Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Ausstellung lässt legendäre Männerrunde wieder aufleben

Begeistert von der Ausstellung in den Räumen der VR-Bank: Hanne Gruber (Mitte) und ihre Töchter Katrin Schäubert (links) und Car
Begeistert von der Ausstellung in den Räumen der VR-Bank: Hanne Gruber (Mitte) und ihre Töchter Katrin Schäubert (links) und Carolin Gruber.

In der VR-Bank Speyer ist eine Schau über einen einst stadtbekannten Stammtisch eröffnet worden. Ein Buch dazu soll in Kürze folgen. Die letzte „Pfalzgräfin“ erinnert sich.

Längst nicht mehr alle Speyerer kennen heute noch die Geschichte der „Pfalzgrafen“ und ihrer „Burg zur schwarzen Amsel“. Hanne Gruber weiß darüber genau Bescheid. Ihr Mann Magnus „Gips“ Gruber war neben Titus Becherle, Hugo Rölle, Alfred Schäfer und Peter Nahstoll einer der fünf Gründer. 1946 hat sich die Runde in Speyer als Stammtisch etabliert. Die 90-Jährige ist „die letzte Überlebende der Pfalzgrafen“. So nennt sie jedenfalls Carolin, eine der drei Töchter des Ehepaars Gruber.

Gemeinsam mit ihrer Mutter wohnt sie im Haus der Familie in der „Grubergass“. Die Gasse findet sich auf keinem offiziellen Stadtplan. Die amtliche Adresse der kleinen Stichgasse ist die Eichendorffstraße. Die Idee zum Namen hatten die Pfalzgrafen zu Ehren ihres Freunds. Das Straßenschild am Haus des 1988 mit nur 62 Jahren verstorbenen Besitzers ist ein Geschenk. Heute lebt noch ein „Pfalzgraf“: Oberst a.D. Rainer Faller in Wiesbaden. Er konnte nicht zur Eröffnung der Ausstellung am Donnerstagabend bei der Vereinigten VR-Bank kommen. Aber über 180 andere Gäste waren da.

Gästebücher bewahrt

Im Keller des Hauses Gruber fanden sich die Gästebücher der Runde. „Gips“ Gruber führte, gestaltete und illustrierte sie aufwendig, verzeichnete akribisch in meisterhaft sauberer Handschrift die Anlässe der Treffen sowie oft die (Spitz-)Namen aller Gäste am Tisch. Die dicken Bände sind die Grundlage der Neubesinnung auf ihre Schöpfer, für die Ausstellung und das nun erscheinende Buch. Fritz Hochreiher, Ehrenmitglied des Verkehrsvereins Speyer (VVS), hatte von den Gästebüchern erfahren. Die Hausherrin und ihre Tochter öffnen ihm gerne den Schrank zu den Preziosen. Es ist nicht nur ein Band, es sind 22!

Hochreither hält einen Schatz in Händen: ein Stück bisher brachliegender Nachkriegsgeschichte der Stadt Speyer sowie der Stadtgesellschaft und ihrer wichtigen Akteure. Die Bände öffnen den Blick auf diese engagierte Männerrunde, die sich aus den Erfahrungen des Krieges in eine neue Zukunft aufmachen, nach vorne schauen, sich unterstützen und dabei immer Spaß haben wollten. So haben die Stammtischbrüder – allen voran „Gips“ mit seinen künstlerischen Talenten – mit Freude ihre „Burg“ selbst ausgemalt und so gestaltet, wie sie bis heute erhalten ist. Die Pfalzgrafen waren einzigartige Netzwerker, die sich nicht nur für sich selbst, sondern immer auch für andere und ihre Stadt einsetzten, wie VVS-Chef Uwe Wöhlert darlegte.

„Zum Feiern haben die Pfalzgrafen nie einen Anlass gebraucht“, erinnert sich Hanne Gruber. „Gefeiert wurde gerne und das richtig“, erzählt die gebürtige Zweibrückerin im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Geburtstage bei ihnen im Garten, Grillfeste, Straßenfeste, Schlachtfeste auf der Ganerb oder die Einweihung des Schildes außen an der Weinstube „Schwarzamsel“ sind ihr in lebhafter Erinnerung. Das Schild hatte ihr Mann bei einem Kunstschmied in München in Auftrag gegeben. Das Anbringen wurde zu einem Riesenfest in der dafür gesperrten Korngasse. Der damalige OB Christian Roßkopf hielt die Festrede. Gefeiert wurde und an den Stammtisch ging man damals noch in Krawatte und Jackett. Tochter Carolin hat die bei den Festen entstanden Kamerafilme aus dem Nachlass ihres Vaters digitalisiert.

Frühschoppen war gesetzt

„Der Frühschoppen am Sonntagmorgen in der Schwarzamsel war gesetzt“, betont Gips’ Frau. Um 13 Uhr dampften dann Schweinebraten, Knödel und Rotkraut – sein Lieblingsessen – zu Hause auf dem Tisch. Der Hausherr fehlte in der Regel. „Dann musste ich mit dem Rad zur ,Burg’ und ihn holen“, sagt Carolin. Er kam nicht immer sofort mit. Nur wenn er Sonntagsdienst hatte – Gruber war RHEINPFALZ-Redakteur – folgte er schneller. Um 14 Uhr musste er nach Ludwigshafen in die Redaktion.

Frauen hatten am Stammtisch eher wenig verloren. „Wir haben uns aber alle vier Wochen an unserem eigenen Stammtisch getroffen, in der Schwarzamsel oder im Pfalzgraf“, berichtet sie. Immer dabei waren „Pfalzgräfinnen“ bei Wochenendtrips nach München. „Das waren noch Zeiten“, sagt Hanne Gruber. Sie freut sich über die neue Form der Wertschätzung des Stammtischs und seiner Mitglieder.

Zur Sache: Die Pfalzgrafen-Ausstellung

Eröffnung: Die Idee zur Pfalzgrafen-Ausstellung hatte der Vorstandssprecher der VVR-Bank, Till Meßmer. In ihrem Grußwort zeigte sich Kulturbürgermeisterin Monika Kabs (CDU) „schwer beeindruckt“ von den Selbstbildnissen der Pfalzgrafen als Scherenschnitte. VVS-Chef Uwe Wöhlert hob in seiner Einführung über die von 1946 bis 2006 existierende Gruppe hervor: „Eine Präsenzpflicht gab es nie. Man traf sich jeden Sonntagmorgen und jeden Feiertag außer Karfreitag und Allerheiligen. Bemerkenswert, oder?“

Ausstellung: Bis 28. März während der Geschäftszeiten in der Hauptstelle der VVR-Bank, Bahnhofstraße 20.

Buch: Das vom VVR mit dem Redaktionsteam Susanne und Norbert Kühner sowie dem Grafiker Roland Brönner gestaltete, reich bebilderte 252-Seiten-Werk zum Preis von 19.80 Euro soll Ende März verfügbar sein. Vorbestellungen an den Verkehrsverein Speyer, Kleine Pfaffengasse 20, info@verkehrsvein-speyer.de, Telefon 06232 620490. Im Netz: www.verkehrsverein-speyer.de.

Die Macher vom Verkehrsverein: Fritz Hochreither (links) und Uwe Wöhlert.
Die Macher vom Verkehrsverein: Fritz Hochreither (links) und Uwe Wöhlert.
Farbenfroh: Blick auf die Exponate.
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In der Vitrine: sorgsam bewahrte Erinnerungen.
In der Vitrine: sorgsam bewahrte Erinnerungen.
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