Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Autobahnkanzlei Schwegenheim: Ein Herz für Trucker

Vor ihrem Arbeitsplatz: Jennifer Weber (links) und Heike Herzog vor dem Container der Autobahnkanzlei in Schwegenheim.  Foto: Le
Vor ihrem Arbeitsplatz: Jennifer Weber (links) und Heike Herzog vor dem Container der Autobahnkanzlei in Schwegenheim.

Auf dem Autohof am Rand von Schwegenheim steht auf der linken Seite ein etwas unscheinbarer grauer Container. Zwei Frauen haben dort ihren Traumjob gefunden. Anwältin Heike Herzog und Rechtsanwaltsfachangestellte Jennifer Weber arbeiten in der Autobahnkanzlei.

Heike Herzog hat „den Sprung ins kalte Wasser“ vor sechs Jahren nicht bereut. Damals eröffnete Rechtsanwalt Peter Möller die Autobahnkanzlei in Schwegenheim. „Ich konnte mich sehr schnell für seine Idee begeistern“, sagt die 46-Jährige. Möllers Idee sei es, der benachteiligten Berufsgruppe der Lkw-Fahrer zu helfen. Benachteiligt seien die Fahrer deswegen, weil sie von allen gehasst werden. „Sie fahren zu langsam auf der Landstraße, und auf der Autobahn stören sie auch. Sie bringen zwar unsere Waren in die Geschäfte, aber beliebt sind sie nicht“, sagt Herzog.

„Lkw-Fahren ist ein Knochenjob“

Heike Herzog und Jennifer Weber sind in Schwegenheim für Rheinland-Pfalz, das Saarland, Baden-Württemberg, einen angrenzenden Bereich von Bayern und manchmal auch für Fälle in Hessen zuständig. Bevor sie den Job antrat, sei sie ein paar Tage mit in einem Lkw gefahren, um „das Feeling zu bekommen“. Das sei Voraussetzung für einen Anwalt, um bei der Autobahnkanzlei zu arbeiten, sagt Herzog. Lastwagen-Fahren bezeichnet sie als Knochenjob, der sehr schlecht bezahlt sei. Mit den Ruhepausen würden die Fahrer 15 Stunden pro Tag arbeiten und alles sei durch die EU abgesegnet, kritisiert die Rechtsanwältin.

Sie vertritt vor Gericht zu 80 bis 90 Prozent Lkw-Fahrer. Dabei ginge es vor allem um Verstöße gegen Geschwindigkeitsbeschränkungen und Abstandsregeln sowie das Überfahren einer roten Ampel. Fahrer aus dem Ausland seien nur wenige vertreten. Das habe auch damit zu tun, weil gegen ausländische Fahrer bei einem Verstoß seltener vorgegangen werde – sehr zum Ärger der deutschen Fahrer, sagt Herzog. Das liege daran, dass sich die Bußgeldstelle bei einem ausländischen Kennzeichen erst an die Behörde in dem jeweiligen Land wenden müsse. Wenn dann doch mal ein ausländischer Fahrer im Kanzlei-Container auftauche, helfen sich die Frauen mit dem Google-Übersetzer weiter – oder derjenige bringe gleich einen deutschen Kollegen mit, der übersetzen könne, erzählen sie.

In 80 Prozent der Fälle gelinge es ihr, das Verfahren zu beenden, ohne dass ihr Mandant einen Punkt in der Verkehrssünderdatei in Flensburg bekomme, sagt Herzog. Das ist für die Trucker wichtig, denn mit dem achten Punkt verlieren sie ihren Führerschein für mindestens sechs Monate und damit auch ihren Job. „Das sind keine notorischen Raser. Das machen die wenigsten mit Absicht“, sagt Rechtsanwaltsfachangestellte Weber. Und Herzog weist darauf hin, dass die Trucker jeden Tag auf der Straße fahren und damit die Chance größer sei, geblitzt zu werden, als bei einem Rentner, der nur 5000 Kilometer pro Jahr fahre.

