Radsport
60 Jahre Ost-West-Ausscheidung in Friesenheim
Das wohlbehaltene Fotoalbum, das Karl Fücks an Pfingsten in die Dudenhofener „Badewanne“ mitbrachte, gehört wohl zu seinen besten Stücken. Es steckt voller Schwarz-Weiß-Bilder, die er mit seinem ersten Fotoapparat machte, handschriftlich kurz und knapp unterlegt mit den wichtigsten Angaben. Damals war er 15, und heute zählt er fast 80 Lenze. Die Sammelleidenschaft des gebürtigen Speyerers ist ungebrochen geblieben. Einen „Barfußhistoriker“ nennt sich Karl Fücks.
Wahrlich historisch ist jene Begebenheit, die sich nun zum 60. Male jährt, von der sich junge Radsportfans überhaupt keine Vorstellung machen können und die Karl Fücks voller Stolz präsentiert. Ost-West-Ausscheidung – so hieß die Veranstaltung, die am 9. August 1964, drei Jahre nach dem Berliner Mauerbau, auf der Friesenheimer Radrennbahn ausgetragen wurde. Es musste die Auswahl im Bahnradsport gefunden werden, die Teil der gesamtdeutschen Mannschaft bei den Olympischen Spielen in Tokio sein sollte. Erst vier Jahre später in México City traten zwei getrennte Mannschaft für die DDR und für die Bundesrepublik an.
Olympiasieger Link
Diese Ost-West-Ausscheidung hat der 64er Olympiasieger Karl Link, der spätere Bahnrad-Bundestrainer und Leiter des Olympiastützpunktes in Stuttgart, bestens in Erinnerung. „So etwas vergisst du nie. Wir fuhren nicht gegeneinander, sondern nacheinander. Erst wir, dann die DDR. Wir waren stark, doch die Gegner lagen dann eine Sekunde voraus – bis sie sich auseinander schraubten. Der DDR-Vierer ist nach drei Kilometern geplatzt. Peng waren sie weg“, lässt Link das damalige Geschehen noch mal herzhaft aufleben. Die Siegerzeit damals: 4:35,50 Minuten. Auf Beton und im Wind. Zum Vergleich: Beim Olympiasieg in der 4000-m-Mannschaftsverfolgung in Sydney fuhren die Deutschen erstmals unter vier Minuten, in Paris gehen die Medaillen bei 3:42 Minuten weg.
Eine Woche darauf ging’s nach Leipzig zur Revanche. „Gefühlt fuhren wir als Könige dorthin. Das war ein Heimspiel für uns. Da waren 6000 Leute. Auf der Haupttribüne saßen 500 mit DDR-Fähnchen, alle anderen aber jubelten uns zu“, erinnert sich Link. Und auch daran, dass es plötzlich zwischen ihm, Karl-Heinz Henrichs, Lothar Claesges und Ernst Streng nicht mehr stimmte. Sie hatten sich zu sehr in Sicherheit gewogen, verloren um eine Sekunde. Es stand 1:1.
Die Weltmeister
Nach der WM Mitte September in Paris, wo sich Link & Co souverän den WM-Titel holten, mussten sie noch mal ran – in Köln und wieder in Leipzig. Beide Male gewannen die „Wessis“, deren Weg zum Olympia-Gold in Tokio damit geebnet war, zum ersten von fünf deutschen Olympiasiegen (1964, 1972, 1976, 1992, 2000) in der Vierer-Mannschaftsverfolgung. Heute ist der Lack am Vierer ab, in Paris reichte es nur zu Platz neun. Bundestrainer war damals nicht, wie viele glauben, Gustav Kilian, der „Goldschmied“, sondern der Krefelder Bubi Aeymans. Nennenswert ist noch, dass am Abend vor dem Kölner Rennen Jürgen Kissner aus dem DDR-Vierer Fahnenflucht beging, jener Jürgen Kissner, der vier Jahre später in México City im West-Vierer fuhr, im Finale Karl-Heinz Henrichs mit der Hand berührte und scheinbar anschob, wonach der siegreiche deutsche Vierer disqualifiziert wurde und letztlich nur Silber bekam. Wieder mit Karl Link (heute 82) aus Herrenberg. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.
Zurück zur Friesenheimer Ost-West-Ausscheidung im Bahnradsport. Der Straßenvierer für Tokio, das am Rande, setzte sich übrigens aus zwei Westdeutschen und zwei Ostdeutschen zusammen, die zuvor nie miteinander trainiert hatten. „Die Friesenheimer Bahn lief gut, der Belag war sauber. Ich bin dort gerne gefahren, und da hat es Leute gehabt, ohne Ende, das war Wahnsinn“, lobt Link, der zwei Jahre davor in Dudenhofen deutscher Zweier-Mannschaftsmeister über 100 Kilometer geworden war – mit Pit Glemser.
Taffer Klehr
„Wir hatten damals fast 14 Tage in einer Pension in Oppau gewohnt, ganz in der Nähe der Radrennbahn und auch in der Nähe zu Walfrid Klehr, der einen Schreibwarenladen hatte. Klehr war damals Bahnfachwart im Verband, ein taffer Mann, der auch die Vorverhandlungen mit der DDR führte“, erinnert sich Link. Trainiert hatten sie auf den flachen Straßen zwischen Ludwigshafen und Bad Dürkheim, auf Straßenmaschinen mit Starrlauf und einer Übersetzung von 42-15, also 42 Zähnen auf dem Kettenblatt und 15 auf dem Ritzel. „Wir waren so schnell, das glaubst du nicht, wir mussten natürlich in den Ortschaften Tempo rausnehmen. Als ich einmal aus der Pedale gekommen bin, bin ich nicht mehr hinterhergekommen. Aber das war ein wahnsinnig gutes Training für uns“, sagt Karl Link heute.
Karl Fücks’ Sammelleidenschaft, vor allem aber seine Begeisterung für den Bahnradsport hatte mit seinen Schwarz-Weiß-Fotos in der Dudenhofener Badewanne begonnen, ja sogar schon etwas früher, als ihn die Altig-Brüder Willi und Rudi in ihren Bann gezogen hatten. Eigentlich an Pfingsten 1957, als der Rudi, der sich mit seinem Bruder, aus Mannheim kommend, auf dem Rennrad warmgefahren hatte und den damals 13-jährigen Karl freundlich bat: „Her, trag mol moi Rad in die Bahn noi.“
TSV Speyer
Auch auf der Friesenheimer Zementpiste war Fücks als junger Kerl zuhause, wie überhaupt die Verbindung zu Ludwigshafen, wo die Eltern ausgebombt worden waren, nie abriss. Sein sieben Jahre älterer Bruder Rudolf, der als Beamter bei der Stadt Ludwigshafen arbeitete, gründete 1972 den VBC Ludwigshafen, Karl Fücks selbst, ein gelernter Werkzeugmacher, verdiente seine Brötchen als Maschinenbautechniker über 30 Jahre in der BASF. Als Mittelstreckler verdingte er sich auch mal kurz beim ABC Ludwigshafen, startete aber dann doch länger für den TSV Speyer und machte sich als aktiver Bergsteiger einen Namen. Seit 40 Jahren lebt er in Edesheim, leitet bei der dortigen SG eine Herren-Gymnastikgruppe und absolvierte gerade zum 58. Mal das Sportabzeichen. „Es ist Jahr für Jahr mein persönlicher TÜV“, sagt er. Die Kontakte nach Speyer sind nie abgerissen, seine Schwester lebt dort, und deren Tochter Lenelotte Möller, eine Historikerin und Buchautorin, ist die Schulleiterin des Friedrich-Magnus-Schwerd-Gymnasiums.
Als er in seinem Album blättert, sagt er: „Sie glauben gar nicht, wie stolz ich bin, ihnen das heute zeigen und davon erzählen zu können.“ Damals habe man noch gesagt, die Zone sei nach Friesenheim gekommen, erinnert er sich, und im Innenraum der mehr als ausverkauften Radrennbahn an der Weiherstraße habe es ein Ostzone-Lager und ein Westzone-Lager gegeben. Geredet hätten die Fahrer, obgleich sie dieselbe Sprache sprachen, nicht miteinander, aber übereinander. „Das klingt mir noch sehr unschön in den Ohren, wenn manche die DDR’ler verspotteten, sie hätten nicht mal Bananen oder Jeans und könnten auch nicht auf Mallorca fliegen“, sagt Karl Fücks.
Gesprochen haben Karl Fücks und Karl Link nie miteinander, aber diese beide sind durch ein Stück Ludwigshafener Sportgeschichte miteinander verbunden.
