mit einem Kollegen sowie vier weiteren Helfern im Einsatz. „Nur mit Ehrenamtlichen ist das nicht mehr möglich“, sagt er. Er begrüßt es, dass die Einrichtung ab 1. November – wie überall – in die Verantwortung einer Klinik wechselt. Im Speyerer Fall treffe das Vincentius-Krankenhaus gerade die Vorbereitungen, so die Stadt. Wresch wird auch in der neuen Konstellation „an Bord“ bleiben. Verreisen ist derzeit eh nicht ...