Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel 2025 bringt den Realitätstest für die Domstadt

img_2993

Auch für das Jahr 2025 ist absehbar: Wunsch und Wirklichkeit werden nicht immer eins sein in der Speyerer Stadtpolitik. Und das ist auch ganz normal so.

Wenn die Stadt Speyer im neuen Jahr endlich die mehr als 23 Hektar vom Gelände der früheren Kurpfalzkaserne vom Bund erwerben darf, dann eröffnen sich ihr Entwicklungsperspektiven, die sie lange nicht mehr hatte. Neue Flächen für Wohnbau sind dringend nötig. Und doch: Auch dieses Projekt darf symbolisch dafür stehen, dass Wunsch und Wirklichkeit ganz oft nicht deckungsgleich sind, wenn Politik auf Realität trifft. Bei dem Konversionsprojekt im Speyerer Norden gab es vor Jahren große Träume vom „Pionier-Quartier“ als riesigem Wohn- und Gewerbegebiet, bevor die Realität der Landeserstaufnahmeeinrichtung, der landwirtschaftlichen Bedarfe und der legitimen eigenen Vorstellungen der Nachbargemeinde Otterstadt die Möglichkeiten einschränkte.

So oder so ähnlich sieht es an vielen Stellen in der Domstadt aus. Der Industriehof als einzigartiges Industriedenkmal? Das ist nur über Kompromisse mit den Eigentümern zu sichern, die ihre Kosten für den Erhalt der bröckelnden Substanz auch wieder hereinholen müssen. Mit klug beigemischtem Neubau scheint das Gebiet auf eine gute Entwicklung zuzusteuern. Das einstige Normand-Sportgelände als große Baufläche mitten in der Stadt? Auch da sind die kühnsten Wohneinheiten-Träumer längst aufgewacht: Ach richtig, man darf ja ausreichende Grünflächen nicht vergessen! Die Innenstadt als per Fahrrad und Bus angesteuerter Traum von inhabergeführtem Einzelhandel in historischer Kulisse? 2025 sind hoffentlich die Lehren gezogen, dass das nicht ohne ein Entgegenkommen an all jene geht, die die Geschäfte betreiben und von ihren potenziellen Kunden auch erreicht werden sollen. Stichwort: Parkmöglichkeiten und -gebühren.

Vorlagen fürs Wünsch-dir-was

Solche Einschränkungen, die die Stadtentwicklung erschweren können, sind völlig normal in einem öffentlichen Gemeinwesen mit vielen Akteuren. Es liegt beileibe nicht immer nur an der gerne kritisierten Stadtverwaltung – die aber ihrerseits aufpassen muss, die Wünsche nicht zu hoch zu schrauben. Beispiel Postplatz: Mit etlichen Bürgerbeteiligungsrunden über Jahre hinweg gab sie Vorlagen fürs Wünsch-dir-was. Die Speyerer, die ihre Stadt lieben und zurecht viel von ihr erwarten, griffen dankbar zu. Nun stellt sich jedoch heraus, dass der Denkmalschutz und Zugeständnisse an die Postgalerie-Betreiber die Möglichkeiten sehr begrenzen – sind da enttäuschte Erwartungen nicht bereits programmiert? Befremdend lässt sich in dieser Hinsicht auch der Planungsprozess an, bei dem im Geiste schon alle möglichen Nutzungen in das ehemalige Stiftungskrankenhaus „gepackt“ werden, ohne dass der große Realitäts- und Kostencheck bei einem defizitären Haushalt gemacht worden wäre.

Apropos Denkmalschutz: Im neuen Jahr wird wohl auch der Prozess zur Ausweisung eines über den bisherigen Schutzstatus hinausgehenden „Stadtdenkmals“ die nächsten Stufen nehmen. Hier könnten die Risiken die Chancen überwiegen: Das Versprechen, Speyers einmaliges Stadtbild zu erhalten, würde mit Zumutungen für Eigentümer gerade in Randbereichen der Altstadt erkauft, die mit einem gesunden Realitätssinn nicht immer nachvollziehbar sein werden.

Nicht aufs hohe Ross

Speyer hat für eine 50.000-Einwohner-Stadt außerordentlich große Entwicklungschancen. Die Akteure können sie ergreifen, wenn sie sich nicht selbst im Weg stehen. Der zersplitterte und zerstrittene Stadtrat muss sich zusammenraufen, die Verwaltung muss auf die Fraktionen zugehen statt aufs hohe Ross zu steigen. Oberbürgermeisterin Stefanie Seiler (SPD) – kurz vor der Rückkehr aus dem Mutterschutz und weiter ohne absehbare Gegenkandidaten vor der Neuwahl 2026 – kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Wer seine Träume verwirklichen will, muss wach sein, sagt der Volksmund. Und er muss anerkennen, dass die Welt komplex ist. Im großen Maßstab wie im kleinen Speyer. In diesem Sinne: Auf ein gutes neues Jahr 2025!

x