Blitzerfalle: Rheinbrücke

Herzog hat ein Beispiele parat: Eine Stelle, die vielen Lkw-Fahrern vor etwa einem Jahr Bußgeldbescheide eingebracht und der Anwältin zehn Verfahren beschert habe, sei die B10 von Karlsruhe nach Wörth gewesen. Auf der Rheinbrücke dürften Lastwagen 60 Kilometer pro Stunde fahren, nach der Brücke stehe dann ein Schild mit Tempo 80. „,Super, dann fahre ich jetzt 80’, haben sich viele Fahrer gedacht und sind geblitzt worden“, erzählt die 46-Jährige. Die Verfahren habe sie gewonnen, weil sie beweisen konnte, dass die Beschilderung verwirrend gewesen sei, erzählt sie. Um die Trucker aus ihrer misslichen Lage zu befreien, schaut sich Herzog die Stelle vor Ort an, misst auch mal Abstände zwischen Schildern und dem Blitzgerät nach oder überprüft die Induktionsschleifen in der Fahrbahn für die Ampelschaltung. „Ich suche das Haar in der Suppe“, sagt sie.

Die 46-Jährige schätzt an ihrem Job, dass sie immer wieder neue Rätsel lösen muss, obwohl sich der Tatbestand häufig wiederhole. Außerdem seien die Mandanten entspannter. Früher war sie im Familienerbrecht tätig und dort seien die Parteien zerstrittener, vergleicht Herzog. Das Klischee, dass Lkw-Fahrer einfache Menschen seien, kann die Anwältin nicht bestätigen. Sie habe vom ungelernten Hilfsarbeiter bis zum Diplom-Ingenieur schon alle Menschen als Lastwagen-Fahrer erlebt. „Sie haben ihr Herz am rechten Fleck“, ist Herzog überzeugt. Das kann auch ihre Kollegin bestätigen: „Ich habe das Gefühl, dass sie manchmal einfach nur etwas los werden wollen. Sie sind viel allein unterwegs und da tut es gut, wenn sie auch nur auf eine Tasse Kaffee bei uns vorbei kommen“, erzählt die 44-jährige Weber über die Trucker.

Sie arbeitet seit drei Jahren bei der Autobahnkanzlei in Schwegenheim. „Das ist hier nicht schickimicki. Ich bin auch nicht der Typ, der sich stylt. Ich komme in Jeans und auch mal in kurzen Hosen. Wenn ich mich hier mit einem Kostüm reinstellen würde, kommt kein Trucker rein“, sagt die Rechtsanwaltsfachangestellte, die in Gommersheim wohnt. Ihr gefällt ihr einfacher Arbeitsplatz im Container – dass die beiden Frauen auch mal selbst ein Regal aufbauen müssen und nicht auf Mahagoni-Möbeln sitzen.

Zur Sache: Die Kanzleien liegen nah am Mandanten

Die erste Autobahnkanzlei hat Peter Möller vor zwölf Jahren im fränkischen Berg an der A9 eröffnet. Es folgten Zweigstellen in Mellingen (Thüringen), Schwegenheim, Wiesbaden, Wilnsdorf (Nordrhein-Westfalen) und Neustadt/Glewe (Mecklenburg-Vorpommern). Alle liegen an Autobahnen – „nah am Mandanten“ –, wie Rechtsanwältin Heike Herzog sagt, denn Lkw-Fahrer kämen mit ihren Fahrzeugen nicht so einfach zu Kanzleien in den Innenstädten. Viele Gespräche verliefen aber auch über das Telefon. „Ich kenne viele Mandanten nur telefonisch. Sie sind froh, dass sie nicht anhalten müssen“, sagt Herzog. Insgesamt beschäftigt die Autobahnkanzlei in der Zentrale in Kromsdorf (Thüringen) und in den Zweigstellen acht Anwälte und 30 weitere Mitarbeiter. Pro Jahr haben sie nach Angaben von Herzog zusammen 3000 Mandate.

Kontakt

Autobahnkanzlei Schwegenheim, Speyerer Straße 24, auf dem Tankhof-Gelände, Telefon 06344 9537873, Fax 06344 9537852, E-Mail: schwegenheim@autobahnkanzlei.de, Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 10 bis 18 Uhr, danach können Kontaktdaten in den Briefkasten geworfen werden. Die Erstberatung ist kostenlos.

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