Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Astrid Fieke vom Pfalz-Kolleg und ihre Ideen gegen rückläufige Schülerzahlen

Chemieunterricht am Kolleg: Die stellvertetende Schulleiterin Astrid Fieke (Zweite von rechts) besucht die Einführungsklasse von
Chemieunterricht am Kolleg: Die stellvertetende Schulleiterin Astrid Fieke (Zweite von rechts) besucht die Einführungsklasse von Ute Partsch.

Das Pfalz-Kolleg in Speyer hat seit Jahren rückläufige Schülerzahlen. Das müsste nicht so sein, meint die stellvertretende Leiterin Astrid Fieke im Interview.

Frau Fieke, wie entwickeln sich die Schülerzahlen am Kolleg als Einrichtung des zweiten Bildungswegs?
Wir haben derzeit knapp 70 Schüler. Zuletzt war die Tendenz rückläufig. Im nächsten Schuljahr könnten es ein paar mehr werden. Die Kapazitäten sind größer, aber es gibt etliche Herausforderungen vom großen Einzugsgebiet bis weit in die Westpfalz bis zur gesellschaftlichen Entwicklung.

Die Geografie ist ja schwer zu verändern, aber wie meinen Sie das mit der gesellschaftlichen Entwicklung?
Ich habe immer stärker den Eindruck, dass Bildung in der heutigen Zeit nichts mehr zählt. Im Hinblick auf den klassischen Fächerkanon herrscht die Mentalität vor, dass man das nicht mehr braucht und stattdessen Fächer wie Glück, Gesundheit, Nachhaltigkeit oder Steuererklärung eingeführt werden sollten. Die klassischen Fächer haben nicht nur inhaltlich ihre Berechtigung, sondern auch für die Gehirnentwicklung: Der Gehirnmuskel will angestrengt werden.

Und deshalb scheuen potenzielle Neuzugänge die Anmeldung am Kolleg?
Das ist natürlich nur ein Teil der Gründe. Da kommen Corona-Nachwehen dazu oder auch die gute wirtschaftliche Lage in unserem Ballungsraum, wegen der viele Leute auch ohne höheren Schulabschluss einen Job finden können. Dass jetzt die Industrie wieder Stellen abbaut, öffnet aber einigen die Augen. Es zeigt sich schon, dass damit auch das Interesse am Pfalz-Kolleg wieder steigen könnte.

Sie hatten ja auch schon Geflüchtete im Blick als neue Zielgruppe ...
Geflüchtete lernen bei uns schon vereinzelt, aber noch nicht so viele, wie es sein könnten. Ich unterscheide Leute, die erst vor wenigen Jahren aus ihren Herkunftsländern kamen, etwa von gebürtigen Ludwigshafenern, deren Eltern Migrationshintergrund haben. Jeder hat bei uns seine Möglichkeiten, aber für Leute, die parallel die deutsche Sprache erlernen, gibt es die große Chance, hier gleich noch das Fachvokabular beigebracht zu bekommen, was den Einstieg in ein Studium unglaublich erleichtert.

Wie erreicht das Kolleg auf einem vielfältiger gewordenen Bildungsmarkt überhaupt Interessenten?
Der beste Weg ist Mundpropaganda. Gute Beispiele machen Mut, dass der schwierige Weg alle Mühe wert ist. Es gibt bei uns so viele tolle Schüler, die auf dem zweiten Bildungsweg oder auch im zweiten Lebensabschnitt etwas für sich tun wollen und ihre eigenen Potenziale heben. Ich verwende gerne das Bild: Das ist der Yoga-Kurs fürs Gehirn. Zu den klassischen Informationen über unser flexibles und kostenloses Angebot kommen natürlich inzwischen auch Facebook oder Instagram. Eine Garantie für volle Kurse haben wir aber nicht.

Kann das irgendwann zur Existenzgefährdung für das Kolleg werden?
Ich hoffe nicht, und ich höre dazu auch nichts. Mir wurde berichtet, dass schon in den 1970er-Jahren vom Damoklesschwert die Rede war, dass es das Kolleg nicht mehr lange geben könnte. Ich kann nur sagen, dass unser Angebot gut und wichtig ist. Wir sind hier neben dem Pädagogischen Landesinstitut super angesiedelt, digital zu 100 Prozent ausgestattet, haben aber auch noch Kreidetafeln – womit ich wieder bei meinem Steckenpferd wäre, denn auch die können wichtig für die Gehirnentwicklung sein, weil sie besser vernetzen. Unsere Räume lasten wir gut aus, indem wir unter anderem Klassen des Hans-Purrmann-Gymnasiums und der Volkshochschule zu Gast haben.

Zur Person

Astrid Fieke (55), Lehrerin für Deutsch, Ethik und Darstellende Kunst, ist 2016 stellvertretende Leiterin des Pfalz-Kollegs in Speyer und derzeit anstelle des erkrankten Leiters René Jarschke in der Verantwortung.

Zur Sache

Das vor 59 Jahren eröffnete Staatliche Pfalz-Kolleg und -Abendgymnasium in Speyer bietet die Möglichkeit, das Abitur oder den schulischen Teil der Fachhochschulreife auf dem zweiten Bildungsweg nachzuholen. Es wird jeweils eine einjährige Einführungsphase im Klassenverband und eine zweijährige Qualifikationsphase im Kurssystem durchlaufen. Standorte neben Speyer sind Mainz, Koblenz und Neuerburg bei Eifel, wo das Kolleg einem Gymnasium angegliedert ist.

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