Speyer
Ann-Kathrin Ast und Leonie Klein bei Speyer.Lit
„Ein bisschen besonders aufregend“ beschreibt Ast ihren Auftritt Zuhause. Sympathien drängen sich der 37-Jährigen spontan aus den Zuschauerreihen entgegen. Im Buch liegen zahlreiche Zettel. Die Lese-Auswahl ist umfangreich.
Mit Paukenschlägen eröffnet Klein den Abend, der wegen der unmittelbar zuvor in der Stadt abgehaltenen Kundgebung für Demokratie um eine halbe Stunde nach hinten verlegt worden war. Ast nimmt zum Abschluss ihrer Lesung die auch für sie wichtige Veranstaltung gegen Rechts zum Anlass, eine Passage aus ihrem Roman zu lesen, in der ihr Protagonist Beat in eine Demonstration vor der Mannheimer Oper hineingezogen wird. Ann-Kathrin Ast spricht Beat englisch, nicht wie den Schweizer Vornamen aus.
Eindrucksvolle Mimik
Doch zunächst zurück auf Anfang. Mit ganzem Körpereinsatz und eindrucksvoller Mimik steht Klein hinter ihren Instrumenten. Präzise bespielt sie die Pauke so, wie sie sonst nicht zu hören ist. Die Perkussionistin wirkt entrückt, bringt Alltagsgegenstände zum Klingen, lässt Besen kreisen, unterwirft sich ganz ihrem Rhythmus. Die 30-Jährige präsentiert Musik, die staunen lässt, Gänsehautmomente erzeugt, mitreißt.
Nahtlos schließt Ast die ersten Romanseiten an. Hastig, getrieben liest sie von Beat, der auf seinen Einsatz für das Marimba-Solo wartet. Abseits der Buchseiten stellt die Autorin ihren Protagonisten vor. Beat, der für die Musik brennt, der sich kurz vor seinem Schlagzeug-Studienabschluss auf der Suche nach dem nächsten musikalischen Kick befindet. In den folgenden Zeilen finden Himmel und Erde in Beats Instrument zusammen.
Nicht von dieser Welt
Nicht von dieser Welt sind die Klänge, die Klein mit jeder Faser ihres Körpers und ihrer Seele aus ihren Schlagwerken herausholt. An diesem Abend im Alten Stadtsaal erreicht der Untertitel der Veranstaltungsreihe SpeyerLit „Literatur, Performance, Livemusik“ optimale Bedeutung.
Literarisch trägt Ast maßgeblich dazu bei. Beat, der sich in jedem Moment am liebsten in Musik auflösen möchte, gerät aus dem Rhythmus. „Steif spielt er“, beschreibt Ast die plötzlichen Zweifel des angehenden Künstlers, die sich „anfühlen wie der Geschmack nach altem Papier im Mund“. Fortan kann Beat nicht mehr mit Musik, aber auch nicht ohne sie. Inspiriert von eigenen Erfahrungen an der Mannheimer Musikhochschule berichtet Ast von hohem Leistungsdruck und davon, dass Musikstudierende keine Bücher lesen. Ihr Debütroman spielt im Jahr der Finanzkrise 2008, in dem Jahr, in dem Beat Liebesgefühle für eine Harfinistin entwickelt und ihm das Leben gleichzeitig zu entgleiten droht. Er übt unablässig Ravels „Bolero“. Klein beherrscht den Rhythmus meisterhaft. Auf ihrer kleinen Trommel hält sie die vorgeschriebenen 14 Minuten wie ein Uhrwerk durch, springt über zu Hölzern und Schalen, begleitet vom gläsernen Metronom. Atemlos hören die Besucher zu, wünschen sich, dass der Rausch der Musik an diesem Abend Ende findet.
Aus der Zeit gefallen
Erbarmungslos erreicht Beat den nächsten Tiefpunkt, flüchtet in Traumwelten, steht vor einer geschlossenen Tür. „Was dahinter ist, kann mit eigenen Vorstellungen gefüllt werden“, empfiehlt Ast den Zuhörern, ihr Buch zu lesen. Das ist sicher ein guter Rat, dem viele folgen, noch ganz erfüllt von Musik wie aus der Zeit, aus jedem Rahmen gefallen.