Speyer Bauernjunge erschießt versehentlich Säugling
«Harthausen.»Neben Freude und Glück gehören auch Tragödien zum Leben. Eine solche ereignete sich vor rund 240 Jahren in Harthausen: Am 22. Mai 1777 wurde ein Kind, das zur Taufe getragen wurde, von einem Bauernjungen erschossen. Das ganze war ein Versehen, denn der Junge wollte seiner Braut zu Ehren, die das Kind trug, Schüsse aus einer Pistole abgeben. Ein Schuss traf das Kind in den Hals.
So steht es in einer mehrbändigen wissenschaftlichen Publikation von Johann Peter Frank. Er war „Hochfürstlich speierischer Geheimrat und Leibarzt“, später Professor in Göttingen und Pavia sowie Generaldirektor des Medizinalwesens in der österreichischen Lombardei. Gleich mehrere Fragen gehen einem hier durch den Kopf: Wer war dieses Kind? Wer waren seine Eltern? Was können wir über das schlimme Ereignis heute noch in Erfahrung bringen? Wie konnte so etwas überhaupt passieren? Für die Spurensuche ist es naheliegend, zuerst in dem 2007 erschienenen Familienbuch der Ortsgemeinde Harthausen zu suchen, verbunden mit der Hoffnung, dass sich neben dem Todestag auch ein konkreter Hinweis auf das Unglück befindet. Am Ende der Durchsicht des über 700-seitigen Werkes stehen als Ergebnis fünf in Frage kommende Kinder: •Johann Philipp Bettag, geb. 24. März 1777 (Todesdatum nicht vermerkt). Er war der Sohn des aus Otterstadt stammenden Schafhirten Johann Nikolaus Bettag und von Margaretha Bettag, geb. Jäger. •Johann Michael Engelhardt, geb. 20. März 1777 (Todesdatum nicht vermerkt). Er war der Sohn des aus Kronau stammenden Schneiders Philipp Adrian Engelhard und von Anna Maria Engelhard, geb. Jäger. •Maria Barbara Müller, geb. 4. April 1777 (Todesdatum nicht vermerkt). Sie war die Tochter des aus Neudorf stammenden Steuerverwalters (in Speyer) Johannes Müller und von Anna Maria Müller, geb. Walter. •Anna Barbara Hoffmann, geb. 10. Mai 1777 (Todesdatum nicht vermerkt). Sie war die Tochter von Heinrich Hoffmann und der aus Hanhofen stammenden Mutter Maria Eleonore Hoffmann, geb. Schön. •Franz Steiger, geb. 22. Mai 1777 (Todesdatum 22. Mai 1777). Er war der Sohn von Johann Georg Steiger und der aus Waldsee stammenden Maria Barbara Steiger, geb. Reis. Vieles deutet darauf hin, dass der kleine Franz Steiger das getötete Baby ist. Das bestätigt auch eine mikroverfilmte Kopie des Taufbuches aus dieser Zeit. Damit steht fest, dass der kleine Franz Steiger am gleichen Tag gestorben ist, an dem er auch geboren wurde. Für die Familie Steiger (Johann Georg und Maria Barbara heirateten 1766 in Waldsee) war Franz bereits das siebte Kind gewesen. Von diesen starben schon kurz nach der Geburt allein vier Kinder. Insgesamt hatten die Eheleute Steiger 13 Kinder (neun Jungen, vier Mädchen). Das war in jener Zeit keine Seltenheit, doch dass ihnen davon innerhalb der ersten Lebensmonate elf Kinder starben, ist an Tragik und Schmerz kaum vorstellbar. Dass die Taufe noch am Tag der Geburt stattfand, war damals nicht ungewöhnlich. Bei ihrer vorletzten Geburt brachte Maria Barbara Steiger sogar Zwillinge zur Welt, die ebenfalls nach wenigen Wochen verstarben. Nur zwei Ihrer Kinder wurden älter als zwei Jahre: Johannes kam 1769 zur Welt und starb mit 75 Jahren, Johann wurde 1774 geboren und 85 Jahre alt. Johann Georg verstarb 1808 in Harthausen, Maria Barbara Steiger 1818. Ihre letzte Ruhe fanden sie auf dem dortigen Friedhof, der damals noch um die Kirche lag. Ein tragisches und schwer geprüftes Familienleben nahm ihr Ende, das ohne die Aufzeichnungen von Johann Peter Frank heute völlig in Vergessenheit geraten wäre.