Speyer Alte Geschichten im neuen Gewand
«Ludwigshafen.» Seine Kunden kämen mit den verschiedensten Anliegen in seinen Laden. „Manche lassen sich ihre Urlaubsberichte binden. Hochzeitszeitungen liegen gerade auch im Trend“, sagt der Ludwigshafener Stefan Müller, der bereits in der dritten Generation als Buchbinder arbeitet.
Der Kreativität seien keine Grenzen gesetzt. „Da werden Glasherzchen oder sogar ein halber Rebstock reingeklebt. Dafür muss man hinten im Buch Platz schaffen“, erklärt der 53-Jährige. Aber auch das sei für ihn kein Problem. Neben der Buchbinderei ist auch die Restauration alter Werke ein wesentlicher Bestandteil von Müllers Arbeit. Das Spektrum der Bücher ist vielfältig. „Das reicht vom Kinderbuch von 1950 bis zur historischen Bibel von 1650 – je nachdem, wo eben das Herz dranhängt.“ Der gebürtige Ludwigshafener bedient aber nicht nur Privatkunden. Auch für das Ludwigshafener Stadtarchiv, das Unternehmensarchiv der BASF und die Bibliothek der Firma Südzucker habe er bereits gearbeitet. Gegründet wurde die familieneigene Buchbinderei 1948 in Bad Dürkheim – damals noch von Müllers Großvater. 1965 eröffnete das zweite Geschäft in Ludwigshafen. „Ich arbeite bereits in dritter Generation als Buchbinder“, berichtet Stefan Müller. „Früher waren wir immer vier Meister und drei Lehrlinge. Mittlerweile bin ich nur noch ein Einmannbetrieb.“ Seit 2004 gibt es aus diesem Grund auch nur noch das Ludwigshafener Geschäft. Der Pfälzer betreibt die Buchbinderei noch als echtes Handwerk. Große Maschinen gibt es bei ihm nicht. „Natürlich habe ich Apparate wie einen Planschneider. Der Großteil ist aber Handarbeit.“ Für die Goldprägungen an Buchrücken benutze er zum Beispiel eigenes Vergoldewerkzeug, das teilweise 150 Jahre alt ist. Ausbildungen bietet der 53-Jährige mittlerweile nicht mehr an. Das liege aber nicht an mangelndem Interesse. „Über die Jahre haben wir bestimmt um die 50 Buchbinder ausgebildet. Ich bekomme auch heute immer wieder mal Anfragen. Aber um einen Lehrling auszubilden, braucht man viel Zeit. Da ich alleine bin, würde ich diesem Anspruch nicht gerecht werden.“ Einige junge Leute nutzten die Ausbildung als Grundlage für ein späteres Studium im Bereich Design oder Kommunikationswissenschaften. Die Digitalisierung hat aber auch in dieser Branche Spuren hinterlassen. Früher seien Fachzeitschriften ein großes Feld gewesen. „Die Leute haben sich Ausgaben von der Neuen Juristischen Wochenzeitschrift oder von der Zeitschrift für Steuerrecht binden lassen. Das ist ziemlich zurückgegangen.“ Stattdessen gebe es neue Aufträge. Für einen Kunden habe er schon mal einen ausgedruckten Chatverlauf gebunden. „Es läuft sehr stabil. Dabei kommt es nicht auf die Anzahl der Aufträge an, sondern auf den Aufwand, der dahinter steckt.“ Für die Zukunft sehe er eher mehr als weniger Arbeit auf sich zukommen. „Die Leute wollen ein Buch in der Hand haben. Bei privaten Aufzeichnungen, die nicht jeder lesen soll, können sie sicher sein, dass das nicht gehackt werden kann.“ Für Müller, der im Mai von der Buchbinder-Innung der Pfalz den Silbernen Meisterbrief für 25 Jahre erhielt, ist sein Handwerk ein Traumberuf. „Wenn ich alte Bücher auseinandergebaut habe, sehe ich, was der Buchbinder vor 150 Jahren mit dem Stück gemacht hat. Das ist immer spannend.“ Manchmal sehe er, ob die Kollegen vor ihm bei der Verarbeitung einen Fehler gemacht hätten. „Und dann gibt es Fälle, da denkt man: ,Donnerwetter, auf die Idee muss man erst mal kommen.’“ Neu dürfen alte Bücher nach der Restauration aber nicht aussehen. „Die Kunden wollen das Alte auch danach noch wiedererkennen. Details sind da wichtig.“ So dürften ungerade Goldlinien am Buchrücken nicht einfach gerade nachgezogen werden. Wenn er mit seiner Restauration fertig sei, halte das Buch diesen Zustand im besten Fall für zwei- bis dreihundert Jahre. „Das ist das Beste: Wenn man ein Buch gerettet hat.“