Speyer „Bachs Musik dringt in die Seele“
Zwei der berühmten Solokantaten von Bach, „Ich habe genug“ und „Vergnügte Ruh’, beliebte Seelenlust“, singt am Donnerstag, 21. September, 20 Uhr, der Countertenor Andreas Scholl in der Krypta des Speyerer Doms. Bei diesem Konzert der Internationalen Musiktage begleitet ihn das Barockorchester L’arpa festante unter Domkapellmeister Markus Melchiori. Unser Redakteur Karl-Georg Berg sprach im Vorfeld mit dem Sänger.
Ich kann mich von den Texten, die ich singe, nicht distanzieren. Ich muss sie überzeugend und sinnvoll interpretieren. Der greise Simeon sagt „ich freue mich auf meinen Tod“, denn nachdem er den Heiland gesehen hat, ist er erfüllt und kann mit Glück von dieser Welt scheiden. Das ist als Affekt doch gut nachvollziehbar. Bach ist ein Schwerpunkt ihres Repertoires. Wie nahe ist Ihnen diese Musik? Bachs Musik dringt in die Seele. Es ging Bach darum, in seinen Kantaten der biblischen Botschaft musikalisch eine tiefere Dimension zu geben. Es ging ihm um Seelenrettung. Und seine Musik berührt uns deshalb unabhängig von unserer eigenen Haltung zur Religion noch heute. Man muss nicht glauben, um sich von seiner Musik berühren zu lassen. Der Missionscharakter wird bei ihm transzendiert. Er bietet mehr als musikalischen Genuss, es ist immer ein spiritueller Moment dabei. Händel ist ein anderer Komponist, von dem Sie viel singen. Gibt es bei Gesangstechnik Unterschiede im Vortrag der Musik von Bach und Händel – und, wenn ja, welche? Es gibt sehr große Unterschiede. Händel war ein Stimmenliebhaber, der immer wusste, für wen er schreibt. Die Partien sitzen deshalb ihren Interpreten wie ein Maßanzug. Ich singe viele seiner Partien für den Kastraten Senesino, und da ich die gleiche Lage habe wie dieser, weiß ich von vorneherein, dass mir diese Rollen stimmlich liegen. Bach dagegen schreibt kompromisslos und ist eine Herausforderung. „Meine Musik muss maximalen Ausdruck haben“, ist gleichsam seine Maxime. Ihr Repertoire reicht vom Mittelalter bis zur Popmusik. Was singen Sie am liebsten? Bach ist mein Lieblingskomponist. Aber ich komme gerne zurück auf das englische Lautenliedrepertoire. Da fühle ich mich wie ein Fisch im Wasser. Das ist etwas ganz Intimes und Subtiles, wo es überhaupt nicht auf Vokalartistik oder Show ankommt. Ihr Stimmfach hat sich in jüngster Zeit rasant entwickelt. Wo sehen Sie Chancen oder auch Gefahren? Es kommt immer darauf an, dass ein Sänger gut kommuniziert und mit Kopf und Herz singt. Dass ein Mann hoch singt, sollte nicht zur Attraktion veräußerlicht werden, auch wenn das schon im Barock ein Teil des Konzepts war. Es geht nicht um Rollenspiele, sondern bei der Gestaltung von Opernpartien um Menschsein, nicht Mannsein. Die musikalische Intelligenz ist entscheidend. Sie waren vor einem Jahr schon einmal zu einem Konzert im Dom. Nun singen Sie in der Krypta vor den Kaisergräbern. Wie empfinden Sie den Ort und hat er für Sie eine besondere Aura? Der Dom ist ein wunderschöner Ort. Natürlich hat jeder Kirchenräume, die ihm besonders nahe sind. Bei mir sind das die Basilika St. Valentin in Kiedrich und Kloster Eberbach. Es ist viel schöner Bachkantaten in einer Kirche als im Konzertsaal zu singen. Das kann auch die Wirkung auf das Publikum beeinflussen. Sie haben Ihre musikalische Laufbahn in einem Knabenchor begonnen. Auch am Dom gibt es Kinder- und Jugendchöre. Wie wichtig ist für Sie Singen in der Entwicklung eines Kindes? Würden Sie Eltern raten, ihr Kind in einem Chor singen zu lassen? Das wäre eine ganz positive Entscheidung. Singen ist extrem wichtig für Kinder und wird leider in den Schulen viel zu wenig gepflegt. Das Singen in einem Chor kann Kindern nur unglaublich gut tun. Sie lernen Teamplayer zu werden, ihren Platz in der Gruppe zu finden, aber bei Soli auch Verantwortung zu übernehmen. Sie lernen, dass Erfolg und Lernen einen langem Atem brauchen. Ich verbinde meine Zeit im Knabenchor mit tiefen Erinnerungen. Mit meinen Mitsängern von einst fühle ich mich, erst recht, seit ich wieder im Rheingau lebe, wie in einer Bruderschaft verbunden. Vorverkauf Eintrittskarten gibt es bei den RHEINPFALZ-Servicepunkten und beim RHEINPFALZ-Ticketservice unter 0631 37016618 sowie im Internet: www.rheinpfalz.de/ticket